Salt and Fire

Salt and Fire ist ein Film, der sich alles erlaubt. Der zeigt, dass Werner Herzog noch die fremdesten Elemente mühelos herzogisiert. Also einen dahergelaufenen Wüstenthrillerplot. Oder Veronica Ferres.

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Ein kleiner Mann (Volker Michalowski), ein lüsterner italienischer Mann (Gael García Bernal), eine große blonde Frau (Veronica Ferres): Das ist das Team. Im Flugzeug bedrängt der lüsterne Mann, der Fabio heißt, die blonde Frau, Professor Laura Sommerfeld, er legt ihr die Hand auf die Brust. Sie entzieht sich. Die drei, dieses Team, sind Forscher, und sie sind nach Südamerika unterwegs, einer großen Umweltsauerei auf der Spur. Aber erst mal, bevor es undurchsichtig wird und bevor es dann undurchsichtig bleibt, wenn nicht noch undurchsichtiger wird, etabliert sich im Flugzeug diese Gruppendynamik. Man weiß nicht, worauf das hinauswill. Man weiß nicht, ob da überhaupt ein Hinauswollen ist. Allerdings ist da von Anfang an ein weiteres Element von erstaunlicher Anwesenheit: die Kamera Peter Zeitlingers, die Unruhe verbreitet, die durch die Gänge des Flugzeugs schleicht, die etwas Tigerndes, Lauerndes, nicht ganz Geheures hat. Sie wird sich so schnell nicht beruhigen.

Hinaus aus dem Plot, hinaus aus der Forschungsmission

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Sie kommen dann an, der kleine Mann, der lüsterne Mann und die blonde Professorin aus Deutschland. Und werden empfangen. Oder entführt. Empfangen, entführt, so jedenfalls geht man mit Gästen nicht um. Mit dem Auto geht es über Stock und Stein in die Wüste. Südamerika benimmt sich, auch weiterhin, sehr südamerikanisch. Wenngleich es ein Südamerika à la Herzog ist, oder bleibt, oder wird. Soll heißen: ein Südamerika, dem man alles zutrauen muss; dem man nie trauen kann; ein Südamerika der philosophischen Meditation, der strahlenden Wüste, von Salz und Feuer und Uturuncu-Vulkan. Egal, ob da ein Hinauswollen ist – allemal ist da ein Hinausgehen, ein Hinausrasen, hinaus aus dem Plot, hinaus aus allen realen geografischen und politischen Daten, ein Hinauseilen, eine horrende Zentrifugalität, die alles zerreißt, was Thriller wäre und Forschermission. Und dann ist plötzlich eine himmlische oder höllische Ruhe.

Aber erst mal noch nicht. Ein Mann mit Maske über dem Kopf. Laura Sommerfeld will sich beschweren. Der kleine Mann und der lüsterne Mann sind separiert, sie will wissen, was mit ihnen geschieht. Das ist einerseits schwer zu sagen. Andererseits gibt es am Fenster noch mal Gespräche. Beide Männer hat eine Diarrhoe schlimm erwischt. Sie sprechen, sie eilen. Laura Sommerfeld will etwas erreichen. Das wird so nichts. Nichts wird hier was. Dafür ist Zeit für Gespräche. Über sprechende Tiere. Über Anamorphosen, die setzt Herzog dann natürlich ins Bild. Salt and Fire ist ein Film, der auf Abwegen ist. Der sich und seine Figuren auf Abwege schickt. Und auf den Abort. Der kleine Mann und der lüsterne Mann eilen Richtung Toilette davon. Dann werden sie nicht mehr gesehen. Das war das Team. Von dem nun nur noch Professor Sommerfeld bleibt. Was mit ihr passiert, ist kaum zu glauben.

Deutscher Fernsehschauspielerinnenkörper, ganz auf sich gestellt

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Aber erst mal noch nicht. Professor Sommerfeld macht Bewegungsübungen auf dem Zimmer. Die Kamera sieht ihr zu. Laura streckt sich, sie fährt auf dem Rücken liegend auf dem Boden des Zimmers Fahrrad mit den Beinen. Das sieht ungelenk aus. Die Kamera, der Herzogfilm zeigen sich an diesem blonden Körper, dem Körper von Veronica Ferres sehr interessiert. Veronica Ferres zeigt der Kamera und dem Herzogfilm, was sie kann. Das ist ziemlich erbärmlich. Es ist zitternde, bebende deutsche Fernsehschauspielerei. Freilich sind da auch Dialoge, die kann man kaum würdevoll sprechen. Was im Umkehrschluss heißt, dass der Film nicht auf Würde hinauswill. Aber auch nicht auf bebende deutsche Fernsehschauspielerei. Nicht auf den Körper, wie er seine Übungen macht. Er will Veronica Ferres, er will die Fernsehschauspielerei, er will alles befreien. Das tut er. Salt and Fire geht in die Wüste hinaus, in die Einöde, die zur Dreiöde wird, ekstatische Wahrheit rast auf krummen Wegen gerade, sie rast erhaben über Salzwüsten hin, und sie steht atemberaubend still noch im Rasen.

