Across the River

Lorenzo Bianchinis Low-Budget-Geistergeschichte ist simpel konstruiert, effektlos inszeniert und mitunter holprig erzählt. Doch gerade das weckt Aufmerksamkeit.

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Wenn im Horrorfilm das Grauen plötzlich in Erscheinung tritt, wenn es sich zum ersten Mal aus seinem Versteck in den Bildkader hineinwagt, dann geschieht dies meist mit einem Schock. Es scheint, als müsse die Schwelle der Sichtbarmachung mit einem Knall überschritten werden, mit einer lautstarken Begrüßung, die den Schrecken, der zuvor an die Pforte klopfte, gebührend in Empfang nimmt. In Lorenzo Bianchinis Geistergrusel Across the River geschieht genau dies nicht. Dennoch kündigt sich das Unheimliche beharrlich an: Schreie hallen durch das Dunkel des Waldes, überall tauchen Tierkadaver auf, irgendetwas kreucht knarzende Flure entlang. Und mit einem Male ist es plötzlich da, als wäre es so natürlich wie das Dickicht der Bäume, das es umgibt.

Geduldiges Blicken statt Erstarren im Schock

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Bianchini gibt sich als purer Minimalist zu erkennen, der aus seinen beschränkten Mitteln ein langsam keimendes Grauen heraufbeschwören möchte. Und so sehr er es auch ständig zwischen aufgehängten Laken und in den Ecken und Winkeln verfallener Häuser lauern lässt, geht er doch recht behutsam mit ihm um, bis er es völlig unvermittelt und lautlos preisgibt. Er will uns nicht in Schock versetzen, sondern uns zu genauen Beobachtern machen.

Sein Protagonist Marco Contrada (Marco Marchese) ist so ein genauer Beobachter. Er führt Zählungen zum Wildbestand in den friaulischen Wäldern durch. Als er in ein verlassenes Dorf kommt, häufen sich merkwürdige Entdeckungen und Vorkommnisse, die den Forscher an seinem Verstand zweifeln lassen. Seine Arbeit ist eine, die vom geduldigen Blick bestimmt wird. Auswerten von Videomaterial, Umherschweifen mit dem Fernglas, Lesen und Dokumentieren von Spuren. Es ist ein geschulter, rationaler Blick, und schnell durchzieht etwas sehr Irrationales diese menschenleeren Gefilde.

Dem Zuschauer die Orientierung entreißen

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Von der klassischen Gespenstergeschichte, die immer stärker Bahn zu brechen droht und deren Motivik sich der Regisseur bedient, kommt Across the River jedoch etwas ab. Bianchini will uns verwirren, doch nicht in der Weise, wie es das gewiefte moderne Horrorkino etwa mit unserer Erwartungshaltung tut. Die Erzählung wird nicht umgelenkt, nicht aufgebläht, im Gegenteil. Sie wird zu einem äußerst konzentrierten Destillat verknappt, das schließlich nur noch marginal von Belang ist.

Das Geschehen zerfällt mehr und mehr, wird zu einem dramaturgisch losen, ungeordneten Bilderfluss, der unsere Orientierung mit sich fortreißt. Wenn Contrada, weil ihm eine Flucht unmöglich ist, zu einer Art Einsiedler des geheimnisvollen Dorfes wird, der mal vor Schreck gespannt mit ausgerichteter Waffe die Räume durchquert, mal von Müdigkeit überwältigt wortlos auf Stühlen und in Zimmerecken verharrt, verlangt jedes Bild eine präzise Erkundung. Zusammenhanglos bewegt er sich irgendwie durch das Dorf und seine Häuser, immer wieder in denselben, dann wieder in ganz neuen, fortwährend ist er in Bewegung, aber gleichzeitig auch in unüberwindbarem Stillstand.

Grauen, das die Sinne schärft

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So holprig das Ganze erzählerisch auch erscheinen mag und so ungelenk inszeniert das Geschehen zunehmend wirkt, umso mehr appelliert der Film an unsere Empfindungen. Die Geschichte gerät ins Stocken, und jeder Szenenwechsel erschwert es uns, uns zurechtzufinden. Bis wir letztlich gefangen genommen werden im Gewirr der wackeligen Aufnahmen. Wie in rabenschwarzer Dunkelheit müssen wir die Sinne schärfen und uns weiter vortasten. Nicht dass Bianchini einen eindeutigen Realitätsverlust Contradas arrangieren würde, doch lässt sich das Übernatürliche auch als Hirngespinst eines verwirrten Gemüts lesen. Vereinzelt streut er Hinweise, winzige Brotkrumen, die auf gewisse Pfade lenken, ohne aber konkrete Richtungen vorzugeben. In die Umgebung des düsteren Forsts und der umherstreifenden Wildtiere drängt sich das Unheimliche nicht hinein wie ein Fremdkörper, es scheint ihm schon immer eingeschrieben gewesen zu sein. Natürliches und Übernatürliches ist in gleicher Weise bedrohlich, beides schleicht durch die Bilder, beides bringt die Tonspur zum Klappern und Knarzen.

Das Mäandernde des Films aber, die Sprünge zwischen den Räumen, die Zerschlagung des Strukturierten, die sich nicht in kontinuierlichem Schock oder ausschweifendem Actionfeuerwerk entlädt, sondern in einer Verknotung von Bildern, Tönen, Orten und Wahrnehmungen mit einfachen filmischen Mitteln, ist eine irritierende Stärke, die man auch als Schwäche abtun kann. Sich darauf einzulassen ist vielleicht die größte Herausforderung beim Sehen von Across the River. Wo die Einsamkeit regiert und wo sich die Imagination potenziell frei entfalten kann, da sind wir gezwungen, uns der Verwirrung hinzugeben und diese einfach in uns arbeiten zu lassen.

Trailer zu „Across the River“


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