Locarno 2014: Sehtagebuch (II)

Freude am Leben in der Retrospektive, sachte Transgressionen bei Martín Rejtman und ein malaysischer Film, den alle gefördert haben: Notizen zum Festival.

Dos Disparos (Regie: Martín Rejtman; Argentinien 2014)

Dos Disparos 06

Während mir unglückliche Kollegen beim Mittagessen berichten, dass sie sich in Locarno mit den deutschen Produktionen beschäftigen müssen, weil ihre Medien beim internationalen Festival stets nationalen oder gar regionalen Bezug einfordern, erfreue ich mich in meinem selbstgewählten Programm an einem Highlight nach dem anderen. Dos Disparos, der hier unter seinem Originaltitel und unter zwei verschiedenen internationalen Titeln firmiert (Two Gun Shots / Two Shots Fired), ist ein bemerkenswertes Erlebnis. Der 16-jährige Protagonist, der sich zu Beginn des Films zwei Schüsse in Kopf und Magen verabreicht und überlebt, spielt Flöte. Martín Rejtman zeigt ihn dabei, und bei Proben mit einem Quartett, und die Flötenlehrerin spielt auch eine Rolle. Weil alle Figuren sich ziemlich, aber nie vollkommen ernst nehmen und Rejtman sie gleichzeitig lakonisch ins Absurde schiebt, aber stets das Humane und Liebevolle betont, entsteht ein trockener Humor, der gleichzeitig für die Protagonisten einnimmt. Rejtmans Komposition gelingt das Spiel mit Nähe und Distanz, versetzt die Figuren in unerwartete Rahmen, die immer neue Dynamiken entstehen lassen. Der stete Fluss der Narration sucht die Abzweigungen und schärft damit den Blick. Es treten neue Figuren in die Geschichte und mit ihnen eine Lust am Abenteuer. Dos Disparos ist ein wilder Film, weil Transgressionen nur welche sind, wenn sie verunsichern, die Normen ins Wanken geraten lassen. Das tut Rejtman, sachte und sanft.

 

Buzzard (Regie: Joel Potrykus; USA 2014)

Buzzard 01

Die Definition des Buzzards im Urban Dictionary lässt sich in Genauigkeit und Poesie kaum übertreffen – und sie trifft auf Marty Jackitansky (Joshua Burge), den einsamen Helden des gleichnamigen Films, ziemlich genau zu. In früheren Zeiten wäre Marty vielleicht ein Drifter oder Slacker gewesen, heute ist das personifizierte schlechte Gewissen der krankhaft freiheitsliebenden amerikanischen Konsumgesellschaft ein ambitionierter Angebotsausnutzer und Arbeitsverweigerer. Er klaut auch, ohne jegliches Unrechtsempfinden und ohne sich viel Mühe zu machen, es zu verstecken. Aber am liebsten reizt er das System aus: Bestellt auf Arbeit teures Büromaterial und gibt es im Laden zurück – ohne Beleg, gegen Bargeld. Willentlich und unwillentlich werden in seinem Umfeld alle zu Komplizen. Joel Portykus zeichnet einen amerikanischen Alltag, der geprägt ist von Desinteresse. Marty ist kein Konsumgegner und schon gar kein Rebell, verbindet keine politische Perspektive mit seinen Handlungen, stets nur kurzfristig eigennützige Ziele. Wenn er sich das nicht mal gut abgeguckt hat … Weil Marty aber durchaus Vergnügen zieht aus seinen Tricksereien und das System in aller Bescheidenheit lustvoll neckt, entwickelt auch Buzzard immer mehr Sog. Portykus hält drauf, lässt es unangenehm werden und verlässt doch nie die menschliche Dimension. Mit der eleganten Beiläufigkeit eines Filmemachers, der stilistisch nichts zu beweisen hat, zieht er vorsichtig die Spannungsschrauben an. Eine Wohltat, dass es bis zum Schluss nie zu wirklichen Exzessen kommt und Marty dennoch vom Weg abkommt.

 

Men Who Save the World (Lelaki Harapan Dunia; Regie: Liew Seng Tat; Malaysia, Niederlande, Deutschland, Frankreich 2014)

