12. Hofbauerkongress

Vier Nächte im Bodensatz der Filmgeschichte wühlen. Ein Erlebnisbericht.

Vulkan der hoellischen Triebe

Seit einigen Jahren widmet sich ein sogenannter Kongress in Nürnberg mit einer kleinen, wenn auch stetig wachsenden Zuschauergemeinde einem anderen Kino. Was nach außen hin wirkt wie eine reine Fanveranstaltung für Schmuddelfilme, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein äußerst ambitioniertes Projekt, das sich ganz dem ungezügelten, schmutzigen und furiosen Kino widmet. Man kann den Hofbauerkongress durchaus als Aufforderung verstehen, einen neuen Kanon zu erstellen. Viele der gezeigten Filme – die überwiegend dem Sex- oder Exploitationkino zuzuordnen sind – werden nicht nur sträflich ignoriert, sie haben auch keine Heimat. Den Filmmuseen, die eigentlich für die Bewahrung solche Schätze verantwortlich wären, ist dieses Kino meist zu halbseiden, um es in ihre heiligen Hallen zu lassen. Viele der gezeigten 35mm-Kopien stammen dementsprechend aus aufgelösten Archiven.

Einige dieser Kopien sind naturgemäß in keinem guten Zustand. Aber solange es die Filme noch gibt, müssen sie auch gezeigt werden. Gleich der Eröffnungsfilm – der krude Erotikkrimi Vulkan der höllischen Triebe (1967) – war nicht nur stark rotstichig, sondern auch mit zitternden Flecken übersät. Es war, als würde man dem Film beim langsamen Verschwinden zusehen. Man kann es den Hofbauern rund um Christoph Draxtra und Andreas Beilharz nicht genug danken, dass sie den unsung heroes der Filmgeschichte eine Plattform bieten. Es war bewegend mitzuerleben, mit welcher Liebe und Leidenschaft hier Filme gezeigt und geschaut werden. Darüber hinaus kann ich mich an kein Festival erinnern, an dem ich in so kurzer Zeit derart viel Interessantes gesehen hätte. Im Folgenden Erinnerungen an einige Filme aus diesen vier sehr intensiven Nächten.

American Angels: Baptism of Blood (1989) von Beverly und Ferd Sebastian

American Angels Baptism of Blood

Ein Film, bei dem man den Mund nur schwer wieder zukriegt – ob vor Lachen, Staunen oder Entsetzen. Seit den frühen 1970er Jahren dreht das Ehepaar Beverly und Ferd Sebastian Exploitationfilme. Bei American Angels handelt es sich um eine grelle weibliche  Selbstermächtigungsgeschichte à la Showgirls (1995), die die Grenzen des guten Geschmacks weit hinter sich lässt. Auch wenn der Film von seinen Schauwerten lebt, kann man ihm kein mangelndes Interesse für sein Sujet vorwerfen. Wrestling ist für die Sebastians nicht nur ein Vorwand, um zwei leicht bekleidete Damen aufeinander loszulassen, sondern auch als Sport interessant. Unter einer eiskalten Trainerin lernen die naiven Mädels etwa, wie man sich richtig hinfallen lässt, und das leider etwas zu lang geratene Finale widmet sich der kämpferischen Darbietung mit der Ästhetik und Ausführlichkeit einer Sportberichterstattung. Mit kleinem Budget wird hier großes amerikanisches Kino erzählt und bietet nebenbei eine Augenweide für jeden, der Camp etwas abgewinnen kann – unter anderem mit einem großspurigen Manager in Paillettenjacke und einem Kleinwüchsigen, der unter dem Ring haust. Anders als Darren Aronofskys geerdetes Arthouse-Drama The Wrestler (2008) ist American Angels genauso prollig, kitschig und unterhaltsam wie der Sport, von dem er erzählt. Man kann das Haarspray und die Bräunungscreme regelrecht riechen.

