Assassin's Creed

Gehopse und Geschubse im Dämmerlicht der Renaissance: Assassin’s Creed schwadroniert über den freien Willen, stellt ihn aber gar nicht erst auf die Probe.

Assassins Creed 30

Es fließt kein Blut in Assassin’s Creed. Zwar werden Dolche gezückt und auch in den ein oder anderen Körper geschoben, zwar bleiben einige dieser Körper nach einer solchen Einwirkung auch bewegungslos am Boden liegen, doch das tatsächliche Aussickern von Blut und Leben bleibt stets unsichtbar. Selbst als an einer dramaturgisch prominenten Stelle des Films eine Kehle durchgeschnitten wird, scheint die Klinge nur über den weiß-bleibenden Hemdkragen zu streichen, bevor der dann doch Getötete aus dem Bild sinkt. Blut darf in diesem Film nur in einer einzigen Form in Erscheinung treten: als bereits geronnenes, in dunklen Schlieren über lebendige wie tote Gesichter geschmiert.

Assassin’s Creed nimmt dem Blut jede Dynamik, nimmt damit aber auch dem Körper jede Verletzlichkeit und der Gewalt jeden Stich. So umkreist der Film bildlich wie thematisch stets eine bloße Leerstelle und wendet seinen Blick konsequent von dem ab, was sein vorgebliches Anliegen ist. Denn Gewalt soll in diesem Film nicht nur dargestellt werden, soll nicht nur eine visuelle Wucht und einen affektiven Reiz entfalten, sondern die Fähigkeit zur Gewaltausübung wird zur paradigmatischen Äußerung der menschlichen Willensfreiheit erklärt.

Sprünge, Saltos, Stechorgien

Assassins Creed 12

In einem vage futuristischen Labor, das von dem immer noch aktiven Templerorden betrieben wird, soll der verurteilte Mörder Callum Lynch (Michael Fassbender), Nachfahre eines Assassinen aus dem Spanien der Inquisitionszeit, in die „in seinem Blut gespeicherten“ Erinnerungen seines Vorfahren eintauchen, um den Aufbewahrungsort des Apfels von Eden ausfindig zu machen – eines mechanischen Knödels, der die Templer dazu befähigen soll, den freien Willen und damit auch jede menschliche Gewaltausübung aus der Welt zu schaffen. Während seiner virtuellen Reisen in die Vergangenheit wird Lynch an einem monströsen mechanischen Krakenarm befestigt und ist somit in der Lage, die längst vergangenen Erlebnisse nicht nur passiv nachzuerleben, sondern die wilden Sprünge, Saltos und Stechorgien auch tatsächlich erneut auszuführen. Dabei wird nie ganz klar, welchen Status diese wilde Aktivität eigentlich hat – denn als Erinnerung an eine bereits geschehene und damit fixierte Vergangenheit müsste der genaue Verlauf dieser Bewegungen eigentlich ebenso vorbestimmt sein.

Assassins Creed 07

An dieser Ambivalenz der dargestellten Handlungen hätte sich Justin Kurzel (Macbeth) nun auf produktive Weise abarbeiten können, wenn er sich denn in irgendeiner Form dafür interessieren würde. Doch die Frage nach dem freien Willen wird in Assassin’s Creed bloß erwähnt, immer und immer wieder, um das klappernde und letztendlich ziellose Getriebe der Handlung künstlich mit dem Schimmer der Bedeutsamkeit aufzuladen. Was das überhaupt sein soll, eine „freie“ Willensentscheidung, darüber schweigt der Film, und das ist nicht in erster Linie ein thematisches Problem (denn natürlich ist ein Film keine philosophische Abhandlung), sondern ein ästhetisches: Es ist der eigentliche Grund für die vollkommene Fadesse, die den Film von Anfang bis Ende durchzieht.

Assassins Creed 08

Wenn Lynch im erinnerten Körper seines Ahnen von Dach zu Dach springt, wenn er sich und seine Assassinen-Kameraden von dem Scheiterhaufen eines Madrider Autodafés losreißt, wenn er gewaltsam einen edelmütigen Sultan vor einem abscheulichen Prälaten schützt, dann sind seine Bewegungen stets gänzlich bereinigt von jedem Anzeichen der Anstrengung, von jeder nachträglichen Korrektur, von jedem Anschein der Fehlbarkeit. Es gibt in diesen Szenen kein Ziel, das man vor Augen hat, kein Hindernis, das es zu überwinden gilt. Es gibt, mit anderen Worten, keinerlei Situation, in der irgendeine Entscheidung, ob frei oder unfrei, nötig wäre. Es ist ein völlig gleichförmiger, diffuser Strom an Bewegungen, der über die Leinwand rollt, ein ständiges Gehopse und Geschubse, bei dem nichts auf dem Spiel steht und an dessen Ende weder etwas erreicht noch etwas verloren wird. Irgendwann springt der Assassin mit ausgebreiteten Armen von einem Turm oder einer Brücke in eine unabsehbare Tiefe, und nur dank dieses formalen Zeichens wissen alle Beteiligten, dass die Verfolgungsjagd nun abgeschlossen ist.

Freiheit fürs Steak

Assassins Creed 24

Ein solcher Sprung endet immer damit, dass Lynch unsanft zurückgeworfen wird aus dem roten Dämmerlicht der Renaissance in die kühlen Interieurs des Jetzt. Aber auch dieser wiederholte Wechsel von Geschichte und Gegenwart bleibt völlig ohne Bedeutung, die Jahrhunderte werden nur Seite an Seite gestellt, ohne irgendeine Reibung zu entwickeln. So wie die dargestellte Gewalt keine sichtbaren Verletzungen zurücklässt und die dargestellten Handlungen nicht aus sichtbaren Entscheidungen hervorgehen, so bleibt auch die dargestellte Vergangenheit ohne jede Relevanz für die Gegenwart – in der Einebnung jeglicher Mehrstimmigkeit und Spannung ist der Film also durchaus konsequent. Als klar herausgearbeitete Entscheidungssituation und als wirklich nachvollziehbarer Triumph des Helden bleibt in der eigenschaftslosen Wüste dieses Films nur jener Moment übrig, in dem Lynch in der Kantine des Templer-Labors nicht das eigentlich empfohlene Hähnchen bestellt, sondern in forschem Ton ein Steak verlangt. Diese tröstliche Aussage hält Assassin’s Creed dann doch für uns bereit: Die menschliche Freiheit wurde zwar mit dem Verlust des Paradieses erkauft, aber zumindest wissen wir sie gut einzusetzen.

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