Men Who Save the World 01

Darf man einem Film seine Finanzierung vorwerfen? Muss ein Produzent jedes Geld annehmen, das er kriegen kann? Das pragmatische Argument ist: Take the money and run. Das politische: Besser schlechtes Geld für gute Ziele. Falls die Korrumpierung des Vorhabens nicht doch auf dem Fuße folgt. Was heißt es, wenn ein Film von nahezu allen Töpfen etwas abbekommen hat? Ist er dann zwangsläufig der geringste gemeinsame Nenner? Die malaysisch-niederländisch-deutsch-französische Koproduktion Men Who Save the World sieht als fertiger Film danach gar nicht so sehr aus. Und doch dauert es eine lange Weile, bis der Vorspann alles abgearbeitet hat: Torino Film Lab, Hubert Bals Fund, Netherlands Film Fund, World Cinema Fund, Vision Sud Est, Fondation Groupama Gan, Cinéfondation, Prince Claus Fund, Sundance Institute – und es geht noch weiter mit den staatlichen Stellen. Freilich schaut Men Who Save the World an keiner Stelle überfinanziert aus, im Gegenteil. Andererseits: Alles Spezifische wirkt universell angelegt, das Eigentümliche stets harmlos und plotgerecht verabreicht. Dafür lässt sich der Film wunderbar wie eine Parodie auf die Subventionspolitik lesen. Denn vor allem ist die Vielfachfinanzierung ein Symptom ängstlicher werdender Förderinstitutionen, die aus Vorsicht oder aufgrund eines zwiespältigen Verständnisses von Demokratie ihr Geld lieber auf mehr Filme verteilen. In Men Who Save the World will Pak Awang (Wan Hanafi Su) ein Haus aus dem Dschungel ins Dorf transportieren, das kann ihm nur mit der Hilfe sehr vieler Männer gelingen, wenn sie alle anpacken, das Haus in die Luft heben und tragen. Doch die Männer sind abergläubisch und haben große Angst: vor so ziemlich allem, was ungewöhnlich ist oder aus dem routinierten Alltag fällt. Pak Awangs Vorhaben wird infrage gestellt, noch bevor es begonnen hat, und als es auf bestem Weg ist, werden ihm immer mehr Stolpersteine in den Weg gelegt, ein Monster wird erfunden, Talismane gekauft, um das Ärgste abzuwenden … Men Who Save the World ist eine Komödie, zahm und nett, ohne Subtilität, dafür mit jeder Menge Exotik und der gelegentlichen Großaufnahme von spitzbübischen Kindern. Sie wirkt ein wenig heimatlos, weil sie sich wie ein offenes Buch zum Verständnis ausbreitet. Und am Ende brennt das Haus lichterloh.

 

The Quince Tree of the Sun (El sol del membrillo; Regie: Víctor Erice; Spanien 1992)

The Quince Tree of the Sun 01

Zumindest einen Film aus den vielen großartigen Retrospektiven muss ich erwähnen. In Locarno, das wird aus der Berichterstattung nur unzureichend klar, sprechen alle andauernd über die Retrospektiven. Woher man gerade kommt oder wohin man gleich geht? Fast immer lautet die Antwort auf zumindest eine von beiden Fragen: ins Ex*Rex. Anders als bei den meisten Festivals laufen nämlich die Filme, so oft es nur irgendwie geht, im adäquaten Medium (meistens: analog) und, auch das ist alles andere als selbstverständlich: im schönsten Kino Locarnos. Dem Spanier Víctor Erice als einem der Lebenswerk-Preisträger 2014 widmet das Festival eine der kleineren Werkschauen. Von Erice kenne ich nur wenig, und meine stärkste Erinnerung an ihn ist eine gemeinsame Ausstellung mit Abbas Kiarostami in Paris, wo deren Werke in Beziehung gesetzt wurden. Es muss also nicht am Film liegen, dass ich bei The Quince Tree of the Sun gleich an Close-Up (Nema-ye Nazdik, 1990) denke, wenn Antonio López die spätsommerliche Straße hochläuft. Die Filme sind ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, und für einen kurzen Moment ähneln sich die Straßen und das Licht, das das Filmmaterial einmal im Iran und einmal in Spanien eingefangen hat. Erices Film nimmt dann aber eine viel weniger dramatische Wendung und richtet sich mit Engelsgeduld darin ein, dem Maler, der Antonio López auch jenseits des Films ist, bei der Arbeit zuzusehen. Er lässt sich besonders viel Zeit, obwohl er im Zeitraffer die Geschehnisse von mehreren Monaten erzählt: wie der Sommer zum Herbst zum Winter wird, während López versucht, die sich wandelnden Formen eines Quittenbaumes und das unstete Licht, das den Baum erstrahlen lässt, einzufangen. Erice zeigt Kunst beim Entstehen, und durch eine bloß zarte Parallelisierung pocht er darauf, dass die Arbeit des Malers seine beste Entsprechung in der der Handwerker hat, die gerade das Haus neben dem Baum renovieren. Hin und wieder besuchen andere Künstler, Freunde und Familie López im Garten, er erzählt ihnen von seiner Technik und zeigt sie ihnen, er spannt sie ein und lässt sie lange Minuten einzelne Blätter am Baum hochhalten, damit er längst vergangene, inzwischen verdeckte Formen noch nachzeichnen kann. Was anfangs wie eine bescheidene, konzentrierte Filmform ausschaut, wird mit der Zeit immer ausgeklügelter und reicht hinein in unerwartete Schichten der menschlichen Erfahrung. Aus jeder Pore von The Quince Tree of the Sun atmet eine Freude am Leben, die ansteckend wirkt.

Kommentare zu „Locarno 2014: Sehtagebuch (II)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.