So viel nackte Zärtlichkeit (1968) von Günter Hendel

So viel nackte Zaertlichkeit

Ein Erotikthriller über einen Uranhändler, der von einem durchtriebenen Geschwisterpärchen an der Nase herumgeführt wird. In den Nebenrollen: eine naive Provinzschönheit, die ein Auto mit ihren Brüsten wäscht, und ein Pfarrer, der es mit den christlichen Werten nicht so genau nimmt. So viel nackte Zärtlichkeit ist ein toller deutscher Genrefilm mit einigen schönen formalen Eigenheiten. Bemerkenswert ist etwa, wie Günter Hendel (Graf Porno und seine Mädchen, 1969) immer wieder den Gegenschuss verweigert. Er zeigt entweder, was die Figuren sehen oder wie sie es sich ansehen, nur selten aber beides hintereinander. Das führt zu seltsam entkörperlichten Szenen, in denen Schaufenster und Landschaften vorbeiziehen, während sich das turtelnde Liebespaar miteinander unterhält. Bei einem Zoobesuch schneidet Hendel dann punktgenau auf einen Elefanten, als gerade über die hässliche Exfrau gelästert wird.

Cover Girls – Die ganz teuren Mädchen (Cover Girls, 1964) von José Bénazéraf

Cover Girls

Nach dem beschwingten, aber auch sehr nihilistischen Kriminalfilm St. Pauli zwischen Nacht und Morgen (1967) ein weiteres Werk des umtriebigen Franzosen José Bénazéraf. Wer sich schon immer davon überzeugen wollte, wie schwer das Leben eines Models ist, hat nach diesem Film sicher keine Fragen mehr. In wunderschönen Cinemascope-Bildern werden anmutige Frauen von Fotografen und Bildhauern zu Objekten degradiert, wobei sich einige der Models auch dagegen auflehnen. Die arme Carlotta, die wegen ihres höheren Alters nicht mehr gebraucht wird und in einem Aquarium lebt, plant derweil ihren Tod als aufwändigen Kostümball. Zwischen all diesem Leid in Hochglanz bewegt sich der Film nahtlos zwischen Rom, Paris und Berlin, verleitet angesichts der tristen Dekadenz seine Figuren zum poetischen Monologisieren und hantiert letztlich mehr mit Szenarien und Motiven, als dass er sich darum schert, eine konsistente Geschichte zu erzählen.

Quelle der Erotik (Bonitinha, Mas Ordinária, 1965) von J.P. de Carvalho

Bonitinha Mas Ordinaria

Ein wüster Vergewaltigungsfilm aus Brasilien, der von einer aggressiven Körperlichkeit bestimmt ist. Während sich kleine und große Dramen auf der Leinwand abwechseln, sind die Schauspieler ständig am Rumhampeln und Grimassieren. In einer der wahnwitzigsten Szenen tanzt ein übermütiger jugendlicher Delinquent wild um eine zur Mumie erstarrte Mutter herum. Später verscherbelt er ihre Töchter an einen reichen Industriellen. Das Verstörendste an Quelle der Erotik ist, wie er es schafft, zugleich niederschmetternd und ungemein komisch zu sein. Die Welt des Films scheint einer darwinistischen Ordnung zu folgen: Die Reichen beuten die Armen aus, und die schmierigen Männer die gezeichneten Frauen. Wäre da nicht die Tochter des Industriellen, die mit ihrem unstillbaren sexuellen Verlangen alles wieder auf den Kopf stellt.

