„Geschichte kann man nur mit Haltung erzählen!“

Interview mit Pepe Danquart über seinen neuen Film Joschka und Herr Fischer

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Pepe Danquart über seinen neuen Film Joschka und Herr Fischer, über eine Zeitreise durch 60 Jahre deutsche Geschichte und den Ursprung des Protests gegen AKWs von tapferen Badenern im Kaiserstuhl.

critic.de: Wenn Joschka Fischer Sie jetzt in seinem Taxi abholen würde. Wo ginge die Reise hin?

Danquart: Wir würden zuerst ins Hohenzollernsche fahren (da, wo er herkommt), dann rüber ins Elsass, dort ein gutes Mahl nehmen und den Nachtisch dann in Freiburg essen.

Joschka und Herr Fischer – Hat Ihr Film zwei Menschen porträtiert?

Ich würde eher sagen, dass Joschka und Herr Fischer die zwei Eckpunkte einer Zeitreise bezeichnen. Joschka und Herr Fischer, das bedeutet sozusagen die Reise vom Joschka, dem Straßenkämpfer und Sponti, bis zum Staatsmann Herr Fischer, der Außenminister dieser Republik wurde. Das ist eine dialektische Zeitreise durch 60 Jahre Geschichte. Zeitreise sage ich auch deswegen, weil der Film eben kein Biopic ist, sondern seine Biografie im Grunde nur die Grundlage oder das Vehikel für eine filmische Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland ist. Und da gibt es in dem Film einerseits die Geschichten, die Joschka Fischer selbst erlebt hat, aber auch Geschichten, die uns andere erzählen, weil er eben dort nicht dabei war: Whyl, die Startbahn West, die 40er und 50er Jahre, von denen Hans Koschnick im Film erzählt, oder auch der Punk der 80er Jahre, für den die Band Fehlfarben in meinem Film steht. Es ist also in erster Linie ein Film, der 60 Jahre bundesrepublikanische Wirklichkeit erzählen will und diese dann anhand einer spannenden Biografie und einer sehr subjektiven Auseinandersetzung mit der selbst erlebten Geschichte dokumentiert.

Der Aufbau des Films wirkt allerdings eher konzeptionell als dokumentarisch. Sie haben in einer alten Fabrikanlage Archivmaterial aus 60 Jahren Geschichte auf große Glasscheiben projiziert ...

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Das stimmt. Aber genau in diesem konzeptionellen Raum habe ich dokumentarisch gearbeitet. Es ging mir darum, einen Raum zu schaffen, in dem Joschka Fischer in unserer und in seiner eigenen Geschichte steht und eine wahrhaft physische Auseinandersetzung mit dieser Geschichte erleben kann. Als Filmemacher habe ich mich schon immer dem Direct Cinema, also einer Form des reinen Beobachtens, verpflichtet gefühlt. Natürlich ist so etwas im Falle von Joschka Fischer schwierig umzusetzen, da es schier unmöglich ist, ihn immer und überall hin zu begleiten. Aber indem ich die unterschiedlichsten Materialien und Ausschnitte in diesem Raum zusammengetragen und verdichtet habe, konnte ich auf einmal doch im Sinne des Direct Cinema beobachten und dokumentieren, wie Joschka Fischer mit diesen Dokumenten und Zeitzeugnissen, mit der erlebten Zeit, umgeht. Für das Kino schien mir diese Form besonders geeignet. Denn ich wollte, dass der Zuschauer die einzelnen Emotionen der unterschiedlichen Jahrzehnte physisch miterleben kann und nicht nur betrachtet. Und wenn Joschka Fischer plötzlich den Pfarrer seiner Kindheit, die Bilder vom Vietnamkrieg oder der entstehenden Popkultur der 60er Jahre auf einer der Projektionen entdeckt, dann sind seine unmittelbaren Reaktion, seine Emotionen wahrhaftige. Ich glaube, dass diese Bilder ihn geöffnet haben und emotionaler haben werden lassen als auf einer der vielen Interviewcouchs, auf denen er jemals saß.

Außerdem entsteht so natürlich im wahrsten Sinne Selbstdistanz. War dieser distanzierte Blick auf die eigene Biografie auch Ihr Wunsch?

