Hitlers Hollywood

Es knistert weiter zwischen Politik und Ästhetik: Hitlers Hollywood erinnert daran, wie Propaganda wirkt. Aber manchmal gerät auch die aus dem Rhythmus. 

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In den Kinos des „Dritten Reiches“ ratterten fleißig die Projektoren. Die verstaatlichte UFA fertigte Doppelprogramme aus Wochenschau und Spielfilm, füllte damit Nachmittage und Abende, führte den Massen das Gedankenungut in kleinen Dosen ein. Filmvorführungen als Zerstreuungsséancen, Anleitungen zum Nachmachen, Zuflucht- und Sehnsuchtsorte – Propaganda, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. Der Status quo machte sich oft im Singen breit: „Jawohl, meine Herrn, so haben wir es gern, und von heut an gehört uns die Welt“. Amerikanische Vorbilder hatte man aber auch, viele weibliche Stars kamen von anderswo, die Vamps und die süßen Mädels. Inmitten der Blondgelockten Ilse Werner als vergeudete Möglichkeit.

Diese Filme zunächst mal aus dem definierten Kategoriensystem des trivial Bösen herauszulocken, hier fängt das Interesse von Rüdiger Suchsland an. Sein Essayfilm Hitlers Hollywood ist eine Einladung zum Schauen, zur Bilderneugier und den Fragen, die sich stellen: Was wissen die Filme, was wir nicht wissen? Der Filmkritiker will durch die Filme zu den Träumen gelangen. Er steigt mit der These Siegfried Kracauers ein, Kino sei der Indikator fürs kollektive Unbewusste seiner Zeit. Hier wird auch weiter viel ineinanderfließen. Neben der Lektüre von Kracauer („Totalitäre Propaganda“) auch Susan Sontag, Hannah Arendt, Karsten Witte. Die wesentliche Recherchearbeit ist in Hitlers Hollywood sanft eingepflegt in einen Erzählstil von Lust und Leichtigkeit.

Nichts ist unschuldig

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Das heißt aber noch lange nicht, dass er es sich leicht macht. Suchsland geht es weniger um die Unstimmigkeiten, die in der Reflexion der Filme auffallen, als um die Unstimmigkeiten der Erfahrung, wie man sie beim Schauen macht. In den NS-Komödien schüttelten sich lachende Erben vor lauter angespannter Heiterkeit aus. Umso mehr dann, als es wirklich nichts zu lachen gab. Man sieht, Ambivalenz ist Fluch und Segen zugleich, der „Kampf“ ist eins ihrer Synonyme. Umso leichter wird man in Verbrechen und Mittäterschaft hineingeflüstert, wenn das Ungeheuer sich hinter der Maske des Unwesentlichen, der Unterhaltung verbirgt. Je offensichtlicher, desto mehr büßt Propaganda an ihrer Wirkungskraft, sagte Goebbels. Die Massenornamente findet man also mehr in den gelenkigen Arrangements der Revuefilme als bei Leni Riefenstahl. Dazu schrieb Karsten Witte, in den Revuegirls wird „stellvertretend die weibliche Reservearmee inspiziert“. In Hitlers Hollywood erinnert man sich also daran, dass Propaganda nicht durch laute Parole, sondern durch das Ästhetische wirkt, durch das also, was man die „Form“ nennt. Suchsland zeigt auch, wie das Kino doppelbödig sein kann, wie die standardisierten Muster hin und wieder den Schritt verfehlen, vom Rhythmus abkommen. In Paracelsus von G.W. Pabst ist Goebbels – laut Suchsland eigentlicher Autorenfilmer des NS-Kinos – Gaukler und Hypnotiseur. Das mittelalterliche Volk schaut wie gebannt zu, macht ihm die zaghaften Körperbewegungen ekstatisch nach. Eine verunsichernde Erfahrung, wie ich es jetzt erlebe. In einem Ausschnitt aus Großstadtmelodie von 1943 (Regie: Wolfgang Liebeneiner) sieht man die Repräsentativbilder, die der ihnen eingepflegten Ideologie gegenüber zugleich die schärfsten Gegenargumente liefern. Hier die Gondeln von Venedig in Agfacolor, da die sinkende Titanic in Schwarz-Weiß. Siehe: Das Regime geht unter. Und wieder stellt sich die Frage, wie in den Bildern Parodie und Einübung auseinanderzuhalten sind.