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Da sind zwei Jungs, die sind blind. Sie tragen die Namen von Inkaherrschern, die schon sehr lange tot sind. Mit ihnen tut der Film, tut der Plot, tut Herzog, er hat dieses Drehbuch verfasst, mit ihnen tut er, was ihm passt. Eigentlich nichts. Er setzt sie mit der blonden Frau auf einer Oase in der Salzwüste aus. Und das war es. Sie tun da nichts weiter. Uturuncu von ferne. Die Körper sitzen herum wie bestellt und nicht abgeholt. Und das ist sehr schön. Hier, allein mit den blinden Inkajungen, ist so ein deutscher Fernsehschauspielerinnenkörper ganz auf sich gestellt. Da kann auch eine Veronica Ferres nicht mehr spielen und muss in ihrer ganzen Ungelenkheit die sein, die sie ist. Und so spielt sie, aber sie spielt jetzt nicht mehr das Spielen, sie spielt einfach, als zu einer Art innerem und äußerem Kindergeburtstag Befreite, Mensch ärgere dich nicht. Es ist eine große Freude, ihr und den blinden Inkaherrschern dabei zuzusehen. Hier ist nun gar nichts mehr übrig. Nichts von Thriller, nichts von Plot, nichts von Uturuncu und Umweltskandal, nichts von Entführung und lüsternem Mann, nichts von Europudding-Hollwyoodfilm. Hier ist nur noch Veronica Ferres, die spielt.

Das Hinauswollen zählt

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Darauf folgt ein hinreißender Schluss. Darf man nicht verraten, nicht aus Spannungsgründen natürlich. Sondern weil der Irrsinn dieses Films einen hier und da schlicht erwischen muss, so wie einen eine Kugel aus einer dunklen Seitenstraße erwischt. Oder ein Fausthieb mitten in einer freundlichen Konversation. Denn Salt and Fire ist ein Film, der sich alles erlaubt. Der zeigt, dass Herzog inzwischen noch die fremdesten Elemente mühelos herzogisiert. Also einen dahergelaufenen Thrillerplot. Oder Veronica Ferres. Überhaupt Starschauspielerkörper. Er dreht nun, hätte man auch nicht gedacht, wüste Wüstenfilme mit Frauen im Zentrum. Königin der Wüste (Queen of the Desert, 2015) mit Nicole Kidman war ja auch schon so ein unverschämt geträumtes Ding. Da wollten die meisten nicht mit, weil in den ekstatischen, aberranten Träumen von Werner Herzog manches nicht so ganz korrekt und auf der Höhe der Zeit ist. Weiß Gott. Ich wollte da aber mit, weil das Hinauswollen zählt.

Eine Frage, die sich stellt: Meint er das ernst? Aber Gegenfrage: Was heißt das schon? Sicher meint er das ernst, aber es ist ein anderer Ernst, als der deutsche Fernsehfilmernst ein Ernst ist, ein anderer Ernst, als der Hollywoodthrillerernst ein Ernst ist, ein anderer Ernst, als die funktionale Bewegung der Kamera in verständlichen Geschichten ein Ernst ist, ein anderer Ernst, als die Humorlosigkeit, mit der das generische Kommerzkino wie der generische Autorenfilm auf die Welt blicken, ein Ernst ist, ein anderer Ernst ist das als alle Ernste der Welt. Aber gerade mit dem ganz Anderen meint Herzog es ernst. Wer weiß, ob er weiß, worauf er hinauswill. Aber dass da ein Hinauswollen ist, ein Hinauswollen der ganz anderen Art, daran gibt es nicht den leisesten Zweifel. Und wer mitwill, oder in wem da ein Mitwollen ist, dem vergeht Hören und Sehen. Am Ende köpft der Film in dir eine Magnumflasche Champagner. Schäume, Träume, einfach nur toll.

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Kommentare


Andreas Adler

Kongeniale Kritik. Die bestmögliche, die einzigmögliche zu diesem Film.

"herzogisiert"
"die blinden Inkaherrscher"
"Starschauspielerkörper"
"verschiedene Ernste"

Klasse!
Und weiter:
"wüste Wüstenfilme"
"Nichts wird hier was..."
"Einöde - Dreiöde."

Wunderbar, fantastisch!

Merci beaucoup.






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