Der Wert der Filmkritik
Zum Symposion „Im Netz der Möglichkeiten – Filmkritik in Zeiten des Internet“
Im Verlauf der Veranstaltung wurde eines immer deutlicher: Die Mehrzahl der Wortführer hat Filmkritik als journalistische Gattung bereits aufgegeben. Wir halten dagegen.
Um das Berufsbild des Kritikers, die ökonomische Realität und neue Formen der Filmkritik sollte es am Donnerstag gehen. Der Verband der deutschen Filmkritik hatte ins Berliner Filmmuseum eingeladen, über den Stand der Filmkritik im Netz zu diskutieren. Auch critic.de beteiligte sich daran, in Form von Podiumsbeiträgen und einem Kurzreferat (siehe unten).
In den Aussagen einiger Gäste, Ekkehard Knörer (hier sein Vortrag) und Volker Pantenburg (hier sein „Eintrag“) seien exemplarisch genannt, spiegelte sich zuvorderst der Wunsch nach einer Filmkritik, die sich ausschließlich ihrer eigenen subjektiven Filmauswahl verpflichtet sieht und den Leser nicht in den Blick nehmen darf. Diese Extremposition, die vielleicht so gar nicht beabsichtigt war, möchten wir von critic.de eine andere gegenüberstellen: Die einer Filmkritik, die sich dezidiert als journalistische Gattung versteht. Natürlich wollen wir eine Öffentlichkeit herstellen, für eine kritische, analytische und präzise Beschäftigung mit Film. Für uns schließt das keineswegs aus, dass in der redaktionellen Arbeit der Austausch am Gegenstand zentral bleibt. Es bedeutet aber auch, dass wir uns aktuellen Filmen, die unsere Leser derzeit im Kino, auf DVD und im TV sehen können, widmen. Die Auseinandersetzung mit Film ist nicht umso lobenswerter, desto obskurer der Gegenstand ist. Cinephilie umfasst ebenso sehr Teile des Mainstream wie Teile des Kunstkinos. Wenn in Zeiten des Internet potentiell alle Filme greifbar sind, wird die Rolle von Filmmagazinen als Filter umso wichtiger. Eine Aufgabe des Kritikers in diesem Kontext ist es mit Sicherheit, Filmen eine Chance zu geben, die der Markt an den Rand drückt. Selten zu sehende Filme hervorzuheben, das war auch unser Ansatz mit der Filmreihe debut – das critic.de premierenkino. Das sollte allerdings stets nur eine Seite der Arbeit als Filmkritiker sein.
Viele Film-Blogs und -Websites schreiben ausschließlich von der eigenen Lust und dem persönlichen Geschmack ausgehend. Das macht die Diversität des Internet mit aus. Nicht selten klingt darin aber eine Verweigerungshaltung an, die letztlich das Feld der Aktualität den anderen überlässt: Das sind im Internet nicht zuletzt große Kinoportale, die kritiklos und gleichberechtigt „Sexy Stars“ und gesponserte „Filme der Woche“ nebeneinander stellen. Dass es dazu eine Alternative geben kann und muss, dafür engagieren wir uns.
Frédéric Jaeger
Vortrag von Sascha Keilholz
Die Diskussionen über den Begriff Filmkritik sind beinahe genauso alt wie die Debatte über das neue Medium selbst. Rudolf Arnheim, Siegfried Kracauer und Bela Balasz, um nur einige zu nennen, haben wir frühe schriftlich festgehaltene Diskussionen über unseren Gegenstand zu verdanken.
In seinem Kleinem Filmlexikon definiert Charles Reinerts Filmkritik bereits 1946 wie folgt: „Beurteilung eines Films von künstlerischen, technischen, weltanschaulichen, soziologischen und psychologischen Gesichtspunkten aus.“ Weiter heißt es: „Filmkritik umfasst Inhalt und Form des Films“.
Vermutlich alles Aspekte, denen wir uns leicht anschließen können. Im Zentrum meines Interesses heute steht Reinerts Unterscheidung von Filmkritik und Filmbesprechung. Helmut H. Diederichs nennt in seinem „Anfänge der deutschen Filmkritik“ ein „Modell für eine bis heute geübte Praxis der Filmbesprechung: Inhaltsangabe mit anschließendem kurzen Urteil über Schauspieler und Inszenierung“.
