Am Abend aller Tage

Henry James, Markus Busch, Dominik Graf. Genügend Reibungspotenzial für einen ungewöhnlichen Fernsehabend zwischen medialer Weltumarmung und Selbstverkapselung. 

Alte lachen über ihr Alter

Am Abend aller Tage 1

In einem dieser Dachgeschosse in einem dieser hohen Häuser tagt eines dieser Konsortien. Sie interviewen den spontan unsympathischen Philipp Keyser (Friedrich Mücke). Er hat schon mal für sie gearbeitet, das vermasselt und steht nun dennoch wieder auf der Matte. Welche Qualifikationen er mitbringt, ist einigermaßen unklar, den Zuschlag erhält er dennoch. Eine fast surreale Begegnung, deren Höhepunkt darin besteht, wie sich die betagte Wortführerin der Gruppe über das eigene Alter belustigt.

Am Abend aller Tage 2

Am Abend aller Tage eröffnet furios. Er ist anspielungsreich und verortet sich scheinbar mitten im gegenwärtigen Kino. Der Protagonist entstammt einem Reigen neoliberaler Drecksäcke, wie sie unsere Gegenwart nur so auf die Leinwand zwingt. Die Story gibt sich zu erkennen als Kunst-Thriller, ein irgendwie in Mode kommendes Subgenre, inklusive Link zum Holocaust. Nicht Abenteuer in Rio (L’Homme de Rio, 1963) also, sondern die deutsche Version. Keyser könnte allerdings nicht nur in den Paralleluniversen von Unter dir die Stadt (2010) oder Die Blumen von gestern (2016) auftauchen, sondern beispielsweise auch in Die Erfindung der Wahrheit (Miss Sloane, 2016). Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman The Goldfinch (2013) – gewissermaßen die ultimative episch-literarische Gemäldeodyssee – klingt ebenfalls im medialen Gedächtnis des Zuschauers an.

Literatur als Steilvorlage

Am Abend aller Tage 3

All diese Fährten enttäuscht der Film aber recht genüsslich – was mit seiner Vorlage zusammenhängt: Markus Busch, der bereits mehrmals für und mit Dominik Graf geschrieben hat, liefert mit Am Abend aller Tage die zweite Henry-James-Adaption nach Die Freunde der Freunde (2002). Diesmal dienten Die Aspern-Schriften (1888) als Vorlage. Und darin geht es auf allen Ebenen – formal und inhaltlich – um die Enttäuschung des Erwarteten. Bei Busch und Graf wird aus Venedig München, aus Literatur Malerei. Sie übernehmen das Motiv des Gartens und konstruieren ein Mosaik von Reflexionen über Kunst, Vertrauen und Sichtbarkeit. Während der Garten irgendwann blüht und sprießt, funktioniert der Film fast spiegelverkehrt. Ranken zu Beginn noch seine Anspielungen und Verweise, verschließt sich die Adaption immer mehr, scheinbar auch der Vorlage gegenüber. Während dort die Entlarvung des berichtenden Literaturliebhabers – vor sich selbst, den Figuren und dem Leser – als Triebfeder fungiert, wählt Am Abend aller Tage einen anderen Weg. In der Novelle werden die Hinterlassenschaft und das Liebesleben eines (an Shelley orientierten) Romantikers zum Fluchtpunkt. Im Film wird dem intrigant rücksichtslosen Philipp ein romantischer Irrweg beschieden, der sein marodes Persönlichkeitsinventar schließlich ähnlich wie besagten Garten ein wenig erblühen lassen darf.

Irrungen, Wirrungen

Am Abend aller Tage 4

„Sie sind ein schlechter Mensch, ich will Sie nicht mehr sehen!“ So zunächst die völlig nachvollziehbare Reaktion von Alma (Victoria Sordo), der Nichte des Mannes, in dessen Besitz Philipp und die Rentnergang das Gemälde vermuten. Ein Satz wie gestohlen aus dem sonstigen Filmprogramm der ARD. Und der geschulte Fernsehzuschauer wird auch nicht enttäuscht. Natürlich besinnt sich Alma eines anderen – nur ist nie ganz klar, aus welchen Gründen und mit welcher Intention.

Am Abend aller Tage 6

Alma, die ausgestellte Kunst und deren prognostizierten kommerziellen Erfolg verlacht, schafft Kunst für den Augenblick, ehe sie selbst – vorübergehend – zum Kunstwerk wird. Das Aufeinander-zu-und-voneinander-weg-Driften zwischen Alma und Philipp strukturiert die Erzählung. Sie entspinnt sich in ständigen Variationen und gewollten Redundanzen. Während besonders bei Grafs Kriminalfilmen ein Prinzip der Verdichtung herrscht, begibt sich Am Abend aller Tage immer wieder sinnierend in einen Leerlauf.

Autorenfilme

Am Abend aller Tage 7

Am Abend aller Tage ist der Mittelteil eines von der ARD programmierten Markus-Busch-Festivals: Gerade lief Didi Danquarts Goster, im Juni wird Jan Bonnys Borowski und das Fest des Nordens ausgestrahlt. Sehr unterschiedlich rhythmisierte Erzählungen, die nicht nur die Bandbreite eines einzelnen Autors belegen, sondern auch die Möglichkeiten, die sich einer öffentlichen Fernsehanstalt eigentlich regelmäßig böten. Schließlich agieren da nicht nur Keysers und Konsort(i)en!

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