Vom Strandbad Wannsee nach Pattaya und zurück – Kurzkritiken vom DOK Leipzig 2017

Das internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm feiert dieses Jahr sein 60. Jubiläum. Studierende des Seminars „Fragen an den aktuellen Dokumentarfilm“ (Stiftung Universität Hildesheim) besprechen sechs Beiträge aus dem diesjährigen Programm.


Call Me Tony
(Polen 2017, Regie: Klaudiusz Chrostowski)

Call Me Tony 2

Der Einwegrasierer nähert sich dem Gesicht, aber da ist kein Bart, der getrimmt werden könnte. Es knistert kurz, als die Rasierklinge die linke Augenbraue in der Mitte teilt. Konrad betrachtet sich zufrieden im Spiegel. Schon wieder ist er seinem Vorbild Tony „Scarface“ Montana einen Schritt näher gekommen. Vom Spiegel geht es in den Fitnesskeller, wo Konrad die Kurzhanteln erst wieder loslässt, als sein Bizeps angeschwollen ist, die Adern aus der Haut treten und er sich den Schmerz der Anstrengung aus der Seele gebrüllt hat.

Konrad hat eine Vision. Er will Bodybuilder werden. Oder Schauspieler. Am besten beides, so wie Arnold Schwarzenegger. Auf diesem Weg hat ihn der Filmemacher Klaudiusz Chrostowski ein Jahr lang begleitet. Die Zuschauer nehmen Teil an Konrads kleinen Triumphen, vor allem aber an persönlichen Niederlagen, die nicht in sein Selbstbild passen. Genau in diesen Momenten offenbart sich der Junge, der hinter den Muskelmassen steckt, und das ist einer der Gründe, die Call Me Tony zu einem gelungenen Porträt machen.

Rasmus Beck

 

Kolyma, Straße der Knochen (D 2017, Regie: Stanislaw Mucha)

Kolmya

Stanislaw Mucha fährt mit seinem Filmteam 2000 Kilometer im Auto von Magadan nach Jakutsk über die einzige Verbindungsstraße, die durch die Region Kolyma führt. Unter Stalin befanden sich hier bis 1953 Straflager, die nicht nur wegen der extremen Kälte im Winter, sondern auch wegen der Haftbedingungen gefürchtet waren. Sowohl Regierungskritiker als auch Kriegsgefangene fristeten dort bis zu 40 Jahre lang ihr Dasein und schürften nach Gold.

Trotz der düsteren Thematik versucht der Film einen Brückenschlag zwischen sarkastischem Humor und Betroffenheit und dokumentiert dabei vor allem Ausschnitte des kollektiven Erinnerns unterschiedlicher Generationen. Resignierte, emotional aufgeladene, unwissende und auch unkritische Stimmen reihen sich aneinander, immer wieder unterbrochen von patriotischen Tänzen und Gesängen auf einem jährlich wiederkehrenden Fest. In der Montage der Stimmen und der Gesänge macht Mucha vor allem eines deutlich: Kolyma ist ein vergessener, ein verdrängter Ort, eine Aufarbeitung der Vergangenheit findet nicht statt.

Selina Glockner

 

No Sex Please (D/Thailand 2017, Regie: Florian Fischer)

No Sex Please

Werner ist achtsam. Er geht, sieht, atmet mit Bedacht und das am liebsten nackt. Lautstark berlinernd streift er durch die Wälder der Hauptstadt und pflückt Brennnesseln für seine altersschwache Prostata. Florian Fischer begleitet den braungebrannten Rentner mit der Kamera vom Strandbad Wannsee nach Pattaya und zurück. In nostalgischer Optik und mit fotografischem Blick zeichnet er das Bild eines ambivalenten Charakters, der sich partout nicht aus der Entfernung beobachten lassen will. So schwindet die Distanz des Filmemachers zum Sujet, eine eigenwillige Freundschaft entsteht und beginnt zugleich zu bröckeln.

Wo fängt Sextourismus an? Lange richtet Fischer die Kamera auf Werner und seine thailändische Freundin („Hat sie nicht tolle Zähne?“). Der schrullige Sympath scheint verschwunden – bis er wenig später in seiner Berliner Wohnung wieder auftaucht.

Dieses filmische Porträt zweier ungleicher Charaktere gelingt auch dank Fischers reflexiver Erzählweise, die gescheiterte Versuche der inszenatorischen Einflussnahme auf Werner nicht ausspart. Die scheinbar selbstkritische Betrachtungsweise wirkt authentisch und macht No Sex Please zu einem äußerst unterhaltsamen Kunstwerk über die durchlässige Grenze zwischen Achtsamkeit und Egoismus, zwischen Dokumentation und redigierter Realität.