Diederichs bezieht sich im Jahr 1986 auf die Praxis im Printbereich, wie wir sie aus den Magazinen und Zeitschriften bis hin zu den Feuilletons kennen.
Die Form des Internetfilmjournalismus, von der ich jetzt spreche, definiert sich mit Sicherheit sehr stark über das Verständnis, Filmkritik und nicht Filmbesprechung zu sein.
Wenn im Pressetext zur heutigen Veranstaltung von der Differenz zwischen Kritik und Meinungsäußerung die Rede ist, versteckt sich dahinter nichts anderes als die Schnittmenge zweierlei Fragestellungen: besagter nach der Differenz von Filmbesprechung und Filmkritik - und der im ersten Panel angesprochenen Frage nach dem Berufsbild.
Vor dreißig Jahren formulierte Klaus Eder bei einem Seminar der AG Filmjournalismus: „Filmkritiker ist, wer sich als solcher erklärt.“ Die dort polemisch zugespitzte Indifferenz ist meines Erachtens – abgesehen von den ökonomischen Veränderungen – der Kern jenes Alptraums professioneller Filmjournalisten, der unsere Debatte überhaupt losgetreten hat: Das formlose Schreiben der Amateure im Netz.
Die Debatte um Kritik und Internet ist, ganz offensichtlich, zu einer Debatte um die Form, nicht um das Medium avanciert. Spricht aus manchen etablierten Kritikern doch die Angst, ihre erprobte tradierte Form der feuilletonistischen Kritik würde sich in den Blogs und Foren vermischen. Zumal in den puren Meinungsäußerungen Unqualifizierter.
Dabei verschwimmt die Form, wie bereits angedeutet, nun wirklich nicht primär im Medium Internet. Andernorts stehen die Kurzkritiken, nicht selten Variationen der Inhaltsangaben von Presseheften zwischen den gebuchten Filmannoncen, stehen Daumen, Noten und Sterne neben Kritiken. Je nach Verlag werden auch gerne die Blockbuster, mainstreamfreundliche Publikumslieblinge, im PR-Ton angepriesen. Ganz zu Schweigen von deutschen Ereignisfilmen, bei denen manche Redakteure und Herausgeber schon mal Kritik und Werbekampagne verwechseln. Nicht weniger problematisch sind die gewollten Arthouse-Hymnen an anderer Stelle zu bewerten.
Die Liste wäre an dieser Stelle beliebig zu verlängern und problemlos zu konkretisieren. Bei der Angst um die Aufweichung der Formen müssen wir uns also wirklich nicht aufs Internet konzentrieren.
Was mir wasserdichter erscheint, ist die Frage nach dem Verschwimmen professionellen und non-professionellen Schreibens.
Zwar handelt es sich bei vielen Bloggern um alles andere als PR-Agenten der Filme, ihnen ist häufig vor allem Subjektivität und ein Standpunkt jenseits des Mainstreams wichtig, vor allem aber ihre Freiheit und Unabhängigkeit, allerdings schreiben sie doch zumeist aus der Perspektive des – mehr oder weniger – elaborierten Fantums.
Auch viele der redaktionell geleiteten Filmseiten im Internet – und um diese soll es nun im exemplarischen Bezug auf critic.de gehen – sind zumindest als non – professionelle, also „amateurhafte“ Projekte gestartet und werden teilweise von außen noch immer so gesehen. Amateurhaft heißt in diesem Fall vor allem ohne Verlagsgruppe im Hintergrund und ohne oder mit geringem Budget ausgestattet. Womit ich nun keinen Vergleich zum Begriff des charmanten Guerilla-Filmmaking ziehen möchte, denn das würde genau in die falsche Richtung führen.
Tatsächlich eint die Beteiligten eines Projektes wie critic.de vor allem die genaue Vorstellung dessen, was Filmkritik – egal in welchem Medium – sein kann und sollte. Und zwar auch in Bezug auf die beschriebene große hiesige Tradition. Es handelt sich dabei um Leute, deren gemeinsame Grundlage die Cinephilie im besten Sinne ist. Was nichts anderes heißt, als dass der Gegenstand in den Vordergrund und gegebenenfalls der Autor in den Hintergrund rückt.
