Die besten Webvideos 2015: Jahresrückblick (4)

Artenverständigung zwischen Katze und Eule, freie Formen der Leistungsschau beim Free Running und ein irritierter Blickwechsel des alten Tom Cruise mit dem jungen im Hell’s Club: critic.de-Autoren schreiben über ihr schönstes Webvideo-Fundstück im Jahr 2015.


Wirklich Freunde?

„Katzenvideos gehen gar nicht mehr“, meinte eine Bekannte neulich, als die Idee aufkam, einen Kinoabend mit YouTube-Clips zu kuratieren. Tatsächlich sind tierlastige Kurzfilme neben höchstens noch Amateurpornografie das Internet-Klischee schlechthin. Ich würde einwenden: aus gutem Grund! Der Tierfilm ist eines der edelsten Genres der Filmgeschichte, weil in ihm eine Spezies eine andere betrachtet, studiert und bewundert. Und die technisch wie finanziell niederschwelligen Videoportale sind das ideale Medium für dieses Ansinnen. Zwangsläufig folgt daraus: Noch besser als YouTube-Clips über Tiere sind nur YouTube-Clips über inter-species-Tierfreundschaften. Weil sich da die Artenverständigung auch ins Bild einschreibt. Trotz over-editing, fragwürdiger Musikauswahl und trashigem Videospezialeffekt am Ende ein Highlight dieses ganz besonderen Subgenres: Cat and owl playing – Fum & Gebra – Perfect friendship! (schon viereinhalb Jahre alt, aber das spielt im Netz ja keine Rolle). Auch weil man sich nicht ganz sicher sein kann, ob das mit der – gar noch perfekten – Freundschaft wirklich stimmt. So richtig wissen die beiden nichts miteinander anzufangen. Sie umkreisen, überfliegen und überspringen sich, das Verhältnis bleibt auf ewig ungeklärt. Auch im Sequel.

Lukas Foerster


Was Menschen so alles können

YouTube-Clips sprechen für sich, oder sie tun es nicht. Selten verliere ich mehr als einen Halbsatz über sie, wenn mich die Lust zum Teilen überkommt, ich eine neue Mail öffne, zwei oder drei Wörter in den Betreff tippe, den Link in den Körper copy-und-paste. Von wegen Internet vereinsamt. Kein Bewegtbild-Erlebnis ist so unmittelbar sozial interaktiv wie das der kleinen Video-Kapseln. 2015 war freilich das Jahr der Gifs. Sie aber lassen sich noch weniger greifen, sie sind noch direkter eingebettet in den Fluss von Scroll-Reaktion-Aktion des Social-Media-Alltags. Mein YouTube-Moment des Jahres ist tatsächlich auch einer, den ich leider nicht mehr wiederfinden kann, vermutlich wurde das Video aufgrund unerlaubter Musik-Verwendung gesperrt oder gelöscht. Weil sich innerhalb der Gattung „Smoke Tricks“ kein adäquates Äquivalent zu der flirrenden Großartigkeit des vermissten Clips finden lässt, es aber noch so viele andere wunderbare Leistungs-Clips gibt, die Leistungen zeigen, die erst durch die Clips zu solchen werden, will ich Pikachu beim Free Running empfehlen. Das Delirierende dieses Videos findet sich für mich vor allem beim Blick des sich ständig verdeckenden Protagonisten, dessen Fratze beim Angeln ich nicht mehr aus dem Kopf kriege. Natürlich begeistern mich auch die vielen Momente der offensichtlichen Improvisation, der gescheiterten Akrobatik, die sich in eine neue Form rettet, die dank des Kostüms stets aufgefangen wird durch den lakonischen Humor. Hier frönen Leute dem Hedonismus einer freien Form der Leistungsschau, ohne Perspektive auf Bestenlisten und Höher-Schneller-Weiter – und verstecken sich sogar selbst dabei. Es lebe der Parkour. (Die Gruppe hinter dem Video hat noch andere schöne, stets etwas zu bemühte Clips parat …)

Frédéric Jaeger


Ein gar nicht fauler Kompromiss

Die Modewelt hat bekanntlich ein Problem mit Kritik. Ein prominentes Beispiel dafür ereignete sich vor einigen Jahren, als Karl Lagerfeld die Journalistin Robin Givhan von der begehrten front row verbannte, nachdem diese in einem Artikel behauptet hatte, der Chanel-Designer habe seine besten Tage hinter sich. Dem als Firma getarnten Künstlerkollektiv DIS gelingt es dagegen, Institutionskritik zu üben, ohne zur Persona non grata zu werden. Mit ihrem Faible für schöne Oberflächen haben die New Yorker geschickt die Strategien der Popkultur verinnerlicht und wegen ihrer Kooperationen mit großen Konzernen bereits mehrmals die wehleidige Selbstgerechtigkeit der Kunstwelt herausgefordert. Mein vermutlich schönstes Internetvideo des Jahres (dicht gefolgt von dem unzureichend gewürdigten komödiantischen Talent einer besorgten Bürgerin) entstand eigentlich schon 2012 für das japanische Modehaus Kenzo. Untermalt mit gruseliger Konserven-Musik zeigt es uns, was in unzähligen Werbeclips zu sehen ist: fröhliche Menschen in unbeschwerten Situationen. Bei DIS ist das auf eine Abfolge leerer Gesten (ein zu lange gehaltenes Lächeln, ein debiles Winken, eine unmotivierte Umarmung) reduziert, die immer absurder erscheint. Das Video ist nicht nur sehr lustig, sondern auch ein spannender Hybrid zwischen Auftragsarbeit und Parodie, ein gar nicht fauler Kompromiss, bei dem sowohl das Modehaus als auch die Künstler auf ihre Kosten kommen. Ich bin schon gespannt, was DIS nächstes Jahr als Kuratoren der ansonsten eher theorielastigen Berlin Biennale anstellen werden.

