A Lullaby to the Sorrowful Mystery – Kritik

„Freiheit ist in der Realität nur ein Konzept.“ Mit einem achtstündigen Historienfilm über die Philippinische Revolution sprengt Lav Diaz den Berlinale-Wettbewerb.

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In einer Szene aus Lav Diaz’ neuem Film ist zu sehen, wie die Spanier im Jahre 1897 das Kino auf die Philippinen bringen. Das neue Medium wird jedoch nicht in der Öffentlichkeit präsentiert, sondern lediglich in einer elitären Kolonialherrenrunde. Und nachdem sich die Priester, Generäle und Damen der besseren Gesellschaft an den bewegten Bildern erfreut haben, prostet man sich triumphierend darüber zu, dass der philippinische Widerstandskämpfer José Rizal gerade hingerichtet wurde.

Um sich das Machtgefälle zwischen den Filipinos und ihren einstigen Besatzern vor Augen zu führen, muss man nur einen Blick auf die Filmgeschichte des Landes werfen: Zwar entstanden die ersten Filme dort bereits einige Jahre nach besagter Vorführung. Das erste von einem einheimischen Regisseur gedrehte Werk erschien jedoch erst 1929. Wenn nun am Ende von A Lullaby to the Sorrowful Mystery der Student und angehende Poet Isagani (John Lloyd Cruz) einen verzweifelten Monolog über den Fluch hält, der auf den Philippinen lastet – und damit die 300 Jahre währende spanische Okkupation meint –, zählt er noch einmal all das Leid auf, das diese Zeit mit sich gebracht hat: die Unterdrückung, die Entmündigung, die Armut und den Identitätsverlust. Eines will Isagani nicht verstehen: „Warum musste das gerade uns widerfahren?“ Diaz gibt auf diese Frage keine klare Antwort und leistet stattdessen Wertvolleres: Er hat dem Freiheitsdrang seiner Landsleute einen erzählerisch ausschweifenden und ästhetisch kompromisslosen Film gewidmet, der sich nicht mit tröstender Gewissheit aufhält.

Erzählstränge durch den Dschungel

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Im Vergleich zu anderen Arbeiten des Regisseurs ist A Lullaby to the Sorrowful Mystery ein sehr narrativer und dialoglastiger Film. Angesiedelt in der Endphase des Unabhängigkeitskrieges und ausgehend von der Ermordung des Nationalhelden Andrés Bonifacio, spinnt er eine freie Erzählung, in der sich Faktisches, Fiktives und Mythisches auf organische Weise miteinander verbinden. Es dauert eine Weile, bis man sich zwischen all den Figuren, den politischen und persönlichen Konflikten zurechtfindet, doch mit der Zeit schälen sich vor allem zwei Geschichten heraus, die von christlichen Motiven wie Schuld und Vergebung in Zeiten politischer Unruhe erzählen.

Aufgrund seiner Gesamtdauer von über acht Stunden sind einzelne Sequenzen des Films so lang, dass sie fast als eigene Filme durchgehen könnten. Im Mittelteil konzentriert sich Diaz etwa auf eine Gruppe von Frauen, die sich im Dschungel auf die Suche nach der Leiche Bonifacios macht. Während Kriegserzählungen ansonsten häufig nur von Männern handeln, verschiebt sich die Aufmerksamkeit hier auf den Einfluss, den Frauen auf die Geschichte haben. Zwischen dem scheinbar endlosen Herumirren und Rasten seiner Figuren packt der Regisseur einen hochdramatischen Konflikt: Er konfrontiert zwei Protagonistinnen miteinander, die eine bedeutende, aber sehr unterschiedliche Rolle in der Revolution einnehmen. Auf der einen Seite steht Gregoria (Hazel Orencio), die Witwe Bonifacios, die sich selbstlos für das Heil der verletzten Rebellen einsetzt, auf der anderen Cesaria (Alessandra de Rossi), die als Verräterin für ein Massaker an Rebellen verantwortlich war und nun auf Erlösung hofft.