Anna Kondring

 

Wildes Herz (D 2017, Regie: Charly Hübner)

Wildes Herz

Die Bushaltestelle steht neben einem flachen Acker. „Noch nicht komplett am Arsch“ steht auf den Plakaten, die der Protagonist Jan „Monchie“ Gorkow, auf das Wartehäuschen klebt. Die Plakate gehören zu einer Kampagne, die seine Band Feine Sahne Fischfilet im Rahmen der mecklenburgischen Landtagswahl gegen rechte Bewegungen geplant hat. Politischer Aktivismus am Transitort Bushaltestelle in einer Gegend, in der sich für junge Leute oft die Frage stellt: Gehen oder bleiben?

Wildes Herz ist das Porträt eines Rebellen, in dessen Biografie Themen wie Hooligantum, Gewalt gegen Beamte, Gefängnis ebenso eine Rolle gespielt haben wie Antifaschismus und Überwachung durch den Verfassungsschutz. Mit großer Schnauze geht Monchie durchs Leben und konzentriert seine verbale und nonverbale Energie auf den Kampf gegen Nazis. Dem Film merkt man an, dass er Sympathie für diese Position hat. Darüber hinaus ist Wildes Herz eine Dokumentation über die geteilte Liebe zur mecklenburgischen Provinz. Am Ende steht der harte Kerl Monchie bei Sonnenuntergang in der Ostsee und sagt: Ich möchte nirgendwo anders wohnen.

Hannah Kattner

 

Cru (Raw, Portugal 2017, Regie: Carlos Ruiz Carmona)

Raw 1

Ein Überwachungswagen steht auf den Straßen Portos. In seiner dunklen Sicherheit observieren wir zusammen mit einem Mann die scheinbar banale Szenerie durch ein kleines Fenster. Er versucht, seine Beobachtungen zu erklären, das Handeln der Menschen in einen Zusammenhang zu stellen. Für ihn hat jede Bewegung einen Sinn, und wir können seinen Erklärungen nicht so richtig folgen.

Der Filmemacher Carlos Ruiz Carmona macht uns in den ersten Minuten seines Films Cru vor allem unsere Position als Zuschauer deutlich. Denn was in den nächsten zweieinhalb Stunden folgt, ist die scheinbar simple Aneinanderreihung zwischenmenschlicher Situationen. „Cru“ bedeutet „roh“, und so, wie der Film seine Szenen organisiert, wirkt er tatsächlich wie der Rohschnitt eines viel zu großen Projekts über das Leben.

Aber roh ist auch die Gewalt, mit der der Film voranschreitet. Ständig werden wir in neue Settings geworfen und müssen uns darin zurechtfinden. Von der Therapie essgestörter Jugendlicher zur Fütterung einer Schlange, die ihre Beute im Ganzen verschlingt. Von den letzten Momenten alter Menschen im Krankenhaus zu der Geburt eines Kindes. Ein Zurück gibt es nie, dafür hat der Film noch viel zu viel zu zeigen.

Einmal sitzen wir mitten in einer Gerichtsverhandlung. Wer hier wen und verurteilt und weshalb, ist nicht klar. Die Rollen und die Funktionen der Protagonisten müssen sich die Zuschauer selbst erarbeiten. Cru macht uns zu scharfen Beobachtern sozialer Verhältnisse, und plötzlich verstehen wir den Mann im Überwachungswagen.

Jonas Nestroy

 

Montags in Dresden (D 2017, Regie: Sabine Michel)

Montags in Dresden

Patriotische Europäer privat. Eine Mutter, die sich um ihren kranken Sohn kümmert. Ein Unternehmer, der seine Eltern besucht. Und ein Hausmeister, der von seiner großen Liebe spricht. Die Charaktere verbindet eines: Sie sind überzeugte Anhängerinnen und Anhänger der Pegida-Bewegung.

Seit 2014 treffen sich in Dresden jeden Montagabend die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. An einem solchen Abend lernten sich auch René Jahn und seine Freundin kennen. Eine glückliche Beziehung. Der Mitbegründer von Pegida, so zeigt es uns der Film, streicht, putzt die Wohnung, geht Fußball schauen und spricht von seiner Angst vor der Überfremdung der Gesellschaft.

Sabine Michels kontrovers rezipierter Film Montags in Dresden begleitet seine Protagonisten ein Jahr lang auf die Demos und durch den Alltag. Wer sich eine Antwort auf die Fragen erhofft, die zu Beginn in zwei Einblendungen gestellt werden: „Wer geht hier aus welchen Gründen auf die Straße?“, wird enttäuscht. Es werden ausschließlich die bereits bekannten Phrasen rezitiert. Und wenn Michel bei Sonnenuntergang durch die schneebedeckten sächsischen Landschaften läuft und mit dem Unternehmer Daniel Heimann über das Thema „Heimat“ spricht, fragt sich der Zuschauer, wer hier eigentlich in wessen Film unterwegs ist.

Valeska Rediger

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