„Wir brauchen einen neuen Marshall-Plan für Afrika.“

Interview mit Terry George zu Hotel Ruanda

Terry George, Drehbuchautor der Jim Sheridan-Filme In the Name of The Father (Im Namen des Vaters 1993), sowie The Boxer (1997) und Regisseur von Some Mother’s Son (1996), präsentierte sein neuestes Projekt Hotel Ruanda (Hotel Rwanda) erstmals anlässlich der Berlinale in Deutschland. Die Kritiken lobten den Film in höchsten Tönen, der außerdem den Cinema for Peace-Preis erhielt. In den USA gingen jeweils drei Golden Globe- und Oscarnominierungen an Hotel Ruanda, der allein dort über 23 Millionen Dollar einspielte. critic.de traf den irischen Regisseur zum Interview.

critic.de: Sie haben bei mehreren Filmen über den Konflikt in Nordirland mitgewirkt. Sehen Sie Parallelen zum Völkermord in Ruanda, dem Thema Ihres neuen Films?
Terry George: Ich denke, die größte Gemeinsamkeit ist die Manipulation durch extremistische Politiker, die Angst schüren in der Arbeiterklasse in Nordirland und bei den Hutu in Ruanda. Die einfachste Art der Machterhaltung durch das Auseinanderreißen der Bevölkerung, ist, der einen Gruppe zu sagen, die andere religiöse Gruppe oder das andere Volk wird ihnen das Land wegnehmen oder ihr Leben gefährden. Und das ist genau, was nicht nur in Nordirland passierte, sondern auch hier in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, wo die Juden für den finanziellen Ruin des Landes verantwortlich gemacht wurden, und auch in Ruanda. Dort hat vor allem eine Radiostation die Tutsi-Bevölkerung durch Propaganda zuerst entmenschlicht und dann verteufelt, um so den Genozid in Gang zu bringen.

Wie haben Sie es geschafft, sich vor Ort im Detail mit den Grausamkeiten des Völkermordes zu beschäftigen und sich dabei noch auf das praktische Filmemachen zu konzentrieren?
Das ist genau die Art zu arbeiten, die ich mag. Bei In the Name of the Father war die Hintergrundgeschichte der Zusammenbruch des Britischen Traditionssystems durch terroristische Bedrohung. Und trotzdem kann man dies durch die Beziehung zwischen Giuseppe und Gerry Conlon erzählen. Auch in Hotel Ruanda dient der Massenmord als Hintergrund für die persönliche Geschichte von Paul und Tatiana. Für mich ist das die am besten geeignete Art, solche politischen Geschichten zu erzählen. Man muss versuchen, dass der Zuschauer nicht nur mit der Figur mitfühlt, sondern dass diese buchstäblich Auge und Ohr für ihn wird. Man hat so die Chance, einem Publikum nicht nur ein politisches Ereignis besser verständlich zu machen, sondern durch die Figur auch Mitgefühl zu wecken. Ich finde das erfüllend. Es hat auf jeden Fall bei The Killing Fields [Regie: Roland Joffé, 1994] und Missing [Regie: Costa-Gavras, 1982] und Schindler’s List [Regie: Steven Spielberg, 1993] funktioniert.

Haben Sie diese Erzählweise gewählt, um das größtmögliche Publikum zu erreichen? Sie haben ja auch weitgehend auf blutrünstige Gemetzel verzichtet.
Ich glaube wirklich daran, dass Film ein Medium der Kommunikation ist. Deshalb habe ich versucht, die Universalität der Geschichte zu betonen und nicht so sehr die besonderen Verhältnisse in Afrika. Ich will damit Leute in Japan genauso erreichen wie in einer amerikanischen Kleinstadt. Leute, die sich nie zuvor mit dem Thema beschäftigt haben. Wenn wir das schaffen, waren wir erfolgreich. Deshalb habe ich auch möglichst wenige Gräueltaten gezeigt, weil ich ein möglichst breites Publikum erreichen wollte, vor allem Teenager. Wenn der Film härter wäre, würden zum Beispiel keine Schulklassen ins Kino gehen. Der andere Grund war, dass vor allem in Ruanda das Level der körperlichen Gewalt, der Horror dieses Anblicks, so grausam war, dass man das unmöglich hätte zeigen können. Das einzige Bild, das dem nahe kommt, ist das Schlachten des Büffels in Apocalypse Now. Eine solche Gewaltdarstellung wäre fast pornografisch. Wir wollten die Gewalt nur bis zu einem bestimmten Punkt zeigen und dann sollte sich das Publikum selbst vorstellen, was passiert. Die Extreme des Films sollten eher in der Spannung und im Mitgefühl liegen.

Als der Völkermord vor 11 Jahren begann, haben Sie das wahrgenommen, was dort passierte?
Ich habe damals gerade Some Mother’s Son in Irland gedreht und ich denke, die europäischen Medien haben noch mehr darüber berichtet als CNN. Mir wurden die Ausmaße erst klar, als die Massenflucht in den Kongo einsetzte. Aber als ich anfing, einen Film über Afrika drehen zu wollen, habe ich etliche Bücher zum Thema gelesen. Und so baute ich mir eine kleine Bibliothek zum Thema auf, noch bevor ich Paul Rusesabagina kannte.