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Ein ähnliches Spannungsverhältnis gibt es auch bei den beiden Männern Isagani und Simoun (Piolo Pascual), die sich in einem anderen Erzählstrang durch den Dschungel schlagen. Simoun teilt zwar die Ideale der Rebellen, hat sich aber aus Geldgier mit den Spaniern arrangiert. Wenn Diaz immer wieder von der einen zur anderen Geschichte schweift, sind die Besatzer längst in den Hintergrund gedrängt worden. Der Film legt dadurch nahe, dass an den Schrecken des Krieges letztlich auch die menschlichen Schwächen der Einheimischen, ihre Bequemlichkeit und ihre Gier nicht unbeteiligt waren.

Revolutionslieder und Pferdemenschen

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A Lullaby of the Sorrowful Mystery zeigt auf beeindruckende Weise, wie spannend historische Stoffe aussehen können, wenn sie in den richtigen Händen landen. Geschichte wird bei Diaz nicht als dramatisch verdichtete Nacherzählung der spektakulärsten Fakten präsentiert, sondern mit jedem Bild zu neuem Leben erweckt. Meist handelt es sich dabei um lange, statische Einstellungen im komprimierten 4:3-Format, in denen sich die Szenen wie auf einer Bühne entfalten. Mal wird nur ein Lied gesungen (der Revolutions-Song „Jocelynang Baliwag“ etwa) oder ein Gedicht von Rizal rezitiert, dann huschen wieder mythologische Pferdemenschen vorbei, oder die Natur beherrscht das Bild ganz allein. Mit Realismus hat das alles recht wenig zu tun. Die expressionistische Low-Key-Lichtsetzung und der unheilvolle Nebel, der den gesamten Film über durch die Landschaft zieht, erinnern eher an frühe Studiofilme.

Probleme der Dauer

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Die ausufernde Länge von Diaz’ Regiearbeiten ist wohl der Hauptgrund dafür, dass sich sein Publikum in begeisterte Fans und weniger geduldige Zeitgenossen (beziehungsweise jene, die sich aufgrund der epochalen Länge erst gar nicht auf die Filme einlassen) teilt. Dass es ein Film jenseits der Vermarktbarkeit überhaupt in den Wettbewerb eines A-Festivals wie der Berlinale schafft, ist schon ein Ereignis für sich. Das nimmt einen ebenso für den Film ein wie Diaz’ sympathisch unaufgeregte Äußerung, man könne sich seine Arbeiten durchaus mit selbstgewählten Pausen anschauen. Doch gerade das ist bei A Lullaby to the Sorrowful Mystery schon nicht mehr möglich. Weil die freieren Passagen um narrativ stark verdichtete Inseln herum arrangiert sind, wäre die Gefahr zu hoch, etwas Entscheidendes zu verpassen. Dieser Film ist zweifellos dafür gemacht, als Ganzes gesehen zu werden. Ob er dabei aber derart lang sein muss, ist fraglich.

Es ist natürlich verzwickt, einem Film mangelnde Erzählökonomie vorzuwerfen, wenn gerade darin seine Besonderheit liegt. Die Schwierigkeit scheint für Diaz eher darin zu liegen, das richtige Maß zu finden. Die letzte Stunde des Films besteht fast ausschließlich aus möglichen Schlusseinstellungen: Menschen, die sich langsam von der Kamera wegbewegen, Blicke aufs Meer, Flöße, die aus dem Bild treiben. Wenn man nach sieben Stunden Film vor allem Szenen zu sehen bekommt, deren Hauptattraktion ihre Dauer ist, gibt man auch als ehrgeiziger Zuschauer irgendwann auf. Dass Diaz durchaus in der Lage ist, sich die notwendige Zeit zu nehmen, in der sich seine Filme entfalten können, und zugleich dicht zu erzählen, hat er zuletzt mit Norte, the End of History (Norte, hangganan ng kasaysayan, 2013) bewiesen.

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Vielleicht ist das Problem von A Lullaby to the Sorrowful Mystery auch nicht unbedingt die Länge, sondern das Format. Man könnte den Film durchaus anders präsentieren, etwa in einer Serienstruktur, die nicht gleichmäßig getaktet ist, sondern den organischen Erzählfluss in unterschiedlich lange Folgen übersetzt. Eines wäre auf jeden Fall schade: Wenn ein außergewöhnlicher Regisseur wie Diaz cinephilen Hochleistungssportlern vorbehalten bliebe.

Trailer zu „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“


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