Anatomie des Liebesakts (1971) von Hermann Schnell

Anatomie des Liebesakts

Der „stählerne Überraschungsfilm“, bei dem das Leiden des Publikums die Hauptattraktion ist. Als ich hörte, dass es sich dabei um einen Aufklärungsfilm handelt, habe ich mich sogar kurz gefreut. Für das, was uns Hermann Schnell (Psychologie des Orgasmus, 1970) hier auftischt, braucht man dann aber tatsächlich Nerven aus Stahl. Zwei Roboter im Menschenkostüm versuchen sich zu den Klängen von Ravels „Bolero“ an einem stilisierten Liebesakt. Danach ist Aufklärungsunterricht angesagt: Im Behandlungszimmer eines Arztes werden verschiedene Stellungen durchdekliniert, mit Grafiken verdeutlicht und durch den Griff ins Bücherregal wissenschaftlich unterfüttert. Das Ganze soll einem unverkrampften Umgang mit Sexualität dienen, ist aber so trocken und leblos, dass dabei nicht nur jegliche Lust auf Sex verloren geht, sondern auch der Penis des Mannes. Gott sei Dank hat Schnell scheinbar noch nie von Analverkehr gehört, sonst hätte diese Tortur wahrscheinlich noch länger gedauert.

Die Klosterschülerinnen (1972) von Eberhard Schröder

Die Klosterschuelerinnen

Eigentlich ein recht klassischer Film in der damals gängigen Reportage-Manier, der dann aber doch auffällig gut inszeniert ist. Auf eine reißerische Art sind die Episoden über das sexuelle Begehren an einer Klosterschule auch durchaus anti-klerikal und humanistisch. Der Lust an den Versuchungen des Alltags stellt Eberhard Schröder eine lebensfeindliche christliche Moral gegenüber, aus der sich selbst die Ordensschwestern hin und wieder mit einem Schnaps oder einem Tänzchen befreien müssen. Schröder bleibt dabei konsequent auf der Seite der schicksalsgebeutelten Mädchen. Ihre Probleme sind nicht selbstverschuldet, sondern der eigennützigen Erwachsenenwelt zuzuschreiben. Fast jede von ihnen wurde in der Kindheit traumatisiert – auf besonders scheußliche Weise ein Mädchen, das von einer Horde dämonischer Lastwagenfahrer vergewaltigt wird. Für ein Schmuddelfilmchen verfügt Die Klosterschülerinnen über ein überraschend hohes Produktionsniveau. Das musikalische Leitmotiv von Techno-Pionier Giorgio Moroder orgelt sich in verschiedenen Variationen ins Ohr, und auch die Bilder von Helmut Meewes sind ausgesprochen hübsch anzusehen. Spaß macht der Film mit seinen albernen Anzüglichkeiten sowieso – einmal werden die Mädchen auf dem Pausenhof gezeigt, wie sie genüsslich Bananen verschlingen. Wenig erfreulich verlief die spätere Karriere des nur widerwillig zum Report-Filmer gewordenen Regisseurs. Nachdem der Versuch, sich mit der Komödie Als Mutter streikte (1974) im „seriösen“ Filmbereich zu behaupten, scheiterte, nahm sich Eberhard Schröder das Leben.

Die Liebesquelle (1966) von Ernst Hofbauer

Die Liebesquelle

Am wenigsten konnte ich ausgerechnet mit dem Namensgeber des Kongresses anfangen. Da half es auch nicht, dass mir versichert wurde, Hofbauers Sexkomödien zählten innerhalb des Genres zu den Höhepunkten. Ich habe mich dagegen nur von unlustigen Kalauern und spießbürgerlicher Frivolität malträtiert gefühlt.

