Suicide Club

Olaf Saumer leitet seinen ersten Spielfilm selbstbewusst ein, verliert sich aber in der schwierig zu meisternden Verquickung von sensibler Ruhe und temporeichen Aktionen.

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Fünf Fremde, ein gemeinsames Ziel: der Freitod. Die Gruppe findet sich im Morgengrauen am vereinbarten Platz zusammen, auf dem Dach eines Hochhauses. Sie wissen nichts voneinander und wollen auch gar nichts wissen. Gemeinsam wollen sie sich stärken, einander Mut geben, um ihren fatalistischen Entschluss durchzusetzen. Ein unerwarteter Zwischenfall verhindert die reibungslose Abwicklung des Sprungs, kurze Zeit später erwacht die Stadt zum Leben. Die Gruppe entschließt sich, bis Sonnenuntergang zu warten, doch dummerweise hat ein übereifriges Mitglied des Selbstmord-Clubs die Tür versperrt. Bleibt nichts anderes übrig, als zusammen den Tag zu überstehen und mit ungebetenen Gästen fertig zu werden.

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Olaf Saumer versucht in Suicide Club, der als Abschlussfilm an der Kunsthochschule Kassel entstand, deutlich, es mehreren Fronten Recht zu machen. Es ist dieses unentschlossene und nachgiebige Pendeln zwischen leichter Tragikomödie, die ein schweres Thema möglichst schmerzfrei behandelt, und leicht prätentiösen Arthouse-Anleihen, die das Gesamtwerk so nichtssagend geraten lassen. Die Grundidee wird recht bemüht gestreckt, um als dramaturgisch effizienter Spielfilm zu funktionieren. Das Drehbuch versucht das triste Geschehen mit arg konstruiert wirkenden Plotwendungen etwas abwechslungsreicher zu gestalten. So verkommen beispielsweise die Auftritte der Polizisten zu pseudo-skurrilen Lachnummern ohne rechtes Timing, den schwarzhumorigen Anteilen fehlt es dagegen an Biss und Souveränität und auch an dem nötigen Schuss Kaltschnäuzigkeit.

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Der in unregelmäßigen Abständen einsetzende Off-Kommentar des 16-jährigen Fabian (Arne Gottschling) steht symptomatisch für das Hauptproblem des Films, der scheinbar nicht vollends auf seine Bilder vertraut. Ohne der Handlung nur den geringsten Dienst zu erweisen, erzählt Fabian lediglich nach, was es auf der Leinwand zu sehen gibt und was keiner weiteren Erläuterung bedarf. Statt die Bilder für sich sprechen zu lassen, werden sie zu Tode erklärt. Selbiges Schicksal erleiden die Motivationen der Selbstmörder, die lange Zeit im Dunkeln bleiben, nur um letztlich doch komplett ausformuliert ihre Wirkung einzubüßen. Innerhalb kürzester Zeit verwandeln sich die zunächst introspektiven Personen zu redseligen Zeitgenossen, die sich das ganze suizidale Gedankengut mal beim gemeinsamen Flaschendrehen (hier kombiniert mit „Wahrheit oder Pflicht“) gehörig durch den Kopf gehen lassen. Begleitet wird dieser durchschaubare Entwicklungsprozess von Dialogen, die nie ein Gefühl von Spontaneität aufkommen lassen und gerade in den extremen Gefühlsausbrüchen das Unfertige und nicht zu Ende Gedachte an der von Anfang an drastisch zugespitzten Situation betonen, die Saumer immer weiter aus den Händen gleitet. Wenn sich die Gemüter dann sukzessive aufhellen, kippt die Ausrichtung des Films mehr Richtung Komödie, schlägt aber immer wieder unvermittelt ernstere Töne an. Ein Wechselbad der Gefühle, das mehr und mehr kalt lässt, dabei außerdem das kleine Ensemble sichtbar überfordert, das so verzweifelt wie vergeblich gegen die Schablonenhaftigkeit ankämpft.

Suicide Club 12

Nun täte man Olaf Saumer, der bereits auf diversen Festivals mit Kurzfilmen auf sich aufmerksam machte, Unrecht, würde man seinem Suicide Club jeglichen Reiz absprechen: Gerade der Anfang, der sich noch wenig für die Ausmalung der Figuren interessiert, weckt einige Neugier und kreiert eine stark einbindende Situation – die leider aber auch schnell ihre Ziellosigkeit zu erkennen gibt. So manche malerische Einstellung verwischt kurzzeitig den Eindruck eines besseren TV-Films und lässt Saumers kinematografisches Gespür erahnen, das er auch durch den sauberen Schnitt belegt, den der Regisseur wie bei den meisten seiner Produktionen selbst besorgte. Etwas unglücklich dagegen sind die klischeehaften Figuren geraten, mit deren eingefahrenen Rollenprofilen der Film in keiner Weise bricht: Der verzweifelte Staubsaugervertreter, die Künstlerin mit Borderline-Persönlichkeit, die esoterisch angehauchte Mittvierzigerin, der freigeistige Kiffer und zu guter Letzt der depressive Schüler, der sich unbeachtet und allein fühlt. Genau die Vorhersehbarkeiten, die zu solchen Typisierungen zu erwarten sind, bedient Suicide Club und bietet statt ambivalent gezeichneter Charaktere zurechtgeschliffene Identifikationsfiguren, die aufgrund ihrer Stromlinienförmigkeit aber ironischerweise eher eine mögliche Identifikation ausschließen. Unterschwellig ist das Prinzip lesbar als kritischer Kommentar zu den voranschreitenden Vereinsamungsmechanismen des Internets, in dessen Untiefen der Selbstmordpakt mutmaßlich geschlossen wurde und das alle Altersstufen gleichermaßen anzusprechen weiß. Dankenswerterweise verfällt der Film nicht in eine pathetische Überhöhung des Selbstmordes, kommt in seinen lebensbejahenden Statements über Tipps aus dem Selbsthilfeschmöker aber auch kaum hinaus.

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Kommentare


Dr.med.Vogg

Anscheinend ist Herrn Siedelmann eine Situation des Suizides völlig fremd.
Solch ein Film sollte in psychatrischen Kliniken als optisches Antidepressivum gezeigt werden.






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