Berlinale 2013: Das heimliche Schaltjahr

Nach dem starken Wettbewerb 2012 erweist sich das diesjährige Programm als symptomatisch für einen großangelegten Umbruch mit offenem Ausgang. Das Festival im Rückblick.

Elle s en va 01

Hinter den Kulissen muss es kräftig rumoren, wenn Kulturstaatsminister Bernd Neumann während des Festivals dem Berlinale-Direktor bescheinigt, „uneingeschränkt“ zu ihm zu stehen, als sei dies nicht selbstverständlich. Dabei greift die aktuelle Kritik an Dieter Kosslick, die immer etwas heftiger auszufallen scheint als gegen andere Festivalleiter, häufig ins Leere. Denn nach den krassen Verrissen des Wettbewerbprogramms, die sich bis 2011 in eindrücklichem Maß gesteigert hatten, befindet sich die Berlinale aktuell in einem Transformationsprozess, der nicht von einem Jahr aufs nächste vollzogen werden kann. Eine Metamorphose, die nicht ohne Kollateralschäden, etwa die zunehmend ununterscheidbaren Nebensektionen, auskommt.

La religieuse 02

Obwohl Dieter Kosslick nach wie vor in seiner Präsentation der Filme auf Schauspieler und Themen setzt, ist am Wettbewerb deutlich abzulesen, dass diese Verkaufsargumente sich intern weniger als früher durchsetzen. Vielmehr waren solche Werke, die in einem selbstbewussten Festivalhauptprogramm nichts zu suchen haben, die Ausnahmen: The Necessary Death of Charlie Countryman, Elle s'en va, Die Nonne (La religieuse) sowie einige der außer Konkurrenz gezeigten Werke. Die restlichen Filme bieten jedenfalls ausreichend Stoff und Angriffspunkte, um sich an ihnen abzuarbeiten. Nur manchmal sollte man Filme vielleicht doch vor der großen Aufmerksamkeit in Schutz nehmen, die sie durch ihre Nominierung um den Goldenen Bären erhalten, etwa Pia Marais’ dritten Spielfilm Layla Fourie, eine internationale Koproduktion, bei der sie im Vergleich zu ihren kleineren vorherigen Arbeiten überraschend stark auf vorgefertigte Denk- und Erzählmuster zurückgreift.

The Grandmasters 01

Wenn es also heißt, die Berlinale setze 2013 zu oft auf schwache Filme, dann muss damit etwas anderes gemeint sein: Zum Teil kommt die Kritik aus einer Ecke, die sich ganz gut in der genügsamen Vergangenheit eingerichtet hatte, wo experimentellere Formen nur im Forum eine Heimat hatten, zum Teil erklärt sie sich aus der Dramaturgie des Festivalablaufs. Statt einer Ballung der Highlights, die euphorische Höhenflüge erlauben würde, wechselten sich nach dem enttäuschenden Auftakt (Wong Kar-wais The Grandmaster) in den nächsten Tagen immer wieder die Überraschungen mit den Geduldsproben ab. Ein Festivalflow kam deswegen nie auf.

Closed Curtain 04

Die Wahrnehmung von Festivals ist immer ein Spiel mit den Erwartungen: Liest sich die Ankündigung zu gut, leidet später der Genuss. Man muss also einmal davon absehen, welche Fantasien eine Aufstellung von Arslan, Seidl, Dumont, Côté, Van Sant, Panahi, Hong Sang-soo und weiteren auf dem Papier so wecken können. Oft kommt es anders. Wer hätte etwa gedacht, dass der mit Berufsverbot belegte Jafar Panahi mit Closed Curtain einen so explizit politischen, raffiniert vielschichtigen und experimentellen Beitrag in der Co-Regie mit Kamboziya Partovi abliefern würde? Da war es schon eher zu erwarten, dass Hong Sang-soo mit Nobody’s Daughter Haewon an seinen Figuren- und Motivkosmos anschließen würde und melancholische Heiterkeit versprüht. Oder dass es Bruno Dumont gelingen würde, die Starschauspielerin Juliette Binoche in sein materielles Kino der Laiendarsteller zu überführen, dass alsbald ihr Körper die Persona vergessen lässt. Ohnehin lohnt sich die Beschäftigung mit den Filmen, viel wird hoffentlich noch gesprochen werden über die Werke des Wettbewerbs, wenn sie weitere Kreise der Verbreitung erreichen. Vor allem Denis Côté ist es mit dem schwer kategorisierbaren Vic+Flo haben einen Bären gesehen (Vic et Flo ont vu un ours) zu wünschen, jenseits von Festivals für seine sehr eigene Stimme gewürdigt zu werden.

Pozitia copilului 01

Bei näherem Hinsehen entspricht der Berlinale-Wettbewerb 2013 einer recht konsequenten Fortschreibung des eingeschlagenen Kurswechsels hin zum Kino und weg vom Format. Zu den positiven Überraschungen zählte der Gewinner des Goldenen Bären, der rumänische Child's Pose (Pozitia copilului), der nicht nur dank seiner Hauptdarstellerin Luminiţa Gheorghiu zu einem der markanten Momente des Festivals wurde. Călin Peter Netzer hat zusammen mit Răzvan Rădulescu ein in jeder Hinsicht starkes Drehbuch verfasst, das dank der facettenreichen Figurenzeichnung – der dominanten, zerstörerischen, über alle Maßen liebenden Mutter und dem verwöhnten, abwesenden, widerspenstigen Sohn, der kaum ein Wort sagt – bis zum bitteren Ende mitreißt. Es ist ein sehr effektiv inszeniertes Drama, dessen Handkamera und ständige Nähe zu den Gesichtern den Konventionen des bereits seit über einem Jahrzehnt verbreiteten Sozialrealismus folgt, dabei aber beweist, dass diese Tradition beim richtigen Stoff ihre volle Berechtigung hat.

Harmony Lessons 01

Nicht unerwähnt bleiben sollte der stilistisch sehr viel ambitioniertere kasachische Harmony Lessons (Uroki Garmonii), der mittels eines Coming-of-Age-Plots zunächst davon ablenkt, dass er gleichzeitig sezierend und fantasievoll eine Milieu- und Gegenwartsstudie entwirft. Bei einigen Kollegen zu Unrecht als seicht verschrien, gehört Gloria des Chilenen Sebastián Lelio zu den unerwarteten Höhepunkten des gesamten Programms. Es ist ein mäanderndes Porträt einer Frau Ende 50, bei dem sich jeder Pfad einer klassischen Erweckungs- oder Verwandlungsstory als Sackgasse entpuppt. Die von Paulina García mit Inbrunst verkörperte Gloria muss uns als scheinbar greifbare Figur immer wieder entgleiten, um in einer Art versinnbildlichtem Fluss des Lebens in der eleganten Montage zu verschwinden. Wenn man am Ende glaubt, man habe sie verstanden, dann weil ihre Haltung zum Leben in wunderbarem Einklang mit dem Medium Kino steht, dessen fliehende Bilder sich uns einbrennen, ohne dass wir sie je fangen könnten.

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