Seiltanz über dem braunen Brodeln – Filme von Phil Solomon

Mit Phil Solomon (1954-2019) ehrt die diesjährige Viennale einen umtriebigen Experimentalfilmer. Zwischen GTA-Manipulationen und Materialtests fand der mit Stan Brakage befreundete Regisseur eine düstere, melancholische Filmsprache.

Die hübscheste Nahkampfwaffe im Computerspiel Grand Theft Auto: San Andreas (2004) ist der Blumenstrauß. An bestimmten Orten in der Spielwelt dreht er sich grazil in der Luft. Einmal drübergelaufen ist er einsatzbereit. Was aber, wenn man den Strauß nicht aufsammelt und Gegnern ins Gesicht schlägt, sondern einfach schweben lässt, in seiner vollen pixligen Schönheit? Das könnten sich die US-amerikanischen Filmemacher Mark LaPore und Phil Solomon gedacht haben, als sie sich eine Nacht durch das Game mogelten, mit dem Ziel, die Logik des Actionspiels zu durchbrechen und poetische Bildkompositionen zu schaffen.

Crossroad (2005) ist der Titel des 6-minütigen Films, der komplett in der GTA-Spielgrafik gedreht wurde (Profis nennen dieses Genre Machinima). Als LaPore kurz nach Fertigstellung des Films starb, legte Solomon den doppelt so langen GTA-Film Rehearsals for Retirement (2007) nach, der bald auch in der Welt der Gamer*innen für Aufmerksamkeit sorgte. „Tarkovsky does GTA“, raunt der beliebteste Kommentar unter einem YouTube-Upload des Films. Dabei war der 1954 in New York geborene und 2019 verstorbene Filmemacher kaum an einer Filmepik der Art Tarkovsky interessiert. Vielmehr faszinierte ihn die fotochemische Zersetzung analogen Filmmaterials, ob es sich um altes Stummfilmmaterial oder Aufnahmen der eigenen 16-mm-Bolex-Kamera handelte. Der Ausflug in die Gamingwelt blieb eine, wenn auch bedeutende, Ausnahme, wie die von Mark McElhatten kuratierte Werkschau „Die Solomonischen Korrespondenzen“ im Rahmen des diesjährigen Wiener Filmfestivals Viennale eindrucksvoll demonstriert.

Filmische Ursuppe

Das schwarzweiße Kinobild wölbt sich, scheint zu blubbern wie eine Bakterienkultur unter dem Mikroskop. Plötzlich hebt sich ein Hakenkreuz aus dem abstrakten Sumpf. Dem realen Horror folgt das Gesicht des Golem, ein Ungeheuer aus der Urzeit des Kinos, dann der Davidstern, ebenfalls dem Film Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) entnommen. Man begreift: Die Sagengestalt des Monsters, das die jüdische Gemeinde vor allem Schrecken schützen sollte, steht dem Grauen der Nationalsozialisten unmittelbar gegenüber – innerhalb der filmischen Ursuppe von Solomons Psalm III: Night of the Meek (2002).

Immer wieder treten aus dem abstrakten Brodeln des filmgewordenen Experimentierlabors solche eindrücklichen Bilder hervor. Eines seiner bekanntesten Werke Remains to Be Seen (1989) kombiniert chemisch bearbeitete Bilder aus dem Privatbesitz mit gefundenem medizinischem Filmmaterial. Noch prägnanter kommt Psalm II: Walking Distance (1999) daher, hier steht am Ende ganz plastisch und erhaben ein Hochseiltänzer über dem braunen Brodeln des Materials. Gleichermaßen erhebt sich GTA-Protagonist Carl „CJ“ Johnson durch eine filmische Untersicht zu monumentalem Format. Die eindrücklichste Einstellung in Rehearsals for Retirement zeigt ihn als kaum greifbaren Schemen vor dunklem Nachthimmel. Immer und immer wieder explodiert ein Flugzeug über ihm, eingefroren in der Schwärze.

Reise in den geheimen Garten

Eins ist klar: Einfach wegschauen lässt sich das experimentelle Werk Phil Solomons nicht. Zwar läuft kaum ein Film länger als 20 Minuten, jedoch fehlt nicht selten der Ton. Die Stimmung ist düster, die Farben meist entweder schwarzweiß oder erdiges Braun. Fans des abstrakten Kinos dürfen sich über den Mut zur Abstraktion freuen, während der Pop-Appeal jenseits von GTA und dem Golem-Cameo im restlichen Werk eher ausbleibt – mit einer Ausnahme, die dann umso überwältigender ist.

The Secret Garden (1988) besteht vor allem aus bunten flirrenden Lichtern, die lange Schlieren ziehen. Erst auf den zweiten Blick fällt die Räumlichkeit des Arrangements auf. In eben diesem Moment erscheinen Untertitel. Die sind verwaschen, lediglich in Ausschnitten zu lesen, wirken aber trotzdem überraschend eindringlich im Werk eines Filmemachers, der in seinen Filmen, um die immersive Wirkung zu steigern, lange auf Titeleinblendungen, geschweige denn Credits verzichtet hat. Die Untertitel in The Secret Garden raunen von einem mysteriösen Ort, einem geheimen Garten. Kurz sieht man gar Dorothy Gale aus The Wizard of Oz (1939), die ikonische Verkörperung einer so prächtigen wie unheimlichen Verzauberung der Welt.

Regenrauschen und Synthesizer

Phil Solomon, so verrät der umfangreiche Begleittext zur Retrospektive, war auf der Suche nach dem „unausweichlich Unsagbaren“. Der geheime Garten lässt sich nicht beschreiben, sondern nur erarbeiten. Das Spiel mit der Chemie des Filmmaterials war für den US-Amerikaner, der 1991 mit Stan Brakage an der University of Colorado unterrichtete und bald dessen Freund wie Kollaborateur wurde, ein Handwerk, dem nicht Stoff oder Stein zugrunde lagen, sondern Schatten, Ton, Farbe, Form und Rhythmus. Apropos Ton: Nicht selten sind Solomons Filme, wie erwähnt, stumm. Manchmal hört man aber auch einen Yamaha DX 9, einen der ersten Sampler für den Heimgebrauch. Gelegentlich sind gefundene Geräusche Teil des Soundtracks oder die Ambientsounds der Gamingwelt von Grand Theft Auto: Regenrauschen, fahrende Autos, knatternde Helikopter, aber keine Waffen.

Inmitten von Crossroad rennt Protagonist Carl „CJ“ Johnson mit Blumenstrauß in der Hand durch ein Gebüsch. Das pixelige Gestrüpp verdeckt die Sicht und entsprechend braucht es ein bisschen, bis wir realisieren, dass er im Kreis rennt. Der Blumenstrauß findet keinen Adressaten, keiner bekommt ihn ins Gesicht geschlagen oder geschenkt. Der Trauerprozess um Solomons Freund Mark LaPore beginnt bereits im Film, an dem dieser noch selbst mitgewirkt hat, was ein wenig unheimlich wirkt. Im definitiven Trauerfilm Rehearsals for Retirement erscheint der Strauß dann endlich an seinem Zielort, im Leichenwagen. Dort dreht sich seine Gestalt unwirklich durch die Wände des Wagens und sagt: Solch ein digitales Werk ist nie abgeschlossen. Gestorben und tot ist hier niemand. In diesem Sinne lohnt es sich, Solomons Werk auch nach seinem frühen Tod mit 65 Jahren zu entdecken.

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