Man nimmt, was man kriegen kann – Cannes-Notizen (7)
Filme für den Kopf, nicht fürs Herz bekommt unser Kolumnist am siebten Festivaltag serviert. Sowohl Kiyoshi Kurosawa als auch Emmanuel Marre liefern Exzellenz, die man sich verdienen muss. Ziemlich alte Hüte – hier britischer sozialer Realismus, da Kolonialismusaufarbeitung – setzen sich dagegen Filme von Clio Barnard und Jorge Thielen Armand auf.

Mit drei Filmen im Wettbewerb ist Japan dieses Jahr in Cannes sehr stark vertreten, aber weder Ryusuke Hamaguchi noch Koji Fukada oder Hirokazu Koreeda haben mich persönlich mit ihren Beiträgen überzeugt. Kiyoshi Kurosawa wurde für The Samurai and the Prisoner mit einem Slot in Cannes Premieres abgespeist, für mich war der neueste Streich eines meiner Lieblingsregisseure ganz hoch auf der Liste der meisterwarteten Filme. Kurosawa, eher für seine Horror- und Geisterfilme bekannt, versucht sich an einem klassischen Samurai-Stoff. Herrscher Murashige Araki verschanzt sich auf Schloss Arioka und will den vorpreschenden Truppen des Despoten Nobunaga Oda die Stirn bieten. Dafür geht er eine unbehagliche Partnerschaft mit dem Gefangenen Kanbei Kuroda (Masaki Suda) ein. Extrem klassizistisch aufgezogen und in vier nach Jahreszeiten unterteilten Kapitel erzählt, spinnt Kurosawa eine äußerst dialoglastige, oft allzu getragene Geschichte, bei der jedes Wort wie eine Schachfigur über ein Minenfeld geschoben wird. Das ist ausnehmend durchdacht und klug gemacht, allerdings manchmal allzu trocken, sehr kopflastig und für den Zuschauer fordernd. Exzellenz, die man sich verdienen muss und trotz leichter Abzüge in der B-Note der bislang beste japanische Film des Festivals.
Altbekanntes Ei des Kolumbus

In I See Buildings Fall Like Lighting (Quinzaine des Cinéastes) folgt Clio Barnard einer Freundesclique in Birmingham und versucht sich an einem Panorama der zeitgenössischen britischen Arbeiterklasse. Wenn man dahinter altgedienten britischen sozialen Realismus vermutet, liegt man natürlich goldrichtig und der Autor dieser Zeilen muss lange überlegen, ob ihm hierzu überhaupt etwas Neues einfallen will (die Antwort ist nein). Barnard bringt diesen Klassiker der Filmhistorie sympathisch und unfallfrei über die Bühne, der Cast macht seinen Job gut, inszenatorisch ist das erwartbar solide und schaut sich weitestgehend angenehm weg, vom absolut grauenhaften Color-Grading einmal abgesehen. Ich habe mich trotzdem während des gesamten Screenings gefragt, wessen Feuer das noch entfachen soll. Wie dumm von mir. Die 8:45-Vorstellung am frühen Morgen ist zu Ende, das Publikum der Quinzaine tobt und rastet aus, als ob es gerade das Ei des Kolumbus entdeckt hätte. Und ich frage mich, was ich verpasst habe.

Asia Argento tritt in Death has no Master (Quinzaine des Cinéastes) von Jorge Thielen Armand ihr Erbe in Venezuela an. Dieses besteht aus einem beeindruckend abgetakelt-verwahrlosten Anwesen, das in etwa so aussieht, als ob die Mütter der Seufzer, Tränen und der Dunkelheit aus den Filmen ihres Vaters den Bau desselben in ihrer Freizeit beaufsichtigt hätten. Asia will das Anwesen verkaufen, dessen Bewohner haben anderes damit vor. Armand schwebt in seinem Werk, welch' Überraschung, die postkoloniale Aufarbeitung der Landesgeschichte vor, unter Einbeziehung der Mittel des minimalistischen Genrestücks. Falls man die vergangenen dreißig Jahre nicht im filmischen Dornröschenschlaf verbracht hat, hat man viele solcher pädagogisch ernsthaften und filmisch oft eher wenig interessanten Übungen gesehen. Armand fügt sich nahtlos in die Reihe ein, mit einem ziemlich platten, gutgemeinten und letztlich misslungenem Beitrag. Sachen, die mich dennoch halbwegs mild gestimmt haben: Asia Argento, tolles Sounddesign, ein interessanter Score und das zuvor erwähnte, von heruntergekommener Grandezza nur so triefende Anwesen. Man nimmt, was man kriegen kann.
Keine Dämonisierung, keine Ausreden

Gestern schrieb ich, dass es im bislang doch sehr bemüht wirkendem Wettbewerb keinen klaren Favoriten für den Hauptpreis gibt. Im Vorfeld munkelte der Festival-Flurfunk, dass mit A Man of his Time von Emmanuel Marre ein solcher ins Haus stehen könnte. Der Film gehört zweifellos zu den besten im diesjährigen Wettbwerb, allerdings bin ich mir aufgrund der relativ kompromisslosen Machart nicht sicher, als wie konsensfähig er sich erweisen wird. Das werden wir dann bei der Preisvergabe am Samstag erfahren. Wir begleiten Henri Marre (Swann Arlaud), einen Opportunisten, der darunter leidet, dass sein Genie nicht erkannt wird und der sein Glück im Vichy-Frankreich der 1940er Jahre sucht. Regisseur Marre (der Film basiert auf den Briefen seiner Großeltern) psychologisiert nicht, arbeitet formal streng, mit beinahe dokumentarischem Gestus, zielt wie Kurosawa schon auf den Kopf und nicht auf das Herz. Er lässt sich lange, aber in diesem Fall auch benötigte, 155 Minuten Zeit und zeigt bei privaten Abendessen, Parteitreffen und Arbeitsmeetings den Preis, den man für Konformität und Mitläufertum bezahlt. Der Regisseur dämonisiert seine Figur zu keinem Zeitpunkt, lässt sie aber auch nicht mit Ausflüchten und Ausreden davonkommen. So gelingt ihm ein überzeugendes Porträt eines Mannes seiner Zeit, wie es der englische Titel bereits sehr präzise ausdrückt.















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