Von Caligari zu Hitler

Nimmt das Kino der Weimarer Republik den kommenden Nationalsozialismus vorweg? Rüdiger Suchsland bebildert in seinem Regiedebüt Siegfried Kracauers These von „Caligari zu Hitler“.

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Es beginnt mit einer Hand im schwarzen Handschuh, die sich über einer Stadtkarte entballt. Die gespreizten Finger, so scheint es, gieren danach, die gesamte Stadt zu umfassen, zu umklammern, unter ihre Herrschaft zu bringen. Es ist die Hand von Gustav Gründgens in M (Fritz Lang, 1931). „Ein Bild der Gewalt“, heißt es wenig später im Voice-over, das von Regisseur Rüdiger Suchsland selbst gesprochen wird, „imminent modern. Es zeugt von Vernetzung, Herrschaft, Kontrolle, Kybernetik. Eine Symphonie des Schreckens, aus Licht und Schatten, die Schatten der Zukunft.“ Mag das Bildmaterial des Dokumentarfilms zu großen Teilen Stummfilmen entnommen sein, Von Caligari zu Hitler ist weder stumm noch still. Der Film scheut sich nicht vor großen Worten und großen Erklärungen, vor Etiketten und eifrigem Kulturwissenschaftlerjargon. Selbstbewusst wird dem mächtigen, zu schnell vorbeiziehenden Bilderstrom ein Sprachstrom übergestülpt, der nie abreißt. Beide sind von rivalisierender Fülle. Von Caligari zu Hitler ist kein ehrfürchtiger Besuch in die Ehrenhalle des deutschen Zwischenkriegskinos, das sich für Nachkriegskino hielt; man wird nicht andächtig beim Zuschauen, fühlt sich nicht klein. Es hat eher etwas von einem Ringen, dem Ringen des wissenden Nachgeborenen: Wie gern möchte man unbefangen dem Witz, dem Charme, dem Irrsinn oder dem Grusel dieser Bilder verfallen. Aber etwas hindert uns daran.

„Der Diktator ist schon da“

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Was es ist, das uns am lustvollen Sichten der wunderbar restaurierten Bilder hindert, das ist schnell ausgemacht: Es ist Siegfried Kracauers These, verdichtet – verkürzt, zweifelsohne – auf die vier Wörter und die grausame Linearität des Titels, belegt an fast zwei Stunden Filmmaterial. Von Caligari zu Hitler: Der deutsche Film der Weimarer Republik, so Kracauer und in seiner Folge auch Suchsland, bilde die in den Totalitarismus mündenden autoritären Dispositionen des deutschen Volkes ab. Er ahne den Untergang des bisher freiheitlichsten Staates auf deutschem Boden, er nehme den Nationalsozialismus vorweg. Deutschland verwirkliche ab 1933 das, was jahrelang auf den Leinwänden der Republik zu sehen gewesen sei. Kracauer schrieb: „Der leibhaftige Homunculus ging um. Selbsternannte Caligaris hypnotisierten zahllosen Cesares Mordbefehle ein. Rasende Mabuses begingen wahnsinnige Verbrechen und gingen straffrei aus, und irre Iwans erdachten unerhörte Folterungen.“ Das Kino erscheint wie ein kollektiv geführtes Tagebuch, das die den deutschen Köpfen entspringenden Fantasien und Begierden zur Sprache bringt, ehe sie Handeln werden, Wirklichkeit.

Black Box Film

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Aber was genau machen diese Filme mit dem, so die These, im Weimarer Deutschen angelegten vorfaschistischen Gedankengut? Sind sie lediglich sein Sprachorgan? Vervollkommnen sie es? Machen sie es größer? Befördern sie es? Weckt das Kino der Weimarer Republik Sehnsüchte, oder mahnt es zur Wachsamkeit? Zeigt es das menschliche Antlitz oder das menschliche Streben? Von Caligari zu Hitler gibt keine Antwort. Der Blick des Dokumentarfilms ist nicht auf den Filmemacher, nicht auf den Filmebetrachter gerichtet, sondern auf den Film selbst, und auf die wiederkehrenden Motive, die er in der Weimarer Republik im deutschen Unterbewusstsein schlummernd und im Nationalsozialismus verwirklicht wähnt: Untergangsangst, Schlafwandel, Hypnose, Verführung.

Das alte Filmmaterial ist passgenau. Wir sehen, was Kracauer, was Suchsland meint. Wir sehen all die Mörder, die Verführer, die Irren, die Schergen, wir sehen das Morbide, die Trance, den Wahn, die Sehnsucht nach Autorität, Führung, Erlösung. Die Häufigkeit dieser Motive ist nicht von der Hand zu weisen und lässt perplex, gleichzeitig ist es ja gerade das Anliegen dieses Films, den Blick für die Parallele zwischen den Topoi der Filme der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus zu trimmen. In diesem Sinne ist Von Caligari zu Hitler eine Vorwegnahme der Vorwegnahme, und man ahnt, dass mit diesem Verfahren gegenteilige Darstellungen nicht in den Blick geraten können.

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Denn wenn der deutsche Film der Weimarer Republik etwas vorwegnimmt, dann ist in dieser These schon eine Deutung dieser Zeit aufgehoben, die hier weder diskutiert noch mit weiteren Deutungen konfrontiert wird – das Bildmaterial, das Suchsland aneinanderflickt, wird unter dem Gewölbe einer einzigen Lesart zusammengedrängt. Was zudem unbeleuchtet bleibt: Im Abspann werden die Namen der zitierten Regisseure genannt, nebst Geburts- und Todesdatum steht auch das Datum des Exils, und zwar bei allen. Sie flohen also vor dem, was sie vorausgesehen und gezeigt hatten. Beizeiten vermittelt Von Caligari zu Hitler jedoch den Eindruck, als gäbe es keine Filmschaffende, als wäre das Medium Film ein willenloses Abbild der Gesellschaft oder zumindest dessen, was in ihr keimt.

Kino und Masse

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Suchsland hat den Titel der 1947 erschienenen Studie Kracauers übernommen, den Untertitel dagegen änderte er: „Eine psychologische Geschichte des deutschen Films“, heißt es bei Kracauer; „Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen“ bei Suchsland. Eine interessante Abweichung, die den Blick auf das Massenmedium Kino und auf Massenphänomene lenkt. Die Massen sind in den Abspielstätten ebenso wie auf der Leinwand: eins und unendlich viele zugleich. Die Beschleunigung, die Unrast, die mit der exponentiell wachsenden Bevölkerung einhergeht, findet ihr Pendant in der rastlosen Montage. Gern hätte man in den einzelnen Filmszenen verharrt, ihnen mehr Zeit gegeben, Wirkung zu entfalten. Von Caligari zu Hitler befördert einen prall gefüllten Filmfundus ans Tageslicht, und man kann nach diesem Film nur bestrebt sein, ihn in seiner Gänze zu entdecken und sprechen zu lassen.

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