Die geliebten Details

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Das, was heute noch wirkt, ist für Hitlers Hollywood genau dieser Zwiespalt. Ich ertappe mich beim Gedanken, von den kurzen Bewegtbild-Passagen noch mehr sehen zu wollen. Eine blonde Amazone (Kristina Söderbaum) reitet ihr weißes Pferd ins schäumende Lasurblau des Meeres. Alles glänzt und blendet. Die Wangen glühen wie vor lauter Gesundheit, die in Wirklichkeit keine ist. Immer wieder sinken Männer, viel öfter jedoch Frauen, im heroischen Verzicht glückselig in den Tod hinein. Fieberträume aus Mehrfachüberblendungen, surreale Spaltungen von Geist und Körper, bei allem sehr viel Gefühl. Das Dilemma aus Lust und Vorbehalt verstärkt hier die Herausforderung der Montage, die nicht zu sehr zum Imaginieren verleiten darf. Mit dem Off-Kommentar muss den großen Bildern auch mal die Show gestohlen werden.

Eine weitere aufmerksame Kinogeschichte der letzten Jahre war Auge in Auge von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler. Dort zeigen die Match Cuts ebenfalls Anschlüsse, wie sie einem über die Jahrzehnte der Filmgeschichte hinweg wieder begegnen: Sehnsüchte, Ideale, Blicke – verliebt, finster, weit offen, schwer von Schminke und innerer Tristesse. Die extrahierten Küsse, als Gender-Kollisionen, als Verheißungen gefilmt. Die rote Rose im Meeresschaum, die widerspenstige Locke – hier sind sie wieder. Wie Althen und Prinzler erzählt auch Suchsland eine prononciert persönliche Geschichte. Sein Essay ist ein Versuch, den diffusen Eindrücken nachzugehen, wie sie das Kino gerne hinterlässt und die in der Erinnerung zu einem einzigen langen Film zusammenschmelzen – gewiss auch ein streitbarer Ansatz, wird das NS-Kino und sogar der Nationalsozialismus selbst so doch zu einem „Gesamtkunstwerk“ erklärt.

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Ein einziger spektakulärer Film

Retrospektiv vermutet und wünscht man sich nach 1945 harte Schnitte in der deutschen Filmgeschichte, die es nie wirklich gegeben hat. Hitlers Hollywood will sagen, dass auch das Kino jener Jahre weiter in unserem Unbewussten lebt; dass sich im Heute viele Spuren von Damals wiederfinden lassen. Wo genau waren faschistische Filme faschistisch, und was gilt heute als unterhaltsam? Wie funktioniert Propaganda? So trivial die Fragen klingen, teilt sich die Kontinuität der Manipulation ihre Grundlage mit dem herrschenden Konsens. Beide wollen doch nur unser Bestes. In der Definition des Politischen im Kino scheint es ohnehin noch viel grundlegend Ungeklärtes zu geben, wie es die Missverständnisse der letzten Tage offen gelegt haben. Es knistert weiter zwischen Politik und Ästhetik. Wo er mit Kracauer einsteigt, da wird Hitlers Hollywood mit Helmut Käutner herauskommen, den Suchsland für einen der besten deutschen Regisseure überhaupt hält. Käutner hat seine Arbeit als Regisseur im NS-Kino angefangen und sie dann in der Bundesrepublik erfolgreich fortführen können. Auf viele Gedanken bringt einen das ganze liebevoll Erzählte. Zum Beispiel: Das Kino ist stärker als alle Gewalt.

Trailer zu „Hitlers Hollywood“


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