Original Copy

Mehr als nur Film: Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen besuchen ein Lichtspielhaus in Mumbai und zeigen, was Kino für ein vielschichtiger Ort sein kann – oder gewesen sein wird.

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Das Projekt Original Copy – Verrückt nach Kino von Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen scheint von Anfang an problematisch: ein Kinofilm, der vom harten Überlebenskampf des Kinos „Alfred Talkies“ in Mumbai erzählt, das unter stetig schwindenden Besucherzahlen leidet. Wenn kaum noch jemand ins Kino geht – was hierzulande für Lichtspielhäuser jenseits der Multiplexe in vielen Fällen genauso gilt –, dürfte schon vorab klar gewesen sein, dass auch das eigene Werk Schwierigkeiten haben wird, ein größeres Publikum zu finden. Aber die Frage nach dem kommerziellen Erfolg des eigenen Films scheint ohnehin nebensächlich, denn offensichtlich handelt es sich bei dem Dokumentarfilm um eine Liebeserklärung an das Kino schlechthin – wie es bei solchen Filmen oft gerne heißt –, die einen Beitrag zur Bewahrung einer vom Aussterben bedrohten Kultur leisten will.

Songs, Filmschönheiten und ordentlich „Boom!“

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So bezieht sich der Untertitel Verrückt nach Kino vielleicht mehr auf die Filmemacher als auf die Protagonisten des Films. Denn für die ist das Kino keine bloße Leidenschaft, sondern Berufung und vor allem harter Broterwerb. Die gezeigten Streifen selbst sind für die indischen Betreiber zweitrangig, es läuft eben, was Leute in den Saal zieht. Und das ist vor allem Bollywood-Action mit mitreißenden Songs, Filmschönheiten und ordentlich „Boom!“, wie es der Kinomanager ausdrückt. Der Zuschauer soll die Gewissheit haben, dass am Ende das Gute triumphieren wird, weinen würden die Menschen zu Hause schon genug.

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Auch für die Besitzerin handelt es sich um nüchternen Alltag, sie hat den Betrieb traditionsbewusst von ihrem Großvater übernommen, kennt gar kein anderes Geschäft. Der dritte im Bund der Protagonisten ist der Plakatmaler Sheik Rehman, einer der Letzten seiner Zunft; er ist der eigentliche Fluchtpunkt des Films, ihm und seinem Handwerk wird die meiste Spielzeit gewidmet. Auch sein Vater sei ein Maler gewesen, erzählt der alte Mann, ein wirklicher Künstler. Er selbst führt zwar seine Jobs sehr gewissenhaft aus, sei aber schlicht ein Auftragsarbeiter. In seiner Hand liege es letztlich, dem Kino zahlende Besucher zu verschaffen, indem er die Erwartungen des Publikums bestmöglich bedient. So haben die Plakate stets ähnliche Motive und Anordnungen: Explosionen und Kämpfe im Hintergrund, die Stars im Vordergrund; das Größenverhältnis gibt zweifelsfrei Auskunft, wer Held und wer Bösewicht ist – und jeder müsse unbedingt eine Waffe halten. Die Gegenüberstellung des Plakatmalers mit den gelegentlich eingestreuten Filmbildern auf der Leinwand hält eine interessante Spannung parat: Hier die bewegten Bilder voller Action, da das Bemühen, all das in ein einziges stillstehendes Bild zu transportieren, dessen Kreation jedoch wesentlich länger dauert als das Durchlaufen des gesamten Films.

Dem frühen Kino sehr nahe

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Die Dokumentation erschöpft sich aber nicht in der Glorifizierung eines vom Aussterben bedrohten Betriebs, sondern räumt Ambivalenzen viel Platz ein. Wenn Manager und Besitzerin ganz ungeniert über ihr Verständnis von Kino reden, merkt man schnell, dass das nichts mit dem Bemühen zu tun hat, dem Publikum Filmkunst nahezubringen. Auch die Darstellung des Plakatmalers ist nur sehr bedingt sympathisch: Bis zu vier Helfer braucht er für das meterlange Filmplakat. Herablassend kommandiert Rehman sie herum, hat ständig was zu verbessern und nennt den ein oder anderen auch schon mal „Hurensohn“. Nichtsdestotrotz scheint man gut miteinander auszukommen. Einen sehr eigentümlichen Mikrokosmos porträtiert das regieführende Vater-Sohn-Gespann da. Ihre Aufnahmen konzentrieren sich fast ausschließlich auf die Innenräume, nur sehr selten gibt es auch mal Außenansichten, die die Umzingelung des charmant verfallenden Kinogebäudes durch Hochhäuser zeigen.

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Interessant ist dieser Mikrokosmos vor allem deshalb, weil er zeigt, was Kino für ein vielschichtiger und lebendiger Ort sein kann, bei dem es um mehr geht als nur um das Geschehen auf der Leinwand. Allein schon der antiquierte, laut ratternde Projektor und die abgegriffenen 35mm-Kopien mit ihren von flirrenden Streifen und verwaschenen Farben durchzogenen Bildern transportieren die Atmosphäre des Ungebügelten, die diesen Ort so interessant macht. Die Situation im Saal selbst ist meist der Frühzeit des Kinos näher, in der die Zuschauer noch keine disziplinierten Stillsitzer waren, als der sich erst später etablierenden klassischen Kinokonstellation, in der es vorrangig darum geht, in die Parallelwelt des Films gezogen zu werden. Neben dem Filmeschauen kommen die Leute teils schlicht wegen der Klimaanlage, außerdem wird in diesem Kino nebenbei gegessen, geschlafen, geredet oder gar eine religiöse Prozedur abgehalten. Gelegentlich stoppt der Film auch mal, und der Vorführer muss vom pfeifenden Publikum an den Rollenwechsel erinnert werden.

Unsentimentaler Ausklang

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Als roter Faden entsteht über die Spiellänge der Dokumentation das handgemalte Plakat, an dem Rehman und seine Kollegen arbeiten. Am Ende kommt dann der große Moment, es wird aufgehängt. Doch die Heinzens dämpfen jegliche Euphorie schnell wieder, bewahren ihr Werk erneut vor zu nostalgisch-romantischer Verklärung des Kinos. Denn sogleich erfolgt die Einblende „7 Tage später“, und das Plakat wird wieder abgehängt, um dem nächsten Platz zu machen. Fast grausam ist es dann mitanzusehen, wenn das Plakat, bei dem man stetig mitverfolgen konnte, wie es entstand, wie über Größenverhältnisse, Farbmischung, Linienführung, realistische Darstellung etc. diskutiert und gelehrt wurde, mit unsentimentalen, lapidaren Handbewegungen überstrichen wird, um als Leinwand für das nächste Motiv zu dienen.

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Sehenswert ist dieses ruhige und zurückhaltend beobachtende Porträt eines indischen Kinos nicht nur wegen der Exotik und Exzentrik, die das Gebäude, den dominanten Rehman und die eigentümliche Zuschauerpraxis aus unserer Sicht kennzeichnen. Vielmehr ist es eine Erzählung über das Kino und dessen Geschichte schlechthin, denn der Kinobesuch, den wir geneigt sind als klassisch zu bezeichnen, ist eben doch nur eine von verschiedenen Erscheinungsmöglichkeiten des Erlebnisorts Kino.

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