Bande de filles

Coming-of-Age ist kein Genre! Céline Sciamma beschließt ihre Trilogie der weiblichen Adoleszenz in der Pariser Banlieue und bewahrt ihr Milieu vor der Studie.

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Mittendrin gibt’s ein kleines Musikvideo. Die vier Mädchen spielen Rihanna. „Diamonds“ hallt durch das kleine Hotelzimmer, und Céline Sciamma lässt den Song bis zum Ende durchlaufen. Die Performance – erst noch vorsichtiges Playback, später lautes Mitsingen – ist zumindest für einen der Teenager das, was man gemeinhin einen Coming-of-Age-Moment nennt. Die schüchterne Marieme (Karidja Touré) macht sich irgendwann im Laufe dieses Liedes mal so richtig locker und hat Spaß. Sie schaut immer seltener zu den anderen hinüber, gibt sich nicht mehr der Nachahmung der coolen neuen Freundinnen hin, sondern ihrem eigenen Körper, ihrer eigenen Stimme. Erwachsenwerden ist beides. Begierige Anpassung an eine Norm, weil sie nicht mehr die der Eltern ist, Aneignung der eigenen Stimme, die auf einmal an Kraft gewinnt.

Eine neue Welt eröffnet sich

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Mit Bande de filles schließt Sciamma so etwas wie eine Trilogie ab. Mit Water Lilies (2007), Tomboy (2011) und nun eben Bande de filles hat die Regisseurin dreimal einen Blick auf weibliche Jugendlichkeit geworfen und damit bewiesen, dass dieses häufig bemühte Coming-of-Age mehr ist als ein stets funktionierendes dramaturgisches Rezept, weil es auch im Leben mehr ist als eine Lebensphase, eine Ansammlung erster Male oder Kette von Erniedrigungen. Es ist vor allem die Eröffnung einer neuen Welt, die Verschiebung der Perspektive, die Erschließung eines ganzen Universums, das völlig anderen Kräften folgt als das gekannte. Das Leben plötzlich bestimmt durch eigene Wünsche, zugleich einem völlig neuartigem Druck ausgesetzt. In Water Lilies zeigt die Anfangssequenz ein paar jugendliche Synchronschwimmerinnen, die unter Wasser gänzlich asynchron und jede für sich strampeln müssen, um über Wasser die merkwürdige Illusion anmutiger Konformität zu erreichen: Selbst-Werden und Normal-Werden, zwischen diesen Polen spielt sich hier alles ab.

Die Minen in unserem Wahrnehmungsapparat

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Bande de filles erzählt nun dasselbe, und doch etwas ganz anderes. Denn der Film steigt nicht mit graziösen Schwimmerinnen ein, sondern mit heftig gepolsterten American-Football-Spielerinnen. Das entspricht seinem Schauplatz. War Water Lilies noch enthoben von den sozialen Umständen oder Familiengeschichten, und konzentrierte sich Sciamma in Tomboy noch ganz auf die Geschlechterordnung und ließ die Hintergründe der Kinder eher unbeleuchtet, so spielt Bande de filles in einem quasi-segregierten Randviertel von Paris. Damit begibt sich Sciamma auf neues Terrain. Und dieses Terrain ist vermintes Feld, bringt doch schon das Setting eine ganze filmische Tradition mit sich. Und diese Minen liegen tief in unserem Wahrnehmungsapparat. Ein schwarzes Mädchen, das nach der Schule nach Hause kommt, sich um seine Geschwister kümmern muss, bevor die alleinerziehende Mutter da ist. Mit diesen Bildern sind wir nicht bloß angekommen in einem Milieu, sondern auch im dazugehörigen Rezeptionsmodus, den gänzlich zu verlassen gar nicht so leicht ist. Die Konfrontation mit den eigenen Sehgewohnheiten ist es, die gewahr werden lässt, dass der Bruch mit dem sozialrealistischen Regime nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine politische Notwendigkeit ist.

