Das gelbe Segel
Vom Streben nach Identität: Udayan Prasad schickt seine Protagonisten durch das regnerische Louisiana auf eine Reise zu sich selbst und erzählt von der Macht der Liebe und der Hoffnung.
Der Schweizer Produzent Arthur Cohn (Die Gärten der Fizzi Contini, Il giardino dei Fizzi Contini, 1972; Central Station, Central do Brasil, 1998) hat bekanntlich ein Gespür für komplexe Sujets, die er mit ruhiger Hand und viel Liebe zum Detail zu internationalen Kinoereignissen werden lässt. Das brachte ihm den Ruf eines der weltweit erfolgreichsten unabhängigen Produzenten und seinen Filmen bislang sechs Oscars ein. Dass er dabei auch bereits verfilmten Stoffen neue Sichtweisen abringen kann, bewies schon seine vorletzte Arbeit, Die Kinder des Monsieur Matthieu (Les Choristes, 2003), und beweist jetzt Das gelbe Segel, ein Remake des japanischen Films Shiawase no kiiroi hankachi (1977) von Yôji Yamada.
Dabei ist es vor allem das emotionale Gesamtbild, das Zusammenspiel aller seiner Elemente, was Das Gelbe Segel auszeichnet. Denn die Story ist eigentlich banal: Brett (William Hurt) wird nach sechs Jahren Haft aus dem Knast entlassen. Wir kennen weder die Gründe für seine Haft noch seine Zukunftspläne. Er trifft auf die 15-jährige Martine (Kirsten Stewart), die sich in pubertärer Selbstfindung zwischen juveniler Rebellion und aufkommender Sexualität zu behaupten versucht, und auf Gordy (Eddie Redmayne), einem unwesentlich älteren Teenager mit Auto, der von seiner eigenen Abnormalität überzeugt ist und als Abenteurer durchs Land zieht. Alle drei sind sich fremd, vertrauen einander nicht und haben eigentlich nur die Gemeinsamkeit, dass sie vom Ort, an dem sie sich gerade befinden, weg wollen. Damit kommt ein Roadmovie in Gang, das seinen Weg nicht nur über die Straßen Louisianas der Post-Katrina-Ära, sondern vor allem zu den Innenwelten der Protagonisten nimmt.
Udayan Prasad inszeniert diese Reise zum Wesenskern seiner Figuren denn auch weniger durch informationstragende Dialoge sondern über Blicke, Mimik und Gestik. Vor allem William Hurt gelingt hier eine nuancenreiche Darstellung: Brett ist zunächst der zurückhaltende, verschlossene Beobachter, der sich in der Welt neu zurecht finden muss. Die Teenager selbst sind mehr impulsiv als koordiniert, sie sind getrieben von sexueller Anziehung, dem Wunsch nach Halt, Akzeptanz und Selbstverortung in der Welt, mithin den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Kirsten Stewart (Twilight – Biss zum Morgengrauen, Twilight, 2008) verkörpert Martine sehr eindringlich zwischen emotionaler Unsicherheit und trotziger Selbstbehauptung. Eddie Redmayne (Elisabeth: Das goldene Königreich, Elisabeth –The Golden Age, 2007) zeichnet seine Figur als hoch sensiblen jungen Mann, der seine Empfindsamkeit mit blenderischer Coolness zu verbergen sucht.
Wie die Teenager zu dem fremden Mann langsam Vertrauen aufbauen und Brett sich allmählich gegenüber den Jugendlichen öffnet, wird ruhig und sehr genau beobachtet. Das Wechselspiel von Brett, Martine und Gordy bringt nach und nach deren Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste ans Licht. Allmählich offenbart sich auch Bretts Vergangenheit - zunächst nur bruchstückhaft, dann, mit gewachsenem gegenseitigem Vertrauen, schließlich in Gänze. Dies geschieht durch Rückblenden, die von Bretts Interaktion mit den Teenagern und seinen Beobachtungen und Eindrücken während der Reise motiviert werden. Der Einsatz dieser Rückblenden ist dabei erstaunlich konventionell, frei von jeglicher Subtilität und geradezu trivial. Brett offenbart sich zunehmend als der Gutmensch, den der Zuschauer bereits von Anfang an vermutet hat:
Brett liebt May (Maria Bello). Die Rückblenden zeigen das Zustandekommen einer Beziehung zwischen zwei Außenseitern, deren Bewährung und am Ende das Brett zur Last gelegte Verbrechen, für welches er sechs Jahre im Gefängnis büßen muss. Maria Bello (A History of Violence, 2005; Coyote Ugly, 2000) verkörpert May als vom Leben gezeichnete Frau, die zunächst große Probleme hat, sich auf den ebenfalls nicht einfachen Brett einzulassen. Auch dem Subplot haftet eine simple Klischeehaftigkeit an. Dennoch schaffen es Bello und Hurt, hier eine glaubwürdige fragile Zweisamkeit zu kreieren, die vor allem auf Verständnis, Akzeptanz und Vertrauen basiert und für Brett konstitutiv ist. Brett selbst braucht die Teenager als reflektive Gegenstücke zu seinem Selbstfindungsprozess, die mit ihm zusammen Hoffnung und Liebe als Werte (wieder-)erkennen und Brett schließlich dazu anhalten, seinen Weg zurück ins Leben und – natürlich – zu May zu finden.
