Wunder von Oberhausen: Freischwimmer bei den Kurzfilmtagen 2015 und anderswo

Die Zeichen verdichten sich: Im deutschen Kino formiert sich eine neue Welle – wie die Berliner Schule vor ihr geht sie von der DFFB aus. Weil die Filme Raum für Fantastisches bieten, beißt das Reale in ihnen umso mehr.

Colophon

Das erste Bild in Colophon sieht aus, als stammte es aus einem Puppenhaus. Dann weint die Protagonistin, deren Augen wir nie von Nahem sehen, keine ganz normalen Tränen, sondern magische, denn sie sind auch schon mal dreieckig, je nach Wochentag. Texttafeln stehen da plötzlich und erzählen lang und breit etwas, das in den Bildern keine Entsprechung findet, außer vielleicht einem leisen Echo. Nichts ist verhältnismäßig in diesem Film, nichts ist adäquat. Und das ist genau der Trick, mit dem Colophon von Deutschland erzählt, als einem Land des Verhältnismäßigen. (Einem Land, in dem der Vizekanzler schon mal von streikenden Arbeitnehmern fordert, ihr Streik müsse „in einem vernünftigen Verhältnis zur eigentlichen Auseinandersetzung“ stehen, obwohl gerade Streik seinem Wesen nach unverhältnismäßig sein muss, um zu wirken. Aber da sind wir schon mitten in den vielen weitläufigen Assoziationen, die ein offenes Werk wie Colophon wecken kann.) Die schönste Szene, und es sind viele schöne Szenen in diesem 22-minütigen Film von Alexandre Koberidze, ist eine beim Bäcker. Mit einer trockenen Verspieltheit, die herrlich naturalistisch wirkt, sagt die Verkäuferin bei jedem Brötchen den Preis dazu, auf den Cent genau, denn es sind perfekt unrunde Summen. Als hätte sie die Körner abgezählt, um festzustellen, was der verhältnismäßige Preis ist.

Erkunden, Entdecken und Erfinden

Colophon 02

Es sind die bruchlos ineinander übergehenden Welten, die vergnügte brandenburgische Provinz und die melancholische Märchenwelt auf einem kleinen Hausboot, die mich in ihren Bann ziehen. Colophon nimmt sich einfach, was er sich nehmen will. Fragt nicht danach, ob es passt, und auch nicht, ob er das darf. Vermutlich hätte ihm sonst jemand gesagt, dass sich das so nicht gehört. Dass eine emotionale Geschichte anders gebaut zu sein hat. Dass die Form unzeitgemäß ist, unrhythmisch, pathetisch, undeutlich. Dass ein kleiner Film ans Ende keine große Symphonie stellt. Colophon hat eine Freiheit des Erzählens, des Fabulierens, hat etwas vom Abenteuerfilm, irgendwo zwischen Erkunden, Entdecken und Erfinden. Und obwohl hier und dort dokumentarische Bilder sich einschleichen und eine sanfte, aber unmissverständliche Kraft für sich beanspruchen, lässt sich nichts reduzieren auf Essenzen einer Agenda.

Colophon war nach üblichen Maßstäben nicht der beste Film des Oberhausener Wettbewerbs 2015 – bei dem ich Teil der Jury war –, aber er lässt in all seiner Rohheit am meisten erwarten für die Zukunft. Er deutet darauf, dass sich gerade eine neue Welle formiert im deutschen Kino. Ich will sie vorläufig einmal Freischwimmer nennen. Weil ihre Freiheit etwas mit Jugend zu tun hat, mit einer Neugierde, die man Kindern zuspricht. Weil sie sich nicht abmühen, die Codes der Erwachsenen, der Branche, zu adoptieren. Weil sie darauf verzichten, den Boden unter sich spüren zu müssen. Weil sie sich aufmachen, ohne unbedingt immer zu wissen, wohin der Weg führen wird. Zu ihnen gehören für mich zunächst einmal Julian Radlmaier, Max Linz und Jan Bachmann, aber auch im weiteren Aktionsradius Ramon Zürcher – und nun Koberidze. Sie alle haben an der DFFB, der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, studiert – oder studieren dort noch. Linz und Radlmaier zusätzlich Filmwissenschaft.

Magie, Neu-Berliner Realität und Poesie

Oberhausener Kurzfilmtage Berlicht 05

„Freischwimmer“ klingt etwas verniedlichend, aber gerade dass sie sich verwundbar und offenherzig zeigen, gefällt mir an diesen Regisseuren. Radlmaier steht für mich im Zentrum, weil die beiden Filme, die ich von ihm kenne, wie ein Kondensat das Versprechen in sich bergen, dass das Fantastische einen neuen, lebendigen Zugang zum politisch-philosophischen Kino ermöglicht. Vor allem Ein Gespenst zieht um in Europa, der vor zwei Jahren in Oberhausen lief, hat mich in der schön überspitzten Zusammenführung von Magie, Neu-Berliner Realität und Poesie beglückt. Max Linz war 2011 als Regisseur mit einem Film in Oberhausen, Die Finanzen des Großherzogs Radikant Film, und drehte im Anschluss im Auftrag des Festivals die Internetserie Das Oberhausener Gefühl, die Arte Creative ausgestrahlt hatte, die aber aktuell offline zu sein scheint. Inzwischen ist er freilich vor allem für sein Langfilmdebüt Ich will mich nicht künstlich aufregen bekannt. Film wie Serie sind durchwirkt von Theater, Filmphilosophie und drängenden politischen Bezügen. Auch bei Linz ist das Bemerkenswerte – der Grund, warum ich die Produktionen in einem gemeinsamem Zusammenhang sehe – die Freiheit des Arrangements. Die Gesetze, denen die Welten gehorchen, sind zunächst einmal künstlerische, nicht realistische. Die Räume sind oft psychologisch organisiert, die Inszenierung folgt emotionalen und humoristischen Impulsen. Überhaupt sind die Filme von Linz sehr komisch, selbst wenn sie nicht direkt Lacher produzieren. Es wird eine Ebene der Distanz eingezogen, eine des Bewusstseins der eigenen Fehlbarkeit und Unzulänglichkeit, die zwar leider manchmal dazu tendiert, den Regisseur über seine Protagonisten zu erheben. Es überwiegt aber die freimütige Überlagerung von Theorie, Politik und Kunstwillen, bei der die Anliegen umso anschaulicher werden und auch die systemische Kritik unmissverständlich ist.

Sich der herrschenden Ordnung widersetzen

Man muesste Raeuber sein oder zumindest Sprengmeister 01

Jan Bachmann, dessen experimentellen Kurzfilm Man müsste Räuber sein oder zumindest Sprengmeister wir bei der Woche der Kritik 2015 gezeigt haben, ist neben Koberidze – der darin eine Hauptrolle spielt – der mir unbekannteste der Filmemacher. So wie Linz und Radlmaier legt er einen besonderen Schwerpunkt auf Raumgestaltung. Auch das ein Grund, warum ich mich für deren Werke interessiere: Ihr Bewusstsein für Architektur und ihr Vergnügen daran, deren Inszenierung aufzuladen, sowohl mit konkretem Gehalt als auch mit Witz und subversiver Aneignung. Man müsste Räuber sein ist der am wenigsten klar narrative Film der hier erwähnten, was ihn in seiner unmittelbaren Wirkung vielleicht etwas beschneidet, für mich aber umso lustvoller erscheinen lässt. Es geht um eine Bande, um junge Männer, die die Welt verändern wollen – oder aber sich auch nur, und das wird eben nie deutlich, der herrschenden Ordnung widersetzen und trotzdem gutes Essen kriegen. Auch bei Bachmann drängt sich der Impetus einer Systemkritik in den Vordergrund und verbindet sich im Kleinen mit einer eigentümlichen Dynamik des Allzu-Menschlichen. Die Figuren haben und versprühen Spaß, selbst wenn sie leiden.

Wenn die Freischwimmer eine Gruppe wären, dann würde Ramon Zürcher vermutlich nicht dazugehören. Ich will sie aber lieber als freie Formation sehen, als eine Welle, zu der man sich weder rechnen noch von der man sich absetzen muss. Es sind schlicht Zusammenhänge, die sich erkennen lassen, auch zwischen sehr unterschiedlichen Filmen und Ansätzen. Zürcher, dessen Film Das merkwürdige Kätzchen man inzwischen kaum noch jemandem vermitteln muss, unterscheidet sich denn auch recht deutlich von den anderen hier genannten, weil seine Arbeiten die politische Dimension ins Private geschoben haben und der klare, gesellschaftskritische Blick bisher einer auf die inneren Verhältnisse ist. Auch bei ihm aber dürfen Wunder geschehen, Humor und sozialpsychologische Analyse befruchten sich gegenseitig. Das Menschliche ist Anlass für die Filme, sie sind ihm zugewandt und fürchten sich nicht davor. Wenn sich ein Unbehagen einstellt, dann ein sehr verspieltes, ein liebes- und lebensbejahendes. Ich bin verleitet zu sagen, dass sie in dieser Hinsicht konträr zur frühen Berliner Schule sind, deren Protagonisten erst in jüngeren Jahren die offenbare Kälte deutscher (Seelen-)Landschaften hinter sich lassen.

Das merkwuerdige Kaetzchen 01

Nun sind die Freischwimmer keine Gruppe. Sie sind keine Schule, auch wenn sie von der selben kommen. Einige von ihnen sind enger miteinander verbunden, treten auch einmal bei den anderen auf. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre: Mich macht es sehr hoffnungsfroh zu sehen, dass eine Reihe an Filmemachern Magie zulässt und zugleich einen bewussten Blick für soziale Zusammenhänge hat. Dass sie diese nicht nur bitter ausstellen, sondern aus einer Freude heraus, sich und andere besser verstehen zu wollen, um die Parameter infrage zu stellen. Sezierend und gleichzeitig offen für das Unerklärliche. Das Fantastische als Tor zur Politik. Ich will mehr davon sehen.

Kommentare zu „Wunder von Oberhausen: Freischwimmer bei den Kurzfilmtagen 2015 und anderswo“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.