Milliarden Blautöne statt Sozialbautristesse

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Bande de filles ist mit zwei Stunden deutlich länger als seine Vorgänger, und dass er mit seiner durch Schwarzblenden strukturierten Erzählweise auch weniger bescheiden daherkommt, ist nur konsequent, strebt doch schon sein Sujet genügend in Richtung dokumentierter Tragik. So verzichtet Sciamma auf jegliche Sozialbautristesse, übertüncht das erwartete Grau mit Milliarden von Blautönen. Zum Beispiel das Blau von Mariemes neuem Kleid, einer von vielen Markern ihrer ersten Verwandlung. Sie glättet ihre Haare, als sie sich ihrer neuen Clique anschließt; als sie sich von ihr wieder abwendet, steckt sie sie hoch, um in der Männerwelt der Drogendealer anerkannt zu werden. Man sieht schon: Mit den thematischen Motiven des engagierten Kinos und den in ihren anderen beiden Filmen eher abwesenden klaren Kausalitäten gelangt Sciamma zeitweise so doch in eine Logik, der sie sich eigentlich entsagt hatte. Der Bruch mit der realistischen Tradition findet jedenfalls nicht auf Ebene der Handlung statt – vielleicht kann er das gar nicht, weil er eben dort noch gebraucht wird für ein politisches Kino –, sondern in den Bildern, die eben nicht nur Realität abbilden, sondern stumme Begehren spürbar machen und den Mädchen – fern davon, sie zu idealisieren – zum eigenen Ausdruck verhelfen.

Ein gemeinsamer Nicht-Ort

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Und so macht dieser Film etwas mit uns, das weit über jede Entrüstung und jedes Mitleid hinausgeht. Wenn Marieme gegen Ende des Films über einen Heiratsantrag (besser gesagt: Heiratsvorschlag) ihres Freundes nur milde lächeln kann, obwohl alle anderen Optionen in gefährliche Sackgassen zu münden scheinen, dann ist die Ideologie der freien Entscheidung längst mühelos entlarvt –  und zwar ganz ohne Behauptung von Ausweglosigkeit und Beschwörung eines sozio-ökonomischen Determinismus. Für diesen Balanceakt ist das Coming-of-Age, wie Sciamma es immer wieder umkreist, geeignetes Vehikel. Denn das Erwachsenwerden führt zwar rasch zum Erkennen der unendlichen Beschränkungen der Verhältnisse. Zugleich aber bedeutet es die Eröffnung eines ganzen Horizonts der Wünsche und Möglichkeiten. Die schüchterne Marie aus Water Lilies, die kleine Laure aus Tomboy, die so gern ein Junge sein möchte, und schließlich Marieme – sie alle wirft Sciamma in eine vollständig filmische Welt, in der das Erkennen von Freiheit und ihrer Unmöglichkeit in eins fällt. Coming-of-Age ist bei Sciamma deshalb keine bestimmte filmische Struktur, kein gleichschaltendes Subgenre, sondern gemeinsamer Nicht-Ort, von dem aus sich über Differenzen erst nachdenken lässt, in dem das Milieu ernst genommen und zugleich vor der Milieustudie bewahrt wird.

Kleiner Epilog

Ob Kalkül oder Zufall, der internationale Titel des Films (Girlhood) lässt an einen anderen großen Festivalfilm dieses Jahres denken. Und obwohl Bande de filles gar nicht viel zu tun haben mag mit Richard Linklaters episch angelegtem Porträt einer Jugend, bietet Sciammas Film doch ein wichtiges Korrektiv. Weniger als mit erhobenem Zeigefinger vorgetragene Kritik, dass dort doch nur ein „privilegiertes“ und nur scheinbar so normales und universelles Schicksal gezeigt wird, sondern eher als ganz und gar filmisch motivierte Erkenntnis, wie voraussetzungsvoll die berechtigt seligen Ach-ja-das-Leben-Seufzer nach kleinen Wunderwerken wie Boyhood sind. Und dafür braucht es nicht mal Betroffenheit.

Trailer zu „Bande de filles“


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