Das gelbe Segel ist ein durchweg konventioneller Film, dessen Linearität geradezu altmodisch anmutet. Jedoch gewinnt der Film seine Stärke aus den präzisen Beobachtungen des minimalistischen Wechselspiels seiner Protagonisten, die er zu einem wirkungsvollen Stimmungsbild verdichtet. Dazu tragen wesentlich auch die Settings und die Kamera von Chris Menges (Der Vorleser, The Reader, 2008; Killing Fields – Schreiendes Land, The Killing Fields, 1985) bei, die mit eindruckvollen Bildern vom Alltag in der Sumpflandschaft, mit Alligatoren, Regen, verlassenen Häusern und merkwürdigen Menschen, eine nahezu unwirklich-lyrische Stimmung erschaffen. Dieses Stimmungsbild versetzt den Zuschauer in einen emotionalen Schwebezustand und entfaltet einen Reiz, dem man sich nicht zu entziehen vermag.
Filmkritik von Robert Zimmermann
Veröffentlicht am 20.10.2009
Kommentare zu Das gelbe Segel
Martin Z. 04.07.2011 19:19
Oberflächlich betrachtet ist es ein Roadmovie. Es geht nur seltsamerweise vorwärts in die Vergangenheit und zwar in die von Brett (William Hurt) dem alten Ex-Knacki. Mit ihm fahren zwei Youngsters Gordon und Martine. Alle drei suchen sich selbst im Spiegel der anderen. Erst hilft Brett den Jugendlichen aus der Patsche, dann sagen die ihm, wo’s für ihn in seinem Leben wirklich langgeht. Hauptsächlich lauschen die Kids der Lebensbeichte von Brett und ziehen im Gegensatz zu ihm die richtigen Schlussfolgerungen. Alle drei sind kantige, unfertige Typen, unabhängig vom Alter. Es fällt dem Zuschauer schwer, sich mit einem von ihnen zu identifizieren. Sie schlagen stets die ausgestreckte Hand aus, die sich ihnen entgegenstreckt. Sie verletzen die, die sie lieben. Brett vor Jahren, die Kids tun es jetzt. Umso überraschender ist es, wenn am Ende der Titel (egal ob mit Segel oder Taschentuch) zum Tragen kommt und sich mit einem versöhnlichen Ende verabschiedet. Haben etwa alle drei doch diese Harmonie gesucht, ohne sich im Klaren darüber zu sein? Obwohl sie auf der Flucht waren, ging es doch immer nur in Richtung Heimathafen? Mit diesen Spekulationen bleiben wir allein zurück.
Dieser leise, ruhige, kleine Film psychologisiert in der Kommunikation, analysiert dabei das Verhalten der drei beteiligten Personen und gibt weiten Spielraum für Diskussionen.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Das gelbe Segel. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Film-Angaben
Titel: Das gelbe Segel
Originaltitel: The Yellow Handkerchief
USA 2008
Laufzeit: 96 Minuten
Regie: Udayan Prasad
Drehbuch: Eric Dignam
Produktion: Arthur Cohn
Bildgestaltung: Chris Menges
Musik: Eef Barzelay, Jack Livesey
Darsteller: William Hurt, Maria Bello, Kristen Stewart, Eddie Redmayne
Kinostart: 19.11.2009
DVD-Angaben
Titel: Das gelbe Segel
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Extras: Kino-Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 30.07.2010
Copyright Das gelbe Segel
Fotos: © Vega
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Aktuelle Filme
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Panik im Needle Park
R: Jerry Schatzberg
Neu im Kino
02.02.2012
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
26.01.2012
Michael
R: Markus Schleinzer
Ein riskanter Plan
R: Asger Leth
The Artist
R: Michel Hazanavicius
Arirang
R: Kim Ki-duk
Drive
R: Nicolas Winding Refn
19.01.2012
Amer - Die dunkle Seite deiner Träume
R: Bruno Forzani, Hélène Cattet
Kriegerin
R: David Wnendt
J. Edgar
R: Clint Eastwood
Faust
R: Aleksandr Sokurov
Mein liebster Alptraum
R: Anne Fontaine
Once Upon A Time in Anatolia
R: Nuri Bilge Ceylan
Die Muppets
R: James Bobin
Demnächst im Kino
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
In Darkness
R: Agnieszka Holland
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Der Preis
R: Elke Hauck
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Aktuell im TV
Berlin is in Germany
So 05.02, 21:40 Uhr, kultur (ZDF digital)
Goldenes Gift
So 05.02, 23:45 Uhr, BR
Motel
Mi 08.02, 22:10 Uhr, Kabel Eins
Waltz with Bashir
Nacht von Mi auf Do, 08.02-09.02., 02:00 Uhr, arte






















1 Kommentar