„… aber immerhin kann man losgehen und Dinge kaputtmachen“

Interview mit Andrew Cividino über seinen Debütfilm Sleeping Giant

critic.de: 2014 hast du Sleeping Giant als Kurzfilm fertiggestellt. Wie war der Prozess, daraus kurz darauf einen abendfüllenden Film zu machen?

Sleeping Giant  6

Andrew Cividino: Sleeping Giant war ursprünglich als Langfilm konzipiert. Das Drehbuch war fertig und die Schauspieler gecastet, aber wir konnten niemanden rechtzeitig überzeugen, uns genug Geld für den Dreh zu geben. Deshalb haben wir entschieden, stattdessen erst mal eine kurze Version zu machen. Wir haben Szenen aus dem langen Drehbuch verwendet, sie aber sehr viel freier und impressionistischer gestaltet, als ich eigentlich geplant hatte. Ich hatte beim Dreh zwar die Spielfilm-Struktur im Kopf, aber der Prozess hat mich ermutigt, mehr Risiken einzugehen und intensiv mit den Schauspielern zu arbeiten, um unsere ganz eigene Form von Naturalismus zu finden.

Nachdem der Kurzfilm Beachtung gefunden hat, konntet ihr die Finanzierung für den Langfilm auf die Beine stellen, das Budget war aber trotzdem verhältnismäßig gering. Wie sehr hat das den fertigen Film beeinflusst?

Mehr Geld hätte unser Leben wahrscheinlich sehr viel einfacher, den Film aber im Endeffekt vielleicht sogar schlechter gemacht. Das ganze Team hat am Lake Superior im Norden von Ontario gewohnt wie in einem Ferienlager, und alle mussten hundertprozentig mit dem Herzen dabei sein, um sich darauf einzulassen. Das hat zu einem familiären Zusammenhalt, aber auch zu Spannungen geführt, und ich denke, das merkt man dem Ergebnis auf der Leinwand an. Wir sind in der Regel ans Set gegangen, haben die wichtigsten Punkte der Szene besprochen, angefangen zu proben und diese Proben auch immer gleich mitgefilmt. Das hat dazu geführt, dass die Takes oft bis zu 15 Minuten lang waren. Hätten wir nicht digital gedreht, wäre das niemals möglich gewesen, denn im Endeffekt hatten wir 70 Stunden Material für 90 Minuten Film.

Du hast größtenteils mit Laiendarstellern gearbeitet. Nach welchen Kriterien seid ihr auf die Suche nach ihnen gegangen?

Wir wussten, dass wir nicht einfach junge Schauspieler aus Toronto casten, sie nach Thunder Bay bringen und dann erwarten konnten, dass sich ein Gefühl von Natürlichkeit einstellen würde. Es war wichtig, Jugendliche zu finden, die eins mit der Landschaft waren – die dort rumrennen und von den Klippen springen konnten. Wir haben deshalb einen großen Casting-Aufruf gestartet, sind in alle Schulen gegangen, haben Flyer in Einkaufszentren verteilt und Schauspiel-Workshops besucht. Nick (Nick Serino/Nate) kam über eine Kijiji-Anzeige zu uns. Weil er keinerlei Erfahrung hatte, haben wir ein Interview geführt, statt ihn lesen zu lassen. Er hat sich eigentlich für die Rolle von Adam vorgestellt, aber uns war sofort klar, dass er der perfekte Nate war. Durch ihn haben wir dann Reece (Reece Moffett/Riley) gefunden – Nicks Cousin.

Hat die Tatsache, dass die beiden verwandt sind, den Dreh schwieriger oder einfacher gemacht?