Wie haben Sie Ruanda erlebt, als Sie dort das erste Mal hinflogen?
Es war überhaupt meine erste Reise nach Afrika und ich wusste nicht genau, was mich dort erwartet. Als Erstes überraschte mich die Bevölkerungsdichte. Kaum jemand weiß, dass Ruanda das am dichtesten besiedelte Land Afrikas ist. Auffällig war auch die Schönheit der Landschaft, die Höflichkeit der Menschen und wie herzlich Paul empfangen wurde. In dem Hotel arbeiten immer noch größtenteils Leute, die er gerettet hat. Wir trafen seine engsten Freunde, Odette und viele andere, die auch im Film vorkommen. Und schließlich fuhren wir zu einer Technischen Hochschule im Süden des Landes, wo einer der schlimmsten Massenmorde stattgefunden hat. Dort wurden in vier Tagen schätzungsweise über 40.000 Menschen abgeschlachtet. Die Leichen wurden in ein Massengrab geworfen und Lehm darüber geschüttet. Doch der Lehm hat die Leichen mumifiziert. Mittlerweile wurden einige davon in den Klassenzimmern aufgestellt. Ich war noch nie in Pompeji, aber so stelle ich es mir vor: Menschen, die im Moment ihres Todes wie eingefroren wirken. Nur dass man hier sieht, dass dem einen mit der Machete der Arm abgeschlagen wurde und vielen der Skalp fehlte. Ich war dort mit Paul und Tatsiana und besonders Tatsiana konnte es nicht ertragen, weil sie fast ihre ganze Familie verloren hatte. Es war ein sehr erschütternder Moment. Draußen saßen zwei Leute, die das Massaker überlebt hatten und die auf die Gedenkstätte aufpassen und die Frau fragte mich nach einer Spende. Ich hatte nur 250 Dollar bei mir, also gab ich sie ihr. Sie fing an zu weinen und ich wusste nicht was los war. Sie sagte, so viel Geld habe noch niemand gegeben. Dieses und andere Erlebnisse standen im Widerspruch mit der Würde, mit der die Leute ihre Erinnerungen mit uns teilten. Jede Erzählung endete mit einer Variante des Satzes „Aber dann wurden sie alle getötet.“ Aber niemand wollte mir etwas darüber sagen, wie die derzeitige Situation im Land ist. Vor allem die Hutus konnten nichts dazu sagen, wie sie sich heute fühlen. Aber ich denke, das ist auch verständlich.

Der Kameramann Jack, gespielt von Joaquin Phoenix, sagt an einer Stelle Ihres Filmes: „Wenn die Fernsehzuschauer im Westen diese Bilder sehen, werden sie sagen: ‚Oh, das ist ja schrecklich.’, und dann ihr Abendbrot fortsetzen.“
So reagieren die Menschen meistens. Nur beim Tsunami war es plötzlich anders, für einige Zeit zumindest. Das verstärkt meinen Eindruck von unserer Scheinheiligkeit Afrika gegenüber nur noch. Während Hunderte Flugzeuge und Schiffe nach Thailand und Indonesien geschickt wurden, diskutierte man in der UN, ob man 1000 Soldaten nach Darfur im Sudan schicken soll. Es ist eine merkwürdige Situation, weil man ja auch nicht sagen will „Meine Situation ist schlimmer als Deine.“ Aber in Südostasien wurde klar, dass der Westen sehr wohl in der Lage ist, eine gemeinsame Hilfsaktion zu starten. Wir brauchen einen neuen Marshall-Plan für Afrika.

Glauben Sie, dass Film oder Kino etwas verändern kann?
Es gibt ein paar Beispiele, die zeigen, dass es möglich ist. Ich sehe meine Pflicht aber eher darin, die Leute zu informieren, nicht so sehr sie zu verändern. Es liegt am Einzelnen, was er aus dem Film mitnimmt.

Es gibt einen weiteren Film über den Genozid in Ruanda, Sometimes in April, der parallel entstand. Waren Sie sich dessen bewusst?
Als ich anfing zu drehen, hörte ich davon, dass HBO daran interessiert war, ebenfalls einen Film über Ruanda zu machen. Es gibt übrigens sogar noch einen dritten Film über Ruanda, Shoot the Dogs. Ich weiß nicht, wie das immer passiert, dass plötzlich zu einem Thema gleich mehrere Filme produziert werden. Es gab auch Überlegungen, den von Nick Nolte gespielten UN-Colonel als Hauptfigur zu nehmen. Aber ich wollte nicht die Geschichte vom noblen, weißen Mann erzählen. Das haben wir wirklich schon zu oft gesehen! Hier haben wir einen wahren afrikanischen Helden in einem Film über Afrika mit einer fast ausschließlich schwarzen Besetzung. Das ist in Hollywood ein hoffnungsloser Fall. Aber ich hatte Vertrauen in die Stärke der Geschichte, deswegen musste ich das Geld für den Film woanders suchen. Ich glaube nicht, dass Hollywood rassistisch oder politisch motiviert ist, es geht nur ums Geld.

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