Bruno Fischli schrieb bereits im Jahrbuch Film 1981/82: „Ziel der Filmkritik ist es, dem Leser einen produktiven Zugang zu verschaffen.“ Was eine richtige, aber eben nur eine Seite der Medaille ist. Natürlich ist die Filmkritik als Sprechakt zu verstehen. Entscheidend ist für mich dabei allerdings Kommunikation als Austauschprozess. Das Internet – mit all seinen hier schon angeführten und zum Teil besprochenen Problemen – ist ein idealer Ort für eine interaktive Auseinandersetzung, wie sie in den Feuilletons kaum geführt wird. Das Reden, das Sprechen über Film darf nicht, wie im Selbstverständnis manchen Redakteurs erahnbar, auf ein Sender-Empfänger-Verhältnis reduziert werden. Filmkritik kann nur im öffnenden, Austausch suchenden Sinn funktionieren.
Was bei uns konkret im redaktionellen Alltag seine Basis findet.
Die Idee des gemeinsamen Kinobesuchs – von den Verleihern und Agenturen mal mehr, mal weniger verständlich torpediert – ist der Ausgangspunkt eines Redens und Diskutierens über Film. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Film, eine Reflexion gesellschaftlich-sozialer Prozesse, ist die Grundlage. Sie kann nur im Pro und Contra, im Für und Wider, in der ständigen Diskussion und Argumentation geführt werden.
Genauso wie der Redigierprozess, in den bei einem Projekt wie critic.de gleich mehrere Autoren und Redakteure eingebunden sind – nicht um die „Eigenständigkeit“ des Autors zu gefährden, sondern um frühzeitig in einen Diskurs einzutreten, der für mich Filmkritik – weit über den Servicecharakter hinaus - ausmacht.
Tatsächlich schätzen viele unserer Autoren diese genaue Arbeit am Text und diese rege Diskussion über Inhalte. Die Autoren, das sind zum Teil Journalisten, zum Teil Wissenschaftler und zum Teil tatsächlich nicht-professionelle Autoren insofern, als dass sie gerade erst mit dem Schreiben beginnen. Auch ohne Engagement bei einer Schülerzeitung und Sporen-Verdienen im Lokalteil des ortsansässigen Regionalblattes, bei mancher Zeitung noch immer gern als Einstiegsbasis gesehen. Das sind Autoren, die zum Teil keine Praktika, Volontariate oder gedruckte Probekritiken vorlegen können. Amateure also. Dafür aber gerne mit exzellenten filmtheoretischen und filmpraktischen Ausbildungen. Dieser Generation, die mit ganz neuen historischen, theoretischen und analytischen Vorerfahrungen an das Schreiben über Film herangeht, bietet vor allem das Internet eine Publikations- und, entscheidender, Ausbildungsplattform.
Texte, die über Ideologiekritik weit hinausgehen und der Form, dem Stil, dem Genre, etc. gerecht werden.
Die Grundvoraussetzung dafür, auch bei critic.de, ist eine genaue Kenntnis der Materie, ein kritisches Bewusstsein dem Gegenstand gegenüber, das Talent zu Argumentieren - und zum Formulieren.
Entscheidendes Kriterium ist immer die Qualität des Textes. Entspricht eine Kritik nicht dem redaktionellen Anspruch, muss sie nicht online. Die Seite muss nicht gefüllt werden.
Unsere redaktionellen Grenzen werden nicht von Anzeigen- oder Zeilenvorgaben gesteckt, sondern schlichtweg von der eigenen eingebrachten Man-Power. Wenn wir einen Text für inhaltlich gut erachten, findet er bei uns auch seinen Platz. Genauso wie die Auseinandersetzung mit fast allen besprochenen Filmen in Form einer Langkritik stattfindet. Die Auseinandersetzung mit Film – egal als Kurzfilm, als Fernsehfilm, auf einem Festival oder auf DVD, findet grundsätzlich gleichberechtigt und im entsprechenden Rahmen statt.
Wenn man also das öffentliche Sprechen von, die Rede über den Film, am Leben hält und in den Vordergrund stellt, dann hat die Kritik als deren qualifizierte Form, auch eine Zukunft. Und wo sollte diese stattfinden, wenn nicht im Internet, dem interaktiven Ort der Interaktion?
