Karlovy Vary 2013: Kurzkritiken (3)

Drei Männer, drei Niedergänge. Ein Mörder dem Titel nach in Simon Killer, ein Deutscher in Texas in Houston und ein Isländer im Rausch von Drogen und Macht in XL.

Simon Killer von Antonio Campos

Simon Killer 02

Eine eher seltene Form der Retrospektive ehrt beim Festival von Karlovy Vary 2013 eine Produktionsschmiede: Borderline Films, deren in Deutschland bekanntestes Werk Martha Marcy May Marlene (2011) letztes Jahr ins Kino kam. Antonio Campos ist einer der drei Köpfe hinter der Firma und legt mit Simon Killer nach Afterschool (2008) seinen zweiten Spielfilm vor. Während er mit seinem Debüt in einem kühlen Thriller der medialen Welt Jugendlicher in einem Internat nachspürte, verfolgt er nun einen jungen Mann, der die Universität gerade hinter sich gelassen hat. Der Titel hat dabei selbst einen entscheidenden Einfluss auf die Filmerfahrung: Obwohl Simon (Brady Corbet) alles hat, um als junger Held durchzugehen, schwebt von Anfang an der Zweifel über jeder seiner Taten. Spricht er in Paris, wo er ein bisschen Abstand zu seinem Leben sucht, zwei junge Frauen nach dem Kino an, sehen wir in ihm gleich eine mögliche Gefahr, obwohl die Aggression an dem Abend von ganz anderer Seite kommt. Simon Killer ist eindrucksvoll komponiert, findet Mittel, die uns den Protagonisten näher bringen, ohne je den Sprung hin zur eindeutigen Empathie zu brauchen. Trommelschläge verheißen nichts Gutes, sie treiben aber auch an. Plötzlich wird die Musik übermächtig, versetzt uns in die Position des sich mit Kopfhörern selbst disziplinierenden Mannes. Er irrt nicht durch die Straßen von Paris, er läuft sich seinen Frust ab. In vollkommener visueller Klarheit zeigt uns der Film, wie flüchtig die Wirkung von Ventilen bleibt, wenn die Last eine innere ist, tief verborgen und womöglich nicht im Titel enthalten.

Houston von Bastian Günther

Houston 01

Glasfassaden, wohin er guckt. Clemens Trunschka (Ulrich Tukur) spielt den Businessman und fügt sich nie ganz in diese Rolle, er ist überfordert vom Leben, genau genommen zieht er permanent eine Schau ab. Ein Hemd fällt von einem Hochhaus hinunter, erinnert ein wenig an die Plastiktüte in American Beauty (1999), es lässt sich Zeit, beginnt auf dem langen Flug fast zu tanzen, vielleicht ist es aber auch eine Anspielung auf den elegant fallenden Mann im animierten Vorspann von Mad Men (seit 2007). Mit Don Draper hat der Protagonist von Houston jedenfalls nicht nur sein Alkoholproblem gemein, Clemens teilt auch dessen Distanz zum Leben. Der Deutsche wird nach Texas geschickt, um als Headhunter heimlich einen Geschäftsführer vom dortigen Ölgiganten abzuwerben. Tukurs Performance ist von Beginn an anzusehen, dass seiner Figur der Antrieb fehlt, er gibt ihr den leblosen Blick eines Verdammten und das Zaudern eines Verzweifelten. Selbst wenn er Fortschritte macht, sind seinen unbeholfenen Bewegungen, seiner hektischen Not das nächste Scheitern bereits eingeschrieben. Bastian Günther (Autopiloten, 2007) sucht die Subjektive und führt den Film und seine Figur immer mehr ins Unbehagen der entgleitenden Wirklichkeit. Die mystischen Überhöhungen kommen allerdings etwas zu spät und zögerlich, um  die bleierne Schwere der Arbeits-Entfremdungs-Problematik zu überwinden. Tatsächlich ist Houston atmosphärisch immer wieder sehr stark, nutzt das Hotel- und Wolkenkratzer-Setting mehr zur Verunsicherung als zum Anprangern. Am meisten leidet der Film vermutlich an der fehlenden Verankerung im Konkreten, alles an der porträtierten Welt ist abstrakt, ungenau, Schaum, schon im Ansatz falsch. Da gibt es nichts zu retten, auch nichts zu entzaubern. Günther findet dafür in schwebenden, wabernden Bildern einen stimmigen Ausdruck, der quer steht zur heiteren Culture-Clash-Komödie, die Houston zwischenzeitlich auch noch sein zu wollen scheint. Am Ende weht eine amerikanische Flagge, eine Verheißung birgt sie schon lange nicht mehr.

XL von Marteinn Thorsson

XL 02

Der Dicke und die korrupte Politik: Leifur Sigurdarson (Ólafur Darri Ólafsson) ist ein hochrangiger isländischer Politiker, und nicht nur seine Mutter rechnet ihm Chancen auf das höchste Amt im Land aus. Bloß den Premierminister müsste er ausschalten, und dafür hat er schon einen Plan. XL ist nur kein Thriller und auch kein Politdrama, sondern eine bittere Satire, weniger auf Politik im Speziellen als auf Macht im Allgemeinen. Leifur ist in der Optik des Films insofern nicht in erster Linie aufstrebender Politiker, sondern ein Süchtiger: fettleibig, alkoholabhängig, unentwegt geil. Marteinn Thorsson nimmt sich das zum Anlass einer visuellen Überformung, die zum gestalterischen Merkmal schlechthin von XL wird: Mal direkt, mal indirekt gibt sich die Kamera subjektiv, nimmt die Position von Leifur ein und beschwört auch dessen drogeninduzierte Wahrnehmung herauf. Verschwommene Aufnahmen, Blackouts, chronologisch durcheinander gewürfelte Momente unklarer Natur. Thorsson verfremdet den Film dermaßen, dass es auf die Dauer immer schwieriger wird, Ebenen zuzuordnen, geschweige denn einer Story zu folgen. Eine Geschichte entfaltet sich zwar, XL interessieren aber eher psychosexuelle Träume und Traumata. Die folgen einer eigenen Logik, am Ende sind wir wieder am Anfang.

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