Auferstanden als Ruine – Cannes-Notizen (8)
Geschafft meldet sich unser Korrespondent ein letztes Mal aus Cannes – und bemerkt ein Muster bei diesem Jahrgang: Bekannte Regiegrößen (diesmal Ira Sachs) liefern im Wettbewerb eher leblose Werke ab, während es in den Nebensektionen ungleich vitaler zugeht (u.a. mit Christophe Honoré). Am Ende gibt es noch eine enttäuschte Liebe und ein kleines Glück.

Auferstanden als Ruine – so fühlte ich mich heute früh in Cannes, wenn man mir die Anspielung verzeihen mag. Ich arbeite hier natürlich weder bei 40 Grad Hitze am Bau noch bei der Müllabfuhr, sondern darf viele schöne Filme schauen und Texte schreiben und bin glücklich, im Kino-Mekka an der Cote d’Azure zu sein. Aber zu viel Liebe erdrückt und das Pensum schlaucht eben manchmal. Daher wird das jetzt meine letzte Kolumne für dieses Jahr, die Filme der allerletzten Festivaltage schaue ich in Ruhe, ohne mir während der Vorstellungen Gedanken über Formulierungen zu machen und lasse kurz danach meine Einzeiler bei Letterboxd ab.
Anstrengend war’s in Cannes, aber wie immer schön. Über den Wettbewerb lässt sich sagen, dass er viele große Namen bot, die großen Filme zu diesen großen Namen aber eher Fehlanzeige waren. Das Geheimnis für eine erfolgreiche Festivalernte, ob in Berlin, Venedig oder Cannes, liegt allerdings sowieso darin, einfach möglichst viele Filme über mehrere Sektionen hinweg zu sehen. Dabei kommt garantiert ein akzeptabler Schnitt raus. So auch in Cannes dieses Jahr, wo erstaunlich viele Highlights in den Nebenreihen oder außer Konkurrenz zu finden waren. Besonders die oft recht fade Nebensektion Un Certain Regard hat mit Everytime, Teenage Sex and Death in Camp Miasma oder Club Kid ein glänzendes Jahr hingelegt, von dem sich der still in sich ruhende Arrivierten-Wettbewerb eine dicke Scheibe hätte abschneiden können.
Der liebevolle Blick auf hässliche Wahrheiten

Orange-Style Marriage von Christoph Honoré (Cannes Première) ist mal wieder der Fall eines Films, bei dem man sich wundert, warum er keinen Wettbewerbsslot bekommen hat. Aufgrund des Titels und der Platzierung in der Première-Sektion hatte ich eine süßlich-melancholische, für ein breites Publikum satisfaktionsfähige Dramödie erwartet, eine Art filmischen Absacker nach einem stimulierenden Festivaltag. Ich lag falsch und könnte darüber nicht glücklicher sein. Honoré präsentiert einen klassischen Ensemblefilm, bei dem er an einem Hochzeitstag gleich in medias res geht, die Figuren nicht bedächtig einführt, sondern nur en passant skizziert und es dem Zuschauer zumutet, die Beziehungsgeflechte nacheinander für sich zu entschlüsseln. Manches wird vielleicht überdeutlich ausformuliert, anderes wiederum verschwiegen. Im Laufe der hochkonzentrierten zweistündigen Laufzeit entsteht so ein scharf geschnittenes Porträt toxischer Familiendynamiken. Honoré geht dabei nicht destruktiv oder demonstrativ vor, er ist oft geradezu liebevoll, lässt die hässlichen Wahrheiten aber nie in den Hintergrund rücken. Eben wegen dieser Ambivalenzen, die der Film stolz aushält, ist er ehrlich, nahbar und wirkt lange nach.
Einbalsamierte Museumsexponate

Weniger ehrlich, dafür umso manierierter verfährt Ira Sachs in The Man I Love (Wettbewerb). Rami Malek spielt hier Jimmy, einen an AIDS erkrankten Künstler, der vor dem drohenden Tod noch eine letzte Show produzieren und Liebe und Sex erleben will. Malek fügt sich insofern gut in den Film ein, als dass seine Performance weniger wie Schauspiel als vielmehr wie aufgesetzte Mimikry wirkt, genauso wie das hübsche aber leblose 80er-New York-Kolorit, das eher den Anstrich der neuesten Home-&-Country-Ausgabe erweckt. Sachs gibt sich gerne als Chronist der queeren Geschichte der Vereinigten Staaten, doch mit seinen musealen, politisch um jeden Preis korrekten Filminstallationen balsamiert er diese eher pflichtschuldig ein, als sie zum Leben zu erwecken. Das ist manchmal nett, formal halbwegs durchdacht, aber immer äußerst eitel und leblos. Nicht mein Regisseur und nicht mein Kino.
Die Hoffnung auf einen Giallo-Traum

Auch nicht mein Kino: Die Filme von Bertrand Mandico. Nach seinem letzten Streich Conann hatte ich großspurig auf meinem Letterboxd-Account angekündigt, seine Filme nicht mehr schauen zu wollen, ästhetisch und emotional würde das nix mehr mit uns werden. Jetzt muss ich diese Aussage wieder kassieren und wirke wie das Opfer einer unkontrollierten amour fou. Mandico macht es einem aber auch nicht leicht: Da dreht er endlich einen zumindest laut Inhaltsangabe etwas anderen Film, besetzt diesen mit einer hochnervösen aber strahlenden Marion Cotillard, nennt diesen Roma Elastica (Midnight Screenings) und verspricht eine Hommage an Rom und das italienische Genrekino. Wie kann ich da Nein sagen? Doch die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das Ende vom Lied: Mir hat der Film nicht gefallen, zu den künstlich-versponnenen Fantasien Mandicos finde ich weiterhin keinen Zugang – aber ich gebe von nun ab lieber keine Versprechungen mehr ab, die ich nicht halten kann. Wer weiß, vielleicht nennt er seinen nächsten Film „Pavaos Giallo-Traum von der dreibeinigen Spinne in Florenz“ und was mache ich dann?
Ein bisschen Glück und unruhige Vorahnungen

Neben queeren Themen und avancierten Genre-Experimenten haben Animationsfilme dieses Jahr in Cannes viel Raum eingenommen. Iron Boy (Un Certain Regard) erzählt sympathisch-unaufgeregt die Coming-of-age Geschichte des Schülers Christoph, der in den 80ern ein eisernes Korsett bekommt, mit dem er seine Körperhaltung korrigieren soll. Nebenbei entdeckt er seine Liebe für Orgelmusik, während der Bauernhof der Eltern vom Bankrott bedroht wird. Ein aus meiner Sicht vielleicht allzu glatt gearbeiteter Film mit gefälliger Animation und ansprechender Geschichte, der nichts falsch macht und viele Menschen ein kleines bisschen glücklicher machen wird.
Dies zum Abschied aus Cannes, während ich auf mein Screening des 160-minütigen ersten Teils der monumentalen französischen De-Gaulle-Erzählung warte. Das französische Kino, dies als Nachtrag, präsentierte sich in feiner Form, aber man spürte in allen Filmen eine enorme Unruhe angesichts der Wahlen 2027 und dem, was danach kommen mag. Bis die Tage und man liest sich.















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