Der Perser und die Schwedin (Jeunesse perdue, 1961) von Akramazadeh

Jeunesse perdue

Eine Obskurität, die bereits auf einem vergangenen Kongress entdeckt wurde und seitdem durch die Nischenkinos des Landes tingelt. Über den Iraner Akramazadeh, der hier als Regisseur, Hauptdarsteller und Drehbuchautor in Personalunion auftritt, lässt sich mysteriöserweise nichts herausfinden. In seinem einzigen Film spielt er den Lebemann Mustafa, der sich seinen Pflichten als Medizinstudent entzieht und sich stattdessen ins Londoner Nachtleben stürzt, um dabei so viele weibliche Trophäen wie möglich zu sammeln. Die strenge Erzählerstimme, die mit scheinbar pädagogischen Absichten die Taten des Casanovas verurteilt, will dabei nicht so recht zu dem von musikalischer Leichtigkeit getragenen Film passen und ist wohl eher ein skurriles Zusatzprodukt der deutschen Synchronfassung. Bemerkenswert ist, wie lange sich die Handlung nur an der Peripherie des Films bewegt. Das eigentliche Augenmerk gilt dem pulsierenden Partyleben im Stadtviertel Soho. Ungewöhnlich detailliert hält Der Perser und die Schwedin die kleinen Künste der Nachtwelt fest. Stripperinnen etwa, die älter, kurviger und züchtiger sind, als man das gewohnt ist, oder multikulturelle tänzerische Darbietungen, die sich als Leitmotiv durch den gesamten Film ziehen. Nur zögerlich und sprunghaft entwickelt sich zwischen all diesen Vergnügungen die zum Scheitern verurteilte Beziehung zweier Exilanten.

Das Paradies (La philosophie dans le boudoir, 1971) von Jacques Scandelari

La philosophie dans le boudoir

Ein deutliches Merkmal des Exploitationkinos ist, dass es sich bei der Zielgruppe überwiegend um heterosexuelle Männer handelt. Demnach ist auch klar, wer sich darin auszieht und wer eher nicht. Umso erfreulicher ist es, auf einen Film zu treffen, der sich für weibliche und männliche Körper gleichermaßen interessiert. Wenn der liebeskranke Held in Das Paradies nicht gerade nackt ist, steckt er zum Beispiel in einer eigenwilligen Hose mit freigelegtem Hinterteil. Vor einem retrofuturistischen Setting inszeniert Das Paradies basierend auf de Sades Philosophie im Boudoir die Ideologie der Hippies als totalitäre Diktatur. Wer sich nicht an den erotischen Ausschweifungen aller Art beteiligt oder gar an Monogamie glaubt, auf den werden die Hunde gehetzt. Der Film badet sich im Schwulst seiner opulenten Ausstattung, während die Narration rudimentär bleibt. Die sich ständig wiederholenden Exzesse bilden das Herzstück von Scandelaris bukolischem Reigen. Wie in einem unzüchtigen Adventskalender eröffnet sich dem Helden eine Perversion nach der anderen.

New York City Inferno (1978) von Jacques Scandelari

New York City Inferno

Eine aufschlussreiche Wochenschaureportage über den Phallus-Kult in Japan erweist sich als passende Einführung zu diesem tollen schwulen Pornofilm. Vor allem ist New York City Inferno aber auch eine schöne Alternative zu all den Filmen, in denen sich die Sexualpartner unmotiviert aneinander abmühen. Hier bleibt kein Zweifel, dass die Darsteller an den unterschiedlichen Schweinereien auch ihre Freude gehabt haben. Dass es sich hier um denselben Regisseur wie bei Das Paradies handelt, ist kaum zu erkennen. Das Budget ist deutlich niedriger, der Look nicht psychedelisch barock, sondern rau und dreckig. Ein Franzose mit buschigem Schnauzer und protzigem Pelzmantel reist nach New York, um seinen in der SM-Szene verschollenen Liebhaber zu finden. Dabei beweist der Film nicht nur ein Gespür für morbide industrielle Settings wie heruntergekommene Docks, leere Lagerhallen und mit Obszönitäten beschmierte Wände, er nimmt bei seiner Erzählung auch unerwartete Umwege. New York City Inferno zeigt ein dokumentarisch anmutendes Gespräch über schwule Emanzipation und lässt kurz darauf Männer mit Handtüchern ausgelassen zu den Village People tanzen. Von einer anderen Welt ist schließlich die finale Orgie, bei der sich die Kamera zu lärmendem Post-Punk durch ein ledernes, haariges Fickknäuel arbeitet.

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