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Ursprünglich sollten die Figuren der beiden beste Freunde sein, aber mit ihnen als Cousins schien es sinnvoll, die Geschichte auch entsprechend anzupassen. Es gibt eine große Vertrautheit zwischen ihnen, eine Verbindung, auf die sie und ich als Regisseur beim Dreh immer zurückgreifen konnten, weil man sowohl die Liebe als auch die Spannung zwischen ihnen spürt, die einfach besteht, wenn man im gleichen Alter so eng miteinander aufwächst. Der Nachteil war, dass die beiden auch so kompromisslos streiten konnten, wie Brüder es tun, was die Arbeit am Set manchmal etwas anstrengender gemacht hat. Es gab am Set immer den Konflikt zwischen einerseits der Notwendigkeit, ein Drehbuch mit genauen Handlungssträngen und charakterlichen Entwicklungen zu haben, und andererseits der Chance, die Persönlichkeiten der Schauspieler so viel wie möglich mit einfließen zu lassen. Sie sind das Herz des Films, und wenn man Laien castet, muss man diese Stärke nutzen.

Adam, der Protagonist des Films, ist eine sehr passive Figur. War das bei der Plotentwicklung eine besondere Herausforderung?

Ja. Es ist schwierig, einen Protagonisten zu haben, der immer sehr passiv ist und sich, wenn er dann mal aktiv wird, wie ein Arschloch benimmt. Mir war beim Schreiben klar, dass das keine konventionelle Entscheidung war. Wir sind das Risiko eingegangen, dass die Zuschauer ihn nicht mögen, aber wenn man nachvollziehen kann, wieso er ständig zögert und dann auch falsche Entscheidungen trifft, dann – darauf habe ich mich letztlich verlassen – kann und wird man ihm das auch verzeihen.

Das Setting am Lake Superior ist für dich ein sehr persönliches, weil du dort einen großen Teil deiner Kindheit verbracht hast. Es birgt aber außerdem ein großes metaphorisches Potenzial.

Am Lake Superior aufzuwachsen hat immer einen riesigen Kontrast mit sich gebracht. Auf der einen Seite gibt es diese umwerfende Natur und das wohlige Gefühl, willkommen zu sein, aber der See kann auch eine gefährliche Gewalt entwickeln. Der Ort heißt nicht umsonst Thunder Bay. Es war das perfekte Setting für die Geschichte, weil es die Unvorhersehbarkeit im Verhalten der Helden widerspiegelt.

Du beschreibst den Film als Mischung aus Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers und Der Herr der Fliegen. In beiden Geschichten stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt, die plötzlich auf sich allein gestellt sind. Welche Rolle spielen die Eltern in Sleeping Giant?

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Ich glaube, es gibt diesen Moment im Prozess des Heranwachsens, in dem man aufschaut und bemerkt, dass seine Eltern auch nur Menschen sind. Das ist ein furchtbarer Moment, denn diese allgegenwärtige schützende Hand, die einen die ganze Kindheit begleitet hat, verliert plötzlich ihre Kraft, und man bleibt völlig allein zurück. Das wollte ich mit diesen Charakteren erforschen. Sie kommen alle aus unterschiedlichen Familien, teilen aber dieses Gefühl der Verlorenheit, egal ob ihre Eltern gestorben sind oder sie nur komplett desillusioniert wurden. Damit geht auch der Verlust moralischer Kategorien einher, und sobald die weg sind, kann alles passieren.

Der Film zeigt, dass die Palette dessen, was passieren kann, sehr facettenreich ist. Von großen romantischen Gefühlen über Verrat bis zu skrupelloser Brutalität ist alles möglich. Für wie wichtig hältst du es, das junge Menschen all diese Facetten ausleben können?

Ich glaube, dass brutale Impulse zum Heranwachsen und generell zum Menschsein dazugehören. In unserer zivilisierten Gesellschaft lernen wir, diese Impulse zu kontrollieren, aber als Teenager kocht oft zu viel auf einmal hoch. Romantische Sehnsucht und das Bedürfnis, Dinge kurz und klein zu schlagen, entstehen oft gleichzeitig, und Zerstörung ist immer einfacher, als etwas aufzubauen. Als Teenager hat man generell nicht viel Macht über sein Leben. Andere entscheiden, was man tun soll – aber immerhin kann man losgehen und Dinge kaputtmachen! Ich glaube, es ist wichtig, das nicht zu rigoros zu verurteilen. Man sollte es natürlich nicht bestärken, aber anzunehmen, dass ein Mensch geschädigt ist, weil er sich auf eine aggressive Art und Weise ausdrückt, ist ein Trugschluss.

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