Wovon träumt das Internet?

Wovon das Internet träumt? Werner Herzog sucht auch in der neuen Welt immer nur nach alter Schönheit.

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Der erste Sinneseindruck, den Werner Herzogs Dokumentarfilm über die Anfänge, Auswirkungen und potenziellen Entwicklungen des Internets bereithält, ist weder ein Bild oder der Schriftzug des Filmtitels. Es ist der Klang der tiefen Kontrabassakkorde aus dem Vorspiel von Wagners Rheingold. Unmittelbar macht Wovon träumt das Internet? also deutlich, dass das, was in der folgenden Szene geschildert wird – die erste Kommunikation zweier Computer über ein Fernnetzwerk im Jahr 1969 – mehr ist als ein chaotisches und pannenreiches geschichtliches Ereignis. Die Musik hebt das Zufällige der menschlichen Handlungen vollständig auf, das Ereignis wird zu einem Schöpfungsmoment deklariert, zu dem Moment der Entstehung einer neuen Welt aus der Ursuppe einer dunklen Vorzeit. Diese Anfangssequenz spannt nicht nur den weltgeschichtlichen Bogen, in den die folgenden Szenen eingefasst werden, sie offenbart auch das gestalterische Grundprinzip von Herzogs Dokumentarfilmen: das Prinzip eines unverbindlichen Spielens mit Bedeutsamkeit. Immer wieder wird das Gezeigte – so prosaisch, alltäglich und vertraut es auf den ersten Blick auch sein mag – durch den Musikeinsatz oder durch Herzogs gesprochenen Kommentar als überzeitlich gefasst, werden menschliche Handlungen und irdische Ereignisse in kosmische Abläufe eingebettet. Es geht immer um das Schicksal der Menschheit (oder die Abstraktion des einsam in der Welt verlorenen Menschen), und das Register, das angeschlagen wird, ist das eines existenzialistischen Pathos.

Immer wieder die Frage nach den Träumen

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Nur scheint die wiederkehrende Emphase in Wovon träumt das Internet? nicht verbunden zu sein mit einem tatsächlichen Interesse an den technischen Entwicklungen, die sie hervorhebt. Elektronisches Gedankenlesen, Cyberkriege, molekularbiologische Forschung per Videospiel, alles wird kurz erwähnt, mit einem andächtigen Staunen betrachtet, und sogleich wieder links liegen gelassen. Auch die immer wieder aufs Neue gestellte Frage, die sich als deutscher Filmtitel (Originaltitel: Lo and Behold, Reveries of the Connected World) angeboten hat, wird nie weiter ausgeführt, wird nie an bestimmte Erscheinungen oder Dynamiken unserer vernetzten Welt geknüpft. Der Zweck dieser Frage scheint sich vollständig darin zu erschöpfen, dass sie gestellt wird: Herzog fragt nach Träumen, weil er immer nach Träumen fragt, weil das Träumen als Chiffre für Innerlichkeit schnell zur Hand ist, und Innerlichkeit immer auf die prekäre Stellung des Bewusstseins und somit auf Überzeitlich-Schicksalhaftes verweist. Wie die an anderer Stelle von Herzog eingeworfene Bemerkung, dass Roboter „nicht lieben können“, spielt die Frage nach dem Träumen in dem Gefüge des Films dieselbe Rolle wie der Einsatz von Wagnermusik: bloße Beschwörungsformeln, die eine plötzliche, spontane Offenbarung des innersten Wesens der Dinge suggerieren.

Zwischen Transzendenz und Lächerlichkeit

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Den poetischen Überformungen haftet somit stets etwas Schematisches und Unverbindliches an – und dennoch verleiht gerade diese Unverbindlichkeit dem Film auch eine grundlegende Offenheit, die sich im besten Fall zu einem wissend-ironischen Grundton verdichtet. Denn eben weil die Bedeutungsschwere nicht akribisch begründet oder von bestimmten Phänomenen abgeleitet, eben weil sie in ihren Implikationen nicht im Detail ausgedeutet wird, erscheint sie als ein bloßer Vorschlag – sie wird als affektive Haltung zum Gezeigten lediglich ausprobiert. Wie wirkt die erste erfolgreiche Kommunikation zwischen zwei Computern auf uns, wenn sie als kosmische Ursprungsszene erfahren wird? Wie erfahren wir die Klage, dass ein Roboter, der gerade mal die Fähigkeit hat, ein Glas Orangensaft einzuschenken, nicht im Stande ist, zu lieben? Manche der gezeigten Ereignisse und Entwicklungen entfalten eine ganz eigene Resonanz, wenn sie aus ihren konkreten Zusammenhängen herausgelöst und als Wiederkehr alter, gar ewiger Muster dargestellt werden, andere offenbaren dadurch nur eine ihnen innewohnende Absurdität. Wovon träumt das Internet? schwankt somit beständig zwischen Transzendenz und Lächerlichkeit, und dass er das ganz bewusst und ungehemmt geschehen lässt, dass er nicht auf der Transzendenz beharrt und sich nicht für die Lächerlichkeit schämt, das verleiht dem ganzen Unterfangen etwas Spielerisches, als wären Ernsthaftigkeit und Belanglosigkeit nie genau voneinander zu trennen, als würde dem unbedingten, fast zwanghaften Verlangen nach Bedeutsamkeit selbst immer schon etwas Absurdes anhaften.

Irgendwie übers Internet

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Die dokumentarische Strategie eines freien Spiels mit Versatzstücken aus der romantischen Bedeutsamkeitskiste funktioniert bei Herzog am besten, wenn er sich eines Themas annimmt, das schon von sich aus eine gewisse Struktur aufweist, an der sich seine losen Assoziationswolken dann reiben, in der sie sich verfangen können – wie etwa die Steinzeitmalereien in der Höhle von Chauvet (Die Höhle der vergessenen Träume, 2010) oder das Schicksal von Timothy Treadwell in Grizzly Man (2005). Hier jedoch fehlt eine derartige von außen auf den Film einwirkende Beschränkung, hier gibt es kein thematisch eng umgrenztes Material mit einer eigenständigen Ordnung, hier geht es ganz vage um das Internet und die digitale Vernetztheit unserer heutigen Lebenswelt. Das hat zur Folge, dass der Film auf gänzlich ungebundene Art und Weise von einem zukunftsgetränkten Thema zum nächsten schweift, von den Anfängen des Internets zu selbstfahrenden Autos, von Sonnenstürmen, die alle mobile Kommunikation auf der Erde lahmlegen könnten, über die Entwicklung künstlicher Intelligenz bis hin zur Besiedlung des Mars – oft werden die einzelnen Episoden nur zusammengehalten durch die immer wieder eingestreute Bemerkung, dass die gerade gezeigten Objekte ja irgendwie durch das Internet miteinander kommunizieren würden.

Mit ein bisschen gutem Willen könnte man diese lose Struktur als bewusst dezentralisierte und netzartige Konstruktion auffassen, in der sich die ungeordnete und hierarchielose Datenfülle des Internets wiederspiegelt, aber zumeist ist die Wirkung doch die eines etwas beliebigen Dahinplätscherns. Der Film ist wie das gemütliche Schlendern durch die ständige Sammlung eines Museums, nie wirklich spannend, nie wirklich langweilig, und hauptsächlich dazu geeignet, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, womit man sich in Zukunft vielleicht eingehender auseinandersetzen könnte – nur dass Herzog einem ab und an die Möglichkeit bietet, sich von einem Wagner-Akkord ein klein wenig entrücken zu lassen.

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