Herzensbrecher

Xavier Dolan inszeniert ein Mädchen, einen Schwulen und einen ewigen Verführer in einer unwiderstehlichen, intelligenten Komödie über die unerwiderte Liebe.

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Bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 war der Frankokanadier Xavier Dolan mit seinem zweiten Spielfilm Herzensbrecher (Les amours imaginaires, 2010) der jüngste Regisseur im offiziellen Wettbewerb. Entsprechend wurde der damals 20-Jährige, der das Festival im Jahr davor bereits mit seinem Debüt I killed my mother (J’ai tué ma mère, 2009) aufgemischt hatte, als neues Wunderkind gefeiert, obwohl der Film bei der Preisverleihung letztlich leer ausging.

Sein junges filmisches Werk ist tatsächlich völlig anders und originell. Fernab ausgetretener Drehbuchpfade nimmt sich Dolan die Freiheit, mit einem beeindruckenden Repertoire an literarischen und filmischen Codes zu spielen. Im Zentrum der „eingebildeten Liebschaften“ (so die Übersetzung des Originaltitels) stehen die beiden engen Freunde Francis (Xavier Dolan) und Marie (Monia Chokri), die beide dem unwiderstehlichen Charme des blondgelockten Nicolas (Niels Schneider) erliegen und sich in ein Liebesduell um seine Gunst verstricken, bis sie schmerzlich einsehen müssen, dass keiner den Beau erobern wird. Kurze Interviewszenen von anonymen jungen Leuten, die im Stil einer Fernsehreportage von gescheiterten Liebschaften erzählen, interpunktieren die Haupthandlung.

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Nach der Filmpremiere las die Kritik den Film als eine Variation auf Roland Barthes’ Essay „Fragmente einer Sprache der Liebe“. Auch wenn das sicher keine intendierte Assoziation war, so dreht sich doch bei Barthes wie bei Dolan alles um die Interpretation der Zeichen im Liebesdiskurs. Die Fantasterei der hoffnungslos Verliebten kennt keine Grenzen: Warum hat sein Fuß meinen Fuß berührt? Hat er ihn absichtlich berührt? Ist es ein gutes oder schlechtes Zeichen, wenn er nicht anruft? Francis und Marie sind Opfer ihrer eigenen Imagination, und die Stärke von Dolans Film ist es, dass er seine Figuren über ihren Herzschmerz nicht sprechen lässt, sondern dass er diesen durch dem Kino eigene Mittel ganz körperlich zeigt. Nachdem der homosexuelle Francis dem abweisenden Nicolas seine Liebe gestanden hat, geht er in Zeitlupe einen engen dunklen Gang hinunter. Dieses Bild, vollkommen still, ist wie ein Abstieg in die ewige emotionale Verdammnis und schnürt einem die Kehle zu.

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Zugleich amüsiert es Dolan sichtlich, den Liebesdiskurs in seinem ganzen Kitsch zu inszenieren. Den imaginären Film im liebeskranken Hirn seiner Protagonisten kondensiert er zum Beispiel in einem Bild des engelsgleichen Nicolas unter einem Marshmallow-Regen, das aussieht wie ein Porträt des Künstlerpaares Pierre et Gilles. Bei einer Party lässt er im Stroboskoplicht den Anblick des tanzenden Angebeteten mit Ausschnitten von Michelangelos David und mit erotischen Zeichnungen aus Jean Cocteaus „Le Livre blanc“ alternieren – was für ein Bild für die verblendete Idealisierung des Geliebten! Das Gefühl des Verliebtseins wird in Einstellungen überhöht, die stark an Wong Kar-Wais In the Mood for Love (Huayang Nianhua, 2000) erinnern: Die Kamera folgt den Protagonisten in Zeitlupe durch Montreals Straßen, unterlegt mit dem Lied „Bang Bang“ von Dalida, in dem es ebenfalls um gebrochene Herzen geht.

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Neben Dalida, die übrigens eine musikalische Referenz in der französischen Schwulenszene ist, wartet der Soundtrack mit Stücken von House of Pain, Renée Martel, Johann Sebastian Bach und Indochine auf. Um die Kategorie „unklassifizierbar“, die wohl am besten auf diese Auswahl passen würde, scheint sich auch Dolan für seinen Ruf als Filmemacher zu bemühen. Sein Francis wirkt wie ein Doppelgänger von James Dean. In ihren eng geschnittenen Kleidern, mit ihrer anachronistischen Hochsteckfrisur und ihrem schwarzen Lidstrich wirkt Monia Chokri wie eine Mischung aus Audrey Hepburn, Anna Karina und eben Maggie Cheung in In the Mood for Love. Dolan verwendet filmische Mittel wie Kameraschwenks, Jump Cuts und Dekadrierungen mit großer künstlerischer Freiheit. Der nervösen Kamera setzt er wiederum stoische statische Einstellungen von Gesichtern und Hinterköpfen seiner Figuren entgegen. Die Interviewszenen mit ihren harten Zooms spielen stilistisch mit der Grenze zwischen Fiktion und Dokumentarischem. Andrerseits experimentiert Dolan mit den manieristischen Farbstilisierungen eines Almodóvar und montiert in monochromen Bildern aus der erzählten Zeit gefallene Liebesszenen in die Handlung. Vielleicht ist es das, was die Originalität von Dolan ausmacht: diese liebevolle und zugleich ehrfurchtslose Art, sich die abgenutzten Codes und Referenzen der Filmgeschichte anzueignen und daraus etwas völlig Eigenes zu schaffen. Dass sich auch hier wieder ein Vergleich aufdrängt, nämlich mit Jean-Luc Godards Außer Atem (A bout de souffle, 1960) im Speziellen und der Nouvelle Vague und ihrem Konzept von Autorschaft im Allgemeinen, würde Xavier Dolan vielleicht gar nicht gefallen. 

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Kommentare


Ciprian David

Xavier Dolan gehört zum Kitsch, auf dem ich mich gerne einlasse. Wie Malicks Tree of Life. Es erstaunt mich immer noch, wie selbstsicher er mit der Filmgeschichte, bildgestalterisch wie formell, umgeht.

Musste vor Kurzem daran denken, dass Herzensbrecher, wenn nicht in Slow Motion, vielleicht ein 60 Minuten-Film wäre:)


Patryk

Die Leichtigkeit, die ich wirklich bei vielen Filmen vermisse, ist hier vorhanden. Man wird als Schauender gepackt, mitten in den Film gezerrt. Der Schauende geht dann beim Zuschauen zwei Wege: Er lässt sich vom Charme der Charaktere und des Geschehens verführen, fängt an sich mit den einzelnen Protagonisten zu vergleichen, um anschließend eine Identifikation festzustellen.
Gleichzeitig überkommt einen das Gefühl, wie unlogisch und unschlüssig das Verhalten der zwei Verliebten ist. Sie fühlen einen Schmerz, den sie sich selbst zuführen. Sie wollen es, der Zuschauer leidet mit.
Irgendwie trifft der Film die Liebe sehr gut.

Der Film ist sehr nah am Wasser gebaut, er offenbart uns ohne sich dabei verstecken zu müssen folgendes:
Uns wird der Spiegel vors Gesicht gehalten.

Genau das erzeugt die Gänsehaut.


BPSCH

Klasse Empfehlung!
Ein Film, mitten aus dem Leben, wenns um die verletzten Gefühle geht. Das haben wir ja schon fast alle erlebt, wir die Verlierer...






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