All das ist unter den gegebenen Umständen ein Luxus, den wir uns leisten, bzw. teuer gewähren, betrachtet man die im Internet noch üblichen Saläre. Doch wenn die kritische Auseinandersetzung mit Film im Internet mittelfristig, und auf dem Weg dahin ist diese Veranstaltung hoffentlich ein Mosaikstein, die Beachtung findet, die sie, zumindest was viele Seiten anbelangt, verdient, dann ändert sich vielleicht auch das. Was wirklich nicht nur ein Traum wäre – sondern, vielmehr als eine Utopie, vor allem eine Chance.
Veröffentlicht am 24.11.2008
Kommentare
Volker Pantenburg aus Berlin
Donnerstag, 27-11-08 09:16
Thorsten aus Köln
Mittwoch, 26-11-08 20:05
Nun, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht (bitte korrigieren Sie mich, falls doch), war in Ihrem Vortrag die Rede davon, dass man vor allem für die anderen Autoren des Blogs schreibe - und auch, wenn das eine überspitzte Formulierung war (was ich annehme), kann man eine solche Aussage durchaus so verstehen, als würde das, was gemeinhin als "Leser" begriffen wird, nicht in den Blick genommen. mehr ...
Volker Pantenburg aus Berlin
Mittwoch, 26-11-08 12:47
PS: Der Link wird nicht angezeigt. Gemeint ist James Bennings "Location List" zu RR.
Volker Pantenburg aus Berlin
Mittwoch, 26-11-08 12:45
Die minimale Voraussetzung von Kritik – Filmkritik, Textkritik, Kritik der Kritik – sollte sein, dass man das Kritisierte wahrnimmt; ich denke, das ist vielleicht der einzige Punkt, an dem wir uns träfen. Dass sich in Ekkehards und meiner Position (die nicht identisch sind) „der Wunsch nach einer Filmkritik“ widerspiegele, „die sich ausschließlich ihrer eigenen subjektiven Filmauswahl mehr ...
Frédéric
Montag, 24-11-08 18:59
Lieber Thomas, als Zielvorgabe kann ich Deine Argumentation durchaus nachvollziehen. Entscheidend dürfte sein, welchen Begriff wir von „interessierbaren“ Lesern haben. Wenn damit auch all die gemeint sein sollen, die sich für Filme ausreichend interessieren, um sich mit ihnen auseinander zu setzen, aber nicht ausreichend, um sich die DVDs auf Empfehlung hin zu bestellen, sprich gleich zu kaufen, mehr ...
Thomas aus Berlin
Montag, 24-11-08 15:12
Lieber Fréderic, Zitat: "Wenn es aber tatsächlich um das Vermitteln geht, dann kann nicht davon abgesehen werden, was der Leser überhaupt zu sehen bekommt. Als Leser möchte ich übrigens gerne auch die „Interessierbaren“ außerhalb der Großstädte erreichen und dort ist die Filmversorgung nicht selten desolat." Aber gerade in diesem Fall ist eine, wenigstens tendenzielle, Konzentration mehr ...
Frédéric Jaeger
Montag, 24-11-08 13:22
Lieber Ekkehard Knörer, einig sind wir uns darin, dass es für den Kritiker dazu gehört, die Aktualität und deren Mechanismen zu hinterfragen, über das einzelne aktuell in den Vordergrund gerückte Werk hinauszublicken. Ganz im Gegensatz zu dem, was Sie bei uns bemängeln, ist das in der Tat einer der zentralen Ansätze unserer Arbeit bei critic.de. Allerdings nicht in der von Ihnen einseitig mehr ...
Ekkehard Knörer aus Berlin
Montag, 24-11-08 07:25
Da fühle ich mich vielfach missverstanden, lieber Frédéric Jaeger. Zum einen habe ich pointert - und überpointiert -, was das Schreiben im Internet von der von Ihnen eingeklagten, in Wahrheit natürlich derzeit noch sehr vorhandenen, Aktualitätsfilmkritik in journalistischen Formaten unterscheidet. Diese Aktualitätsfilmkritik betreibe ich selbst und wenn Sie glauben, ich täte das ungern, dann mehr ...
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Ganz kurze Antwort: Mir ist überaus unklar (und auch ein bisschen suspekt), was genau das sein soll, »das gemeinhin als "Leser" begriffen wird«. Meine Vermutung ist, dass es eine hochspekulative Größe ist, die sich in den meisten Fällen nicht nach eigenen Kriterien richtet. Sprich: mein Misstrauen richtet sich genau gegen das "gemeinhin", an das ich nicht glaube. Ich will nicht haarspalterisch mehr ...