Aquarius – Kritik

Es gibt noch Hoffnung für ältere Frauen im Arthouse-Kino. Kleber Mendonça Filho lässt seine Heldin, gestärkt von schönen Erinnerungen, für eine bessere Zukunft kämpfen.

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In einer der ersten Szenen von Aquarius gibt es einen seltsamen Moment: Tante Alicia, die im weiteren Verlauf des Films keine Rolle mehr spielt, bekommt von ihrer Verwandtschaft beste Geburtstagswünsche. Und während der Großenkel gerade eine Rede auf die Jubilarin hält und von ihren Lebenskämpfen erzählt, schweift Alicias Blick auf eine alte Kommode, die in ihr eine Erinnerung weckt. Diese hat jedoch nichts mit all dem zu tun, was man als Errungenschaft einer älteren Frau bezeichnen würde. Es ist vielmehr die ferne Erinnerung an einen Liebhaber, der beim Sex seinen Kopf zwischen ihren Beinen vergräbt.

Klassisch im Großen, überraschend im Kleinen

Wichtig ist dieser kurze Augenblick, weil er zeigt, welche Prioritäten der brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho in seinem zweiten Spielfilm setzt. Wenn er wenig später vom Jahr 1980 in die Gegenwart springt und erzählt, wie sich Alicias Nichte Clara (Sonia Braga) als letzte Verbliebene in ihrem Haus gegen eine übermächtige Immobilienfirma auflehnt, dann geht es dem Regisseur zwar auch darum, seinen Film zu einer vertrauten Geschichte zu verdichten, aber mit dem gleichen Eifer will er dieser Geschichte auch Leben einzuhauchen; die Flüchtigkeit des Moments  feiern und die Bedeutung des Nebensächlichen. Aquarius ist als Gesamtes so klassisch und vorhersehbar, wie er in jedem seiner einzelnen Momente im Kleinen zu überraschen weiß.

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Die Vergangenheit ist in Mendonça Filhos Film omnipräsent. Begleitet von gemütlichem Bossanova eröffnet Aquarius mit Schwarzweißfotografien von überfüllten Stränden in der Küstenstadt Recife. In einer Gegenwart, in der selbst die Drogendealer aus gutem Hause kommen, ist davon kaum etwas geblieben. Bis auf Claras lichtdurchflutete Wohnung, die nicht nur der Modernisierung strotzt, sondern auch ein sozialer, vorwiegend familiärer Schmelztiegel ist. Immer wieder holt Clara eine Platte aus ihrer Sammlung und lässt damit eine musikalische Vergangenheit aufleben, die keine museale ist, sondern neu entdeckt werden will. Als die Freundin ihres Neffen zu Besuch ist, entsteht durch eine dieser Platten eine generationenübergreifende Bindung zwischen den beiden Frauen, die eher von einem tiefen Verständnis als von Sentimentalität geprägt ist. Einmal sagt die Autorin Clara (von deren Tätigkeit wir allerdings außer einem Buch über den Komponisten Heitor Villa-Lobos nicht viel erfahren) in einem Interview, dass für sie Platten letztlich nicht wichtiger sind als die MP3s, die sie hört. Aquarius hat ein ähnliches Verhältnis zu den unterschiedlichen Zeiten. Er trauert keiner besseren Vergangenheit nach, sondern kämpft, gestärkt von schönen Erinnerungen, für eine bessere Zukunft.

Widerstand gegen Arthouse-Versuchungen

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Dass aus Aquarius ein besonderer Film geworden ist, hat vor allem mit der Aufgabe zu tun, die er sich vorgenommen hat. Gleich in zweifacher Hinsicht begibt sich Mendonça Filho auf gefährliches Terrain; einerseits mit seiner gentrifizierungskritischen David-gegen-Goliath-Geschichte – die eigentlich nur auf einen unbefriedigenden Showdown hinauslaufen kann, der entweder versöhnlich oder miserabilistisch ausfallen muss – und andererseits mit dem Porträt einer Frau über sechzig. Oft genug ist im Kino zu sehen, wieviel man mit diesen Themen falsch machen kann. Doch Aquarius gelingt es überwiegend, den naheliegenden Versuchungen zu widerstehen. So verzichtet er beispielsweise darauf, die Immobilienfirma und ihre schneidige Personifikation – den scheinbar perfekten Schwiegersohn Diego (Humberto Carrão) – zu dämonisieren. Das gelingt ihm etwa, in dem er sich immer wieder anderen Aspekten von Claras Leben widmet oder den Fokus beiläufig auf andere Protagonisten im kapitalistischen System richtet, die sich gegen die Heldin positionieren. Mal ist das die von Korruption geprägte herrschende Klasse, mal ehemalige Mieter, die auf ihre versprochene Prämie warten oder auch die eigenen, von Geldproblemen geplagten Kinder.

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Mendonça Filho macht kein Geheimnis daraus, dass er im Vergleich zu seinem deutlich zerstreuteren, wenn auch ähnlich revolutionär gesinntem Debüt Neighbouring Sounds (O som ao redor, 2012) diesmal einen Film gedreht hat, der nicht nur zugänglicher erzählt, sondern auch ganz auf seine prominente Hauptdarstellerin zugeschnitten ist. Interessant daran ist jedoch, was er aus dieser undankbaren Voraussetzung alles herausholt. Er schafft eine Hauptfigur, die uns zwar mit ihrer Offenheit und einem unerschütterlichen Kampfgeist für sie einnimmt, dabei aber nicht zu aufdringlich um unsere Sympathie buhlt. Clara ist eigensinnig und ein bisschen eso, wird aber nicht verniedlicht (ältere Leute trifft im Kino ja leider oft das gleiche Schicksal wie Kinder und Tiere). Claras Brustkrebserkrankung oder ihr Sexleben werden nicht bemüht normal inszeniert – als großzügige Geste eines Regisseurs, der weder alt noch krank ist –, sie sind es in diesem Film einfach. Statt Szenen zu konstruieren, die nur um ihre eigene Klimax kreisen oder das Publikum mit billigen Pointen abzuspeisen, breitet Mendonça Filho vielschichtige Alltagstexturen aus, die zwar nie ihre Protagonistin, dafür aber immer wieder ihr Zentrum verlieren. Wegen seiner geduldigen Exposition und seinem neugierig umherschweifenden Blicks kann man es Aquarius auch nicht übelnehmen, dass er schließlich doch noch auf eine Katharsis hinausläuft.

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