Ich hatte ja seit 2005 immer wieder mit ihm gedreht und an die 20 Stunden Gesprächsmaterial gesammelt. Auf der eben erwähnten Couch. Dadurch wusste ich natürlich, was in seinen Augen die entscheidenden biografischen Wendepunkte für ihn waren. Und auch die entscheidenden historischen Wendepunkte, die für eine ganze Generation galten: also etwa die Entdeckung, dass die Vätergeneration nicht nur Opfer eines verlorenen Krieges waren, sondern eben auch Täter, mitverantwortlich für den Holocaust. Dann der Vietnamkrieg und die Entdeckung, dass die Amerikaner nicht nur „good guys“ waren, sondern auch kriegsführende Imperialmacht. Und vor allem die wichtige Zeit der Straßenkämpfe nach ’68, die das Symbol für die Befreiung von einer preußischen und faschistischen Vergangenheit wurden und schließlich im Terrorismus mündeten. Das dann einsetzende Innehalten und Neubestimmen des eigenen Lebens. Der Beginn in der grünen Politik und der Gedanke, das Land aus der Regierungsposition heraus zu reformieren. All diese konsequenten Entscheidungen sind in gewisser Weise allgemeingültig für eine ganze Generation (Pause), denke ich.

Und für die Entwicklung einer Generation, die sich im Jahr 2011 für eine sofortige Änderung der Energiepolitik einsetzt.

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Es zeigt meiner Meinung nach, dass diese Bewegungen oder Kämpfe historisch betrachtet vielleicht sehr viel wichtiger für Deutschland waren als Adenauer und das Wirtschaftswunder. In gewisser Weise erleben wir erst heute die Effekte von ’68. Wer hätte es damals für möglich gehalten, dass die Grünen einmal eine 20-Prozent-Partei werden, die in der Politik dieses Landes nicht mehr wegzudenken ist? Oder dass sich brave Schwaben gegen den Bau eines Bahnhofs wehren und die Kämpfe auf einmal wieder auf der Straße stattfinden? Oder gegen das atomare Endlager in Gorleben? All das ist diesen außerparlamentarischen Kämpfen zu verdanken. Es ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die eben nicht vom Himmel fiel. Und genau diese Entwicklung wollte ich in meinem Film zeigen.

Sind Joschka und Herr Fischer also zwei deutsche Seelen in einer Brust?

Das ist eine gewisse Dialektik, die sich bei der Figur Joschka Fischers ganz eindeutig widerspiegelt. Vom Sponti Joschka bis zum Realo des Herrn Fischer, wie er selber in dem Film sagt. Aber das heißt nicht, dass dies für alle in jener Generation gilt. Bei Schröder beispielsweise ist das Wortspiel des Filmtitels nicht möglich. Man spricht nie über den Gerhard, sondern immer gleich über Schröder. Hinzu kommt bei Joschka und Herr Fischer natürlich die Ironie, dass Joschka auch noch ein Kosename für den christlichen Joseph ist. Der Titel des Films beschreibt eben auch die zwei Seiten von Joschka Fischer, teilt den Film gewissermaßen in zwei Teile. Nämlich zunächst in den Teil der Jugendbewegung und der Kämpfe der 60er und 70er Jahre, die dann in der Sackgasse des linksradikalen Terrorismus endeten. Während dieser Zeit war er sicherlich mehr Joschka. Und dann kommt der Bruch in der eigenen Biografie, und er wird immer mehr zum Herrn Fischer. Vom Eintritt bei den Grünen bis hin zum Staatsamt als Umweltminister, Außenminister und Vizekanzler. Da macht er dann Geschichte und ist nicht mehr nur Teil der Geschichte. Genau diese Brüchigkeit macht seine Biografie so interessant.

Diese Geschichte erzählen Sie in Ihrem Film natürlich aus einer sehr subjektiven Sichtweise.

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Ich bin Filmemacher und kein Journalist. Ich glaube nicht daran, dass man Geschichte oder Geschichten objektiv erzählen kann. Gerade nicht in einer dokumentarischen Kinoerzählung. Wenn mich Journalisten fragen, warum Frau Ditfurth in dem Film nicht zu Wort kommt, dann muss ich ganz klar sagen: Welchen Mehrwert hätte das gebracht? Ich habe mich in all meinen Filmen immer nur auf eine Seite der Barrikade gestellt. Bei den Häuserkämpfen bin ich auch nicht zum Polizeipräsidenten gegangen und habe ihn gefragt, wie er das beurteilt. Und so nehme ich auch bei Joschka und Herr Fischer eine ganz klare Haltung ein. Die Haltung des Machers muss erkennbar sein in einem guten Film, nicht das Allerlei von Pro und Kontra, wie in einer Talkshow.

Wie sind Sie dabei der Gefahr einer Verherrlichung der Figur Joschka Fischer begegnet?