Michael Kienzl


WTF-Epiphanien

Verlegen, dass mir trotz langem Wühlen im Gedächtnis kein „liebstes Webvideo 2015“ in den Sinn gekommen war, stellte ich die Aufgabe einem online sehr umtriebigen Freund. Der antwortete, ohne nachzudenken – und quasi augustinisch: „Ich hab auf jeden Fall ein liebstes Video. Ich kann mich nur nicht dran erinnern.“ Um dann noch hinzuzufügen: „Wenn du’s mir zeigst, erkenn ich’s bestimmt.“ Unsere Unterhaltung faserte dann etwas aus, aber knapp zusammengefasst mussten wir konstatieren, dass das vom Internet geprägte Gedächtnis etwas sehr Eigenwilliges ist. Im entfesselten digitalen Konsumstrom, der von einigen wenigen pseudo-interaktiven Entscheidungen rhythmisiert und damit teils aktiv von uns gestaltet, aber ansonsten algorithmisch, also maschinell, also ohne Zutun, abläuft, gibt es endlos viele Einmaligkeiten, die aber verlässlich sofort wieder untergehen. Momente im automatisierten Ablauf, Kurzschlüsse mit der Welt und ihren Absonderlichkeiten, WTF-Epiphanien – Intensitäten, die keinen langlebigen Abdruck im Gedächtnis hinterlassen, sondern sich sofort wieder amorph im Grundrauschen der ewigen Connectedness auflösen. Und man lässt das geschehen, hievt die Erlebnisse nicht in die eigene autobiografische Erinnerung, weil man ja weiß, dass sie digital hinterlegt sind. Sie offline wieder zu reaktivieren, aktiv erinnernd anzusteuern, fällt ergo schwer. Vielleicht würde es sogar dem spezifischen Genuss des Online-Konsums zuwiderlaufen, wollte man diesen vollgültig für die eigene Weiterverwendung enkodieren?

Was also ist mein liebstes Webvideo 2015? Hilflos, die Frage ganz alleine zu beantworten, wandte ich mich an den Computer. Welches YouTube-Video hatte ich am häufigsten geschaut? Ich weiß, das ist im besten Fall cheaten, im schlimmsten Fall Thema verfehlt: Häufigkeit gleich Beliebtheit, oder was? Wie auch immer: Kumada Kahori haut mich immer wieder um – wie bekommt man mit so einem riesigen Plektrum solche Grooves hin? Und die Momente, in denen sie aus ihrem grollenden Alt in diese sirenenhafte Kopfstimme kippt, die sind für mich mit die besten 2015. Ob on- oder offline.

Nino Klingler


Anregend irritierende Interaktion

Digitale Medieninhalte werden gerne mit Gebilden aus Legosteinen verglichen: Man kann sie in Einzelteile zerlegen und neu und anders wieder zusammensetzen. Ob dieser Vergleich allgemein zulässig ist, sei dahingestellt. Angesichts der unzähligen YouTube-Clips mit Aneinanderreihungen von Szenen aus unterschiedlichen Werken zu einem bestimmten Thema scheint er jedenfalls auf „Film“ im digitalen Zeitalter zu passen. Die meisten solcher Clips schaffen dabei einen Mehrwert, der über das Wiedersehen diverser Lieblingsszenen oder über die Freude an der gelungenen Synchronisation mit dem begleitenden Soundtrack hinausgeht. Im Clip Hell's Club stehen die Bilder nicht nur durch ein gemeinsames Motiv in Interaktion, sondern kommunizieren auf viel ausgiebigere Weise miteinander. Kurze Tanzszenen, Dialoge und noch viel mehr, was sich in einem Club abspielt, sind hier aus Filmen von Saturday Night Fever über Terminator bis Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger herausgenommen und zu kleinen Geschichten miteinander verwoben, in denen es um mehr als nur ums Feiern geht. Durch Schnitt und Gegenschnitt knüpfen sich spannende Konstellationen zwischen Figuren aus unterschiedlichen Zeiten, ja sogar Universen. Patrick Bateman, Scarface, Blade, Michael Jackson – viele bekannte Gesichter begegnen sich. Hinzu kommt eine gelegentliche Verschmelzung verschiedener Bildräume durch ein digitales Compositing, das seine Nähte allerdings meist eher schlecht zu kaschieren vermag. Auch in der „Story“ läuft keineswegs alles rund. Hell's Club besticht allerdings nicht so sehr wegen seiner technischen Avanciertheit, sondern weil er ein Gefühl dafür vermittelt, wie wundersam sich ein Aufeinandertreffen zwischen unterschiedlichen Film(figur)en, weit über die Neuschaffung einer Geschichte aus alten Bausteinen hinaus, anfühlen kann. So ist es besonders faszinierend, wenn die Blicke des Tom Cruise aus Collateral mit denen des deutlich jüngeren Tom Cruise aus Cocktail zusammentreffen und sich bei beiden ein anregender Moment der Irritation einzustellen scheint.

Michael Fleig

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