Wie ein Gespräch um 2 Uhr morgens

Interview mit Alexander Payne zu Sideways

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Alexander Paynes Kino ist von selten gewordener Eigenständigkeit, seine Protagonisten sind faszinierende Mixturen aus lebensnahen Porträts und Freakshows. Während er die Figuren in seinen ersten beiden Filmen Citizen Ruth (1996) und Election (1999) noch immer wieder der Lächerlichkeit preisgab und ständig Mittel der Distanzierung einsetzte, ändert sich dies in About Schmidt (2002) und Sideways (2004) zunehmend. Die liebevolle Zeichnung von Durchschnitts- und Verlierertypen macht die Filme zwar konsumierbarer und bringt ihnen in der Typisierung verschiedener Charakteristika eine besondere Authentizität, doch sie wirken dadurch gleichzeitig enorm brav.
Alexander Paynes Sideways beginnt, wie schon sein Vorgänger About Schmidt, bei Tageseinbruch in einer amerikanischen Mittelklasse-Vorstadtsiedlung. Bereits diese Eingangssequenz unterstreicht mit ihrer Leichtigkeit, Musikalität und Rhythmisierung die handwerkliche Meisterschaft des Regisseurs.

critic.de: Was reizt Sie daran immer wieder durchschnittliche Menschen in das Zentrum Ihrer Filme zu setzen?
Alexander Payne: Vielleicht liegt es daran, dass ich sie in letzter Zeit im Kino vermisst habe. Im kommerziellen amerikanischen Film geht es so oft um unfassbar schöne Stars, die diese großen eigentlich unmöglichen Taten vollbringen. Mich interessiert Kino mehr, wenn es um das Leben geht, wenn es als Spiegel der menschlichen Erfahrung fungiert und nicht als falsche Projektion.

Fällt es Ihnen schwer die Filme zu machen, an denen Ihnen etwas liegt?
Es wird von mal zu mal einfacher. Die Finanzierung von Citizen Ruth war extrem schwer, Election brauchte auch eine ganze Weile, bei About Schmidt lief es schon ein bisschen besser, und bei diesem hier war es relativ einfach. Das liegt aber nur daran, dass es für diese Filme ein Publikum gibt und dass sie kein Geld verloren haben.

Lag es zuletzt am Erfolg von About Schmidt? Hat Jack Nicholson Ihnen geholfen?
Ich glaube das hat er. Ich bin vielleicht erst dabei mir dessen bewusst zu werden. Aber selbst wenn ich einen anderen Film ohne Jack Nicholson gemacht hätte, der einigen Erfolg gehabt hätte oder zumindest kein Geld verloren hätte, wäre das auch schon eine Hilfe gewesen.

Dieses Mal verzichten Sie auf Stars.
Für mich sind sie in der ersten Klasse, weil sie für diesen Film so perfekt sind. Mein Kriterium beim Casting ist immer: Kann ich es glauben? Ist es über das Filmische hinaus authentisch? Mit Sicherheit hat About Schmidt es mir ermöglicht diesen Film ohne Stars zu machen. Denn die Produzenten haben dann genug in mich vertraut um zu sagen: ‚wir setzen auf Dich, mach den Film den Du machen willst’. Außerdem ist der Film nach Hollywood-Verhältnissen sehr günstig, er hat nur knappe 16 Millionen gekostet.

Gibt es nach dem Filmemachen einen Augenblick an dem Sie beginnen zurück zu blicken und zu rationalisieren: Was habe ich daraus gelernt?
Ich unterrichte regelmäßig Filmstudenten. Dabei habe ich die Möglichkeit auszuformulieren, was ich beim Filmemachen gelernt habe. Das empfinde ich als sehr wertvoll. Denn es ist wie beim Schreiben, es zwingt einen das zu artikulieren, was einen beschäftigt.

Was haben Sie von Sideways gelernt?
Ich war dabei viel entspannter. Ich habe damit begonnen mich beim Filmemachen immer weniger aufzudrängen und den kreativen Menschen, die mit mir arbeiten, immer mehr zu vertrauen. Das Schönste an der Arbeit des Regisseurs ist es die richtigen Umstände zu schaffen, unter denen Dinge passieren können, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Das bezieht sich aber nicht nur auf die Schauspieler, sondern auch auf den Komponisten, den Cutter, den Bühnenbildner, den Kameramann, die Kostümbildner, einfach alle. Eigentlich ist die Rolle des Regisseurs wirklich nicht die eines Schaffenden, sondern die des Dirigenten, des Leitens der kreativen Energien.

In Ihren Filmen beeindruckt immer wieder das Set Design. Sie haben für alle Ihre Filme mit Jane Ann Stewart zusammen gearbeitet. Weiß sie genau was sie wollen?
Naja, ich weiß selber nicht was ich will. Eine Vorstellung habe ich natürlich schon, aber mir geht es darum zu Entdecken. Wir bauen ja keine Sets, wir finden sie. Aber natürlich haben wir eine gemeinsame Ästhetik, die wir über die Jahre entwickelt haben. Das ist eine fast schon dokumentarische Herangehensweise, die wir auf das fiktionale Filmemachen anwenden.

Ist dieser Blick verbunden mit einem gewissen Konzept, das Sie von Amerika haben?
Ich weiß nicht, ob mein Co-Schreiber Jim Taylor und ich eine spezifische Haltung gegenüber Amerika haben. Ich glaube es ist mehr eine spezielle Einstellung dem Leben gegenüber. Wenn wir plötzlich in Frankreich einen Film machen würden, glaube ich, hätten wir trotzdem dieselbe Sensibilität. Das spezifisch Amerikanische rührt daher, dass wir Amerikaner sind, dort leben und arbeiten und wir zeigen, was wir beobachten.

Wenn man Rückschau hält auf Ihre Filme, scheint es, als ob die Regie immer unsichtbarer würde.
Vielleicht liegt es daran, dass man beim Älterwerden versucht immer elegantere Formen des Fotografierens zu finden. Es ist wie das Erlernen einer Fremdsprache. Mir geht es mehr und mehr darum Film als eine Rhythmusübung und Zweitsprache zu verstehen. Wie beim Lernen einer Sprache denkt man Anfangs noch in seiner Muttersprache, übersetzt es im Gehirn und spricht es erst dann aus, hoffend dass die Grammatik stimmt. Da denkt man über seine Kunstfertigkeit nach. Man macht das wieder und wieder und eines Tages sitzt man um zwei Uhr morgens in einer Bar und spricht von etwas, was einem wichtig ist und plötzlich bemerkt man: ‚Für die letzten zehn Minuten habe ich ja direkt von meinen Gedanken geredet!’. Ich glaube Filmemachen ist genauso: Desto mehr Übung man hat, desto mehr vergisst man zu übersetzen und über den Akt nachzudenken. Es ist eine viel direktere und selbstbewusste Verbindung zwischen den eigenen Gedanken, dem Herzen und der Sprache in der man sich ausdrückt. Du kannst dann anfangen in erster Linie über Deine Gedanken nachzudenken