Es war nicht mein Anliegen, ein Heldenepos zu drehen. Im Gegenteil: Die Momente, in denen Joschka Fischer sich selbstkritisch begegnet, sind sicherlich die stärksten des Films. Und ich habe, glaube ich, keine der Widersprüchlichkeiten seiner Person ausgelassen. Es wird klar, dass auch die kritischen Eckpunkte, wie die Kosovo-Entscheidung, die Entscheidung beim Irakkrieg und die Entscheidung für Gewalt Teil seiner Biografie sind. Er hat sich auch in diesen schwierigen Momenten nicht wegen der Wählergunst verbogen. Das ist das, was ihn in der Politikszene eigentlich bis zum Schluss außergewöhnlich gemacht hat. Aber um das zu erkennen, muss ich nicht die altvorderen Weisen Kohl und Schröder noch einmal zu Wort kommen lassen. Da bevorzuge ich es, ihn selbst diese Reise durch die eigene Geschichte machen zu lassen. Und nur so wird der Film für mich, und auch für den Zuschauer, zu einer sehr emotionalen Reise.

Joschka und Herr Fischer ist also ein Dokumentarfilm von Pepe Danquart und kein Stück Journalismus?

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Unbedingt. Das journalistische Anliegen ist ein anderes. Das ist ein Abwägen unterschiedlicher Meinungen unter der Maßgabe der Objektivität. Aber ich bin Filmemacher. Ich wollte einen Dokumentarfilm machen. Und neben dem konzeptionellen Aufbau nichts hinzu inszenieren. Ich habe lediglich die Geschichte sichtbar gemacht und dokumentiert, wie mein Protagonist darauf reagiert. Das war ein künstlerisches Experiment und hat mit Journalismus wenig zu tun.

Wie haben Sie auf dieser Reise die etlichen Verästelungen und Exkursionen ausgewählt? Neben Fischer kommen ja noch zahlreiche andere Gesprächspartner zu Wort ...

Es war so, dass Joschka Fischer natürlich nicht bei allen geschichtlich relevanten Ereignissen persönlich dabei war, die ich aber dennoch für erzählenswert hielt. Deswegen wollte ich noch andere Gesprächspartner mit einbeziehen. Beispielsweise die alte Bäuerin in Whyl am Kaiserstuhl, die genau an dem Platz erzählt, wie sie damals das Recht gebrochen haben, als sie, um den Bau des Atomkraftwerks in Whyl zu verhindern, illegal die Baustelle besetzten. Der Unfall im Atomkraftwerk in Fukushima gibt ihr heute, 30 Jahre später, Recht. Oder die Geschichte von Jürgen Hempel, der aus dem Osten, der ehemaligen DDR, in den Westen kam, in der ersten Stunde gegen die Startbahn West in Frankfurt kämpfte und heute selbst Startbahnen für den Flughafen in Berlin-Schönefeld baut. Und schließlich Katharina Thalbach, die in dem Film sowohl vom Osten als auch vom Westen erzählen konnte. Mit all diesen Stimmen wollte ich den Blick in die Geschichte komplettieren und zeigen, dass die Ereignisse, die Joschka Fischer geprägt haben, ganz viele andere Biografien auf eine ähnliche Weise beeinflusst haben.

Auch Ihre eigene?

Der Film ist auch ein starkes Reflektieren über meine eigene Biografie und die zahlreichen politischen Ereignisse, die mich in meinem Handeln geprägt haben. Auch ich habe Häuser besetzt und radikale politische Filme gedreht, mich dem Punk angeschlossen, dann auch später den Krieg (im Film Nach Saison, 1997) dokumentiert, und heute bin ich ein ordentlicher Professor an einer Kunsthochschule für Film. Das hätte ich damals auch nicht gedacht, als ich auf der einen Seite der brennenden Barrikade stand im Häuser- und Kulturkampf der 70er und 80er Jahre. Also gibt es da schon Parallelen. Vielleicht ist dieser Film sogar eine erste starke Selbstreflexion über meinen eigenen Werdegang und Geschichte, auf der Projektionsfläche von Joschka Fischers Biografie.

Das klingt fast ein bisschen nach Nostalgie.

Absolut nicht. Wäre ich heute noch wie in meiner Jugend, hätte ich wahrscheinlich etwas falsch gemacht in meinem Leben. Sie kennen ja die Geschichte vom Herrn Keuner ... (schmunzelt).

Kommentare zu „„Geschichte kann man nur mit Haltung erzählen!““

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