Der Vorleser

Stephen Daldry hat den Weltbestseller Der Vorleser verfilmt – ein schwieriges Unternehmen, das leicht unter Kitsch- und Katharsisverdacht gerät. Trotz großer Schauspielleistungen bleibt ein konventioneller Nachgeschmack.

Der Vorleser

Bernhard Schlinks Der Vorleser, erschienen 1995, ist ein schmales, klug geschriebenes Buch. Mit präziser Sprache und erzählerischer Dichte schildert es eine unerhörte deutsche Liebesgeschichte, die zur Metapher der unbewältigten Nazi-Vergangenheit wird. In der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik, 13 Jahre nach Kriegsende, beginnt eine 36-jährige Straßenbahnschaffnerin eine Affäre mit einem 15-jährigen. Der Junge erlebt sein sexuelles Erwachen; halb stolzer Mann, halb Kind, gerät er schnell in emotionale Abhängigkeit zur manchmal unzugänglichen, manchmal abweisenden Geliebten. Die beiden verbindet ein ein intimes Ritual. Sie badet ihn, sie lieben sich und er liest ihr vor. Eines Tages verschwindet sie ohne ein Wort. Acht Jahre später sieht der Jurastudent Michael Berg sie wieder: als Angeklagte im Auschwitz-Prozess. Hanna Schmitz ist als ehemalige KZ-Wärterin des Mordes in 300 Fällen mitangeklagt. Michael ist nun in einer Situation, die der Beziehung der Nachgeborenen zu ihrer Elterngeneration entspricht. Er muss einen Menschen verurteilen, den er geliebt hat. Er ist verstrickt in fremde Schuld.

Der Vorleser

Durch die Ich-Perspektive bringt Schlinks Roman all die Fragen des schwierigen Umgangs mit der Geschichte auf eine persönliche Ebene. Weder funktioniert das Verstehenwollen der Täterschaft gänzlich, noch bringt der moralische Zeigefinger Sicherheit: „Der Fingerzeig auf Hanna wies auf mich zurück. Ich hatte sie geliebt.“ Weder geben die Bilder, die wir uns vom Holocaust gemacht haben, etwas angemessen wieder, noch werden die eigenen Gefühle dem Grauen gerecht. Während Michael den Prozess gegen die SS-Wärterinnen verfolgt und später das KZ Struthof besucht, empfindet er nichts, nur innere Betäubung.

Schlink erzählt auch eine unerhörte Entwicklungsgeschichte. Hanna Schmitz, die Analphabetin, die sich vor Gericht mehr für ihre fehlende Bildung schämt als für das, was sie getan hat, lernt im Gefängnis Lesen. Mit Hilfe von auf Kassetten gesprochenen Büchern, die Michael schickt. Das erste, was Hanna selbständig liest, ist Lagerliteratur: „Primo Levi, Elie Wiesel, Tadeusz Borowski, Jean Améry ...“. Der Roman wird hier sehr deutlich. Die Befreiung vom Analphabetentum steht für die späte Befreiung aus der eigenen Unmündigkeit. Als ebenso hilflose wie unangemessene Geste der Sühne vermacht Hanna ihre Ersparnisse einer Überlebenden. Hanna Schmitz, gesehen durch die Augen von Michael Berg, erscheint auch wie die Verkörperung eines nachträglichen Wunsches: eine Täterin, die sich ihrer Geschichte zumindest stellt. Erklärung und Erlösung gibt es dennoch nicht.

Der Vorleser

Was passiert nun bei einer Leinwand-Adaption dieses vielschichtigen Kreisens um Schuld? Zunächst geht die gefilterte und reflektierte Perspektive des Ich-Erzählers verloren. Drehbuchautor David Hare setzt keine Off-Stimme ein. Stattdessen lässt er als bildliches Äquivalent den erwachsenen Michael (Ralph Fiennes) aus einer Rahmenhandlung in die Vergangenheit schauen. Fiennes’ durchgehend trauriger Blick ist allerdings ein magerer Ersatz für den Gedankenstrom des Romanprotagonisten. Dann erhält Hanna Schmitz mehr Gewicht. Auch durch Kate Winslets starkes Spiel zwischen Gefühlskälte, Rührung und Irritation wird sie plastischer. Nicht umsonst wurde Winslet, als gehöre ihr die eigentliche Hauptrolle, mit einem Oscar ausgezeichnet. Es kann nun durchaus spannend sein, einer Täterin als Mensch im Körper des Films mehr Raum zu geben, so wie die durchschnittlichen Täter zum Körper der Gesellschaft gehörten und immer gehören. Deshalb muss nicht gleich von Faszination und Rehabilitation die Rede sein, nur weil Kate Winslet auch nackt zu sehen ist und weinen darf – letzteres allerdings an auffallend anderen Stellen als im Buch.

Der Vorleser

Dennoch verursacht Stephen Daldrys Der Vorleser (The Reader) ein ungutes Gefühl von Oberflächenreiz. Prosa und Filmsprache haben unterschiedliche Möglichkeiten, und das Erzählen über Bilder, Emotion, aufdringliche Musik und das Können der Schauspieler funktioniert in der ersten Hälfte dieser Literatur-Adaption sehr gut, als es um den Sturm aus Sexualität und Gefühl geht, den Hanna in Michael auslöst. David Kross spielt den Jungen mit mutiger Offenheit, zeigt ihn linkisch und selbstbewusst, schließlich von Grund auf verstört.

Im letzten Teil des Films verkörpert Ralph Fiennes ein wandelndes Generationstrauma. Das sieht mehr nach melodramatischer Anstrengung aus, als dass es echten Schmerz spüren lässt. Während sich Michael Berg im Buch einer spannenden Selbstanalyse unterzieht, die seine Geschichte zur Parabel einer Generation öffnet, legen sich bei Daldry gefühlige Musik und Sprachlosigkeit über das Ende. Und das, obwohl Michael in der hinzugefügten Rahmenhandlung ansetzt, sein lebenslanges Schweigen zu brechen, um die Schuldgefühle nicht noch an die jüngste Generation weiterzugeben.

Der Vorleser

In Daldrys Verfilmung steckt die Fülle des schmalen Buches – nur bleibt sie hinter den Bildern zurück. Bei der Transformation der Prosa ins Visuelle sieht man plötzlich die konventionellen Effekte. Zwar ist der für seine sensible Schauspielführung berühmte Regisseur (Billy Elliot, 2000; The Hours, 2002) bemüht, Kitsch und allzu eindeutige Zuschreibungen zu vermeiden. Aber die Poesie, das Rührende, das Gewollte in der Inszenierung wiegt immer stärker. Bei Schlink heißt es, er wolle keine Geschichte erzählen, die glücklich oder traurig macht, sondern eine, die stimmt. Auf der Leinwand ist es andersherum.

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Kommentare


romeo

verdammt. das ist einfach mal der absolut schlechteste film, den ich seit langer zeit gesehen habe


Helen

ich mag sowohl das Buch als auch den Film. Allerdings hat die Kritik durchaus Recht was den Film betrifft. Andererseits weiß ich nicht, wie es hätte anders/besser sein können im zweiten Teil ohne wie eine schlechte Nacherzählung zu wirken. Daher übernehmen Musik und leidende Mimik das Feld ;)


Martin Zopick

Die Unterschiede bei diesem eigenartigen Liebespaar könnten größer nicht sein in Bezug auf Alter, Bildung und Herkunft. Aber was sie wirklich trennt, ist ihre Vergangenheit. Er hat noch keine und sie, diese Hanna Schmitz, war KZ Aufseherin. Damit bekommt diese äußerst sensibel erzählte Liebesgeschichte eine weitere Dimension: die Deutschen und die Nazis. Es stellt sich die Frage nach Schuld und Verantwortung, nach dem berühmt berüchtigten ‘Schlussstrich‘ und die beantwortet der Film auf seine Weise.
Ein hervorragend besetztes Ensemble aus Deutschen und Briten überzeugt bis in kleinste Nebenrollen. Unglaublich vor allem Kate Winslet sowohl als gefühlvolle Verführerin, als auch als barsche Frau, in der immer noch die Aufseherin steckt und die der Welt der Literatur doch so hilflos und unbedarft gegenübersteht. Ebenso großartig der junge, unschuldige Vorleser David Kross. Bruno Ganz bringt als Professor den intellektuellen Überbau (Jaspers ‘Die Schuldfrage‘) ein.
Erwähnenswert ist auch der Hinweis auf die hervorragende Schnittfolge. Dieser ‘Goldene Schnitt‘ ist handlungsdienlich, informativ und kontrastbildend. Das emotional menschliche Highlight ist das Treffen der beiden nach vielen Jahren im Gefängnis, das schmerzhafteste die Erkenntnis, dass Hanna, wie sie sagt, nichts dazugelernt hat, außer Lesen. Und doch handelt sie anders. Gelungen sind auch die zwei Teile des Epilogs, die die Handlung gekonnt kreisförmig abrunden bzw. den Gedankengang weiterspinnen.
Großes Gefühlskino mit intellektuellem Überbau anspruchsvoll umgesetzt.






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