Im Zwiegespräch: Was von Oberhausen bleibt

Max Linz über Oberhausen, Feminismus und einen Geldeintreibetext

Max Linz

Die Entstehungsbedingungen deutscher Filme sind mal wieder in aller Munde. Das hat nebenbei auch damit zu tun, dass gerade über Urheberrecht gestritten wird, weil die Piratenpartei eine aktuelle Zielscheibe für Schuldzuweisungen in puncto Internet-Angst abgibt, und dann erschien kürzlich auch noch ein Buch, das empfiehlt, die deutschen Kultursubventionen zu halbieren. Mit dem 50. Jubiläum des Oberhausener Manifests hat das indirekt recht viel zu tun, schließlich markierte dieses den Beginn einer „kulturellen“ Filmförderung in der BRD. Wir nehmen das zum Anlass, um mit Max Linz, der gerade eine zehnteilige Video-Serie zum Oberhausener Manifest realisiert hat, zu sprechen. Was Sie im Anschluss lesen können ist eine durch den Regisseur selbst stark gekürzte Fassung eines Gesprächs über den Status Quo des deutschen Kinos, die Zustände an der dffb und die Produktion seiner Serie.

KEINE DEPRESSIONEN BITTE: DAS OBERHAUSENER GEFÜHL

Frédéric Jaeger: Ist deine Serie Das Oberhausener Gefühl ein Alibi-Projekt für die gleichzeitige Historisierung?

Max Linz: Ich war der Alibi-Junge-Filmemacher, den man mal dazu befragen kann, das hat man mir auch so kommuniziert. Ich hab damit aber kein Problem, weil ich an der dffb gemerkt habe, dass es eine absolute Negation des Archivs gibt. Das dffb-Archiv ist da, ist zu großen Teilen verfügbar, aber es spielt keine Rolle für die Arbeit dieser Akademie. Wenn, dann als Verdienstrhetorik oder Selbstbeweihräucherung. Oder diese Sekretärin Helene Schwarz, über die Rosa von Praunheim auch mal einen Film gemacht hat, die eben von Anfang an dabei war und da auch noch ein Büro hat, als Ehrenvorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer der dffb. Die umgibt noch so eine Nostalgie. Aber die Vergangenheit des Filmemachens an dieser Institution spielt genauso wenig eine Rolle wie die Filme der Oberhausener, bis zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls.

FJ: Ich weiß ja gar nicht so recht, was ich eigentlich vom Oberhausener Manifest halten soll. Auch von den Feierlichkeiten jetzt. Das Manifest an sich ist ja recht austauschbar, sagt gar nicht so wahnsinnig viel aus, aber interessant ist doch, dass es eine systemische Kritik übt und auch in der Folge zu Veränderungen des Systems geführt hat, ganz gleich, was jetzt die Unterzeichner selbst davon hatten.

ML: Ich glaube, dass es durchaus produktiv ist, sich darauf zu beziehen. Durch das Jubiläum wird diese Zäsur überhaupt erst geschaffen, und Oberhausen bleibt zudem greifbar als ein historischer Augenblick. Wie die Kuratoren, die dazu eine Retrospektive programmieren, kann ich, wenn ich da hingehe, schauen, welche Assoziationen ich herstelle oder auch Dissoziationen oder Kritik ich dazu produzieren kann, die nicht nur für das Oberhausener Manifest eine Relevanz haben, sondern auch fürs Jetzt.

FJ: Wie kann man überhaupt einer Form von Aufbegehren huldigen? Denn in dem Moment, wo man das tut, legt man es zu den Akten. Es ist ja schon schlimm genug, dass überhaupt erst jetzt die Filme verfügbar gemacht werden. Ich weiß allerdings auch, dass die Oberhausener das selbst teilweise kritisch sehen, also zum Beispiel den Festakt. Das Schlimmste habe ich wahrscheinlich aber gar nicht gesehen, die Rede vom Leiter der Bayerischen Staatskanzlei.

ML: Die war unfassbar, ja.

FJ: Die habt ihr aber nicht publiziert.

ML: Die haben die Oberhausener nicht publiziert, da bin ich ja nur Gast auf dem Podium, ich hätte aber vielleicht mitfilmen sollen. Die Podiumsdiskussion ist nicht schlecht, finde ich. Ich mochte auch die Intervention von Kluge, sich da so aufs Podium zu schwingen. Da gings ja echt zur Sache. Die Rechten haben keine Gelegenheit ausgelassen zu buhen, reinzurufen. Für mich ist war es da aufschlussreich, dass so jemand wie der München-Korrespondent vom Kulturteil der taz nur schreibt, „Jutta Brückner ist elitär“, aber nicht, dass Hubert von Spreti vom Bayerischen Rundfunk da rumgrölt: „Ihr seid alle eine Soße“, als ob man im Fußballstadion wär. Die Zwischenrufe hört man nicht und sieht sie nicht in dem Video, weil das aus so einer Vogelperspektive gefilmt ist.

FJ: Da müssten ja eigentlich Filmemacher involviert gewesen sein.

ML: Es gab einen Mega-Stress, gerade weil Lars Henrik Gass sich geweigert hat, eine Huldigung draus zu machen. Die Oberhausener haben ja protestiert und eine Gegenveranstaltung im Filmmuseum gemacht, waren die ganze Zeit dagegen. Es gibt natürlich auch die andere Position, die halt lieber nur das Gedenkritual hätte, und damit lassen wir es mal gut sein, und dazu gehören auch die Münchner Repräsentanten, der aus der Staatskanzlei oder die HFF München. Ich wurde ja auch ziemlich beschimpft von der Frau Krützen, der Vizepräsidentin der HFF.

FJ: Kann man das historische Ereignis außerhalb eines Machtdiskurses denken?

ML: Nein, das ist nicht möglich. Ich habe gemerkt, dass es schon ein erster Schritt ist, ein Dispositiv wie den Langfilm zu verlassen. Wenn man sich diese Kurzfilme der Oberhausener anguckt, merkt man, dass die einen Formenreichtum haben, der sich aus der Spielfilmproduktion, zu der sie sich in Bezug setzen, komplett verabschiedet hat. Irgendwann haben das dann MTV und die bildende Kunst aufgenommen, im Film gibts so was heute nicht mehr.

FJ: Bei deiner Serie spielt das Theater eine sehr große Rolle. Ist das eine Ausflucht, sich zum Film nicht zu stark zu positionieren, ist es leichter, das zu kritisieren, worin du nicht selbst drinsteckst? Ist Theater leichter angreifbar, weil man es in eine Ecke drängen kann, in einen abgesonderten Diskurs außerhalb von dem, wo sich Film immer positionieren muss?

ML: Das ist eine große Frage, sehr wichtig. Die Kurzfilmtage finden einmal im Jahr statt. Das Theater ist in Oberhausen der Ort, an dem überhaupt ästhetische Erfahrung ganzjährig – außerhalb der Sommerpause – möglich ist. Für mich in meinem Nachdenken über Kunstproduktion ist das sofort ein Bezugspunkt gewesen. Der deutsche Schauspieler sagt: Ich liebe das Theater, aber mein Geld verdiene ich beim Fernsehen. Die stehen bei René Pollesch auf der Bühne und sagen, guck dir an, das hier ist der Körper, denk darüber nach. Und zwei Tage später siehst du die bei Fatih Akin, wie sie vom Immobilienmakler im Stehen von hinten durchgevögelt werden. Derselbe Körper. Weil Film macht man halt, um Geld zu verdienen. Das ist ein Aspekt, der mich am Theater interessiert. Nicht aus dem Grund, weil ich das Gefühl habe, das ist die antiquierte Kunstinstitution, sondern weil ich eigentlich denke, die Wahrnehmungen, die ich im Theater mache, sind die produktivsten. Zurzeit, hier in Berlin, als Theatergänger, habe ich das Gefühl, kann ich aufregendere, neuere Erfahrungen machen als im Kino. Ich bin lange nicht ins Theater gegangen, habe das abgelehnt, habe Dsiga Wertow gelesen, hab gesagt: Da geht man nicht hin, das ist falsch. Bresson: Anti-Theatralität. Michael Fried: Absorption and theatricality. Immer in diesem modernistischen Modus: „Film muss sich emanzipieren. Die Filmwissenschaft ist unabhängig von der Theaterwissenschaft. Man muss da irgendwie zum Medium kommen.“ Gegen all das habe ich mittlerweile etwas. Weil ich das Gefühl habe, das ist eine eigene Diskursverknappung. Das ist eine völlig falsche Selbstbezüglichkeit. Der Film bleibt ja trotzdem in einer Verbindung zum Theater. Nicht zuletzt durch die Schauspieler, die Engagements am Theater haben und dann einmal im Jahr in einem Spielfilm mitmachen. Viele sind einfach Theaterschauspieler, sind auch so ausgebildet vor allem.

FJ: Wie kam es zu der Szene mit Herbert Fritsch?

ML: Herbert Fritsch, Star der deutschsprachigen Bühnen im Moment, hat in der Zeit in Oberhausen inszeniert, der Intendant vom Theater, Peter Carp, hat gesagt, da müsst ihr was machen, der muss bei euch mitspielen. Und Herbert Fritsch hat zugesagt, nach der Premiere von Emilia Galotti bei uns eine Szene mitzuspielen. Als wir die Aufführung gesehen haben, waren wir sehr enttäuscht, weil wir fanden, das ist sexistisch. Das Buch Die imaginierte Weiblichkeit von Silvia Bovenschen hat schon vorher eine Rolle gespielt, weil in meinen ganzen Filmen feministische Themen eine Rolle spielen und ich mich selbst als – um einen Begriff von Meinecke zu verwenden – biologisch männlichen Feministen begreife. Ich glaub auch, offener Feminismus ist ein Karrierekiller im Film, das ist etwas, was negiert ist, tabu. Und dieses Buch ist mit auf Reise gegangen nach Oberhausen. Dann haben wir gesagt: Sarah Bernhardt sitzt einfach da und liest jetzt dieses Buch, und mal sehen, was Herbert Fritsch damit anfängt.

FJ: Die Serie wurde von Arte Creative, dem Künstler-machen-Video-Arm von Arte, produziert. Dennoch sagst du aber jetzt, dass das Selbstausbeutung war?

ML: Ich würde es so auch nicht noch einmal machen. Es tut einem nicht gut. Das sind 5.000 Euro von Arte Creative, die die den Kurzfilmtagen dafür geben, dass sie einen Channel bespielen. Es ist im Grunde eine Verschärfung der Ausbeutungsverhältnisse. Arte ist nicht mehr bereit, Kunst fair zu entlohnen, und lagert das dann aus.

FJ: „Das bringt euch ja Publicity! Wir setzen auch einen Link zu euch.“

ML: Genau, der Mythos der Präsenz. Symbolisches Kapital in kleinen Dosen. Die Sachen, die bei Arte Creative laufen, das sind Sachen, die mit „asian“ und „erotic“ getaggt sind. Oder Josef Gyrls, das ist so eine Persiflage auf Jonathan Meese, das ist der Renner auf Arte Creative, wo man ihn dann so sieht, wie er nackte Frauen anmalt. Das ist Nonsens, und der funktioniert da. Die Klickzahlen kommunizieren sie aber nicht.

FJ: Weil es sicherlich auch nicht geguckt wird. Arte Creative ist auch wieder eine Form von Alibi-Projekt. Ich glaube nicht, dass Arte es ernst damit meint. Klar, würde ich mir wünschen, wenn Arte so ein Portal macht, dass es auch ernst genommen wird, natürlich was die Bezahlung betrifft, aber auch, wie es in ihre gesamte Web-Konstellation eingebettet wird und auch ins Fernsehen. Andererseits sind wir sofort wieder im genau gleichen Quoten-Diskurs mit der Frage „Wie viele Leute gucken’s“.

ML: Für mich ist gut, dass es auf eine Art in der Welt ist. Dass es eine Option ist für diejenigen, mit denen ich zu tun habe, über diese Oberfläche, über die Serie selbst, zu kommunizieren. Dafür brauche ich dann auch mein Umfeld, die Serie auch zirkulieren zu lassen, das kann ich nicht alleine. Deswegen habe ich dich auch angeschrieben. Damit es darauf Hinweise gibt, es zu einer Auseinandersetzung kommt. Letztlich ist es mir ja bewusst, dass die Allgemeinheit, wie auch immer die aussehen könnte da im Netz, damit erst mal nichts anfangen kann. Weil das eben nicht im Fun-Raster von Arte Creative aufgeht. So „geiler Künstler-Scheiß“, das ist das Motto, unter dem da produziert wird.

FJ: Gerade für Dokumentarfilme, aber nicht nur für diese, gehört zur Krux der deutschen Filmförderung, dass man schon vorher genau wissen muss, was erst beim Dreh passieren wird. Weil man mit Foucault eigentlich immer schon in den kommunikativen Akt des Geständnisses und der Prüfung hineingedrängt wird.

ML: Genauso läuft es an der dffb. Dagegen haben wir uns gewehrt: Das ist auf erbitterten Widerstand gestoßen. Ohne Drehbuch darfst du keinen Studentenfilm machen. Gleichzeitig gibt es die Performanz dieser Bewerbungen und dieser Texte, Treatments, Exposés, Synopsen, die darf man nicht unterschätzen, da ist man wieder bei Judith Butler, die ist wirklichkeitsbildend. Der Text, der jetzt immer da steht: „Eine Berliner Filmkünstlerclique bildet sich ein, Oberhausen sei das neue Kreuzberg.“ Das hab ich geschrieben, um das Geld von Arte Creative zu bekommen. Nur steht der Text jetzt immer da. Genau deshalb ist es wichtig, diese Kommunikation nicht zu bedienen.

FJ: Als ich das gelesen habe, dachte ich, man muss sich immer auf die Ironie zurückziehen. Aber die Serie zeigt ja dann, dass es anders ist.

ML: Die Serie heißt eigentlich Das Oberhausener GefühlEine Depressentation in 10 Folgen. Da kann man ja drüber reden, da wären wir auch wieder bei der Performanz der Sprache. Man muss aufpassen, wie besetzt man das. Besetzt man jetzt Oberhausen mit Depression? Aber das ist es ja nicht, sondern es ist ein Druckabfall in zehn Folgen. Es ist zehn Folgen lang der Versuch, etwas zur Sprache zu bringen.

Kommentare zu „Im Zwiegespräch: Was von Oberhausen bleibt“


Linda Söffker

Großartiges Gespräch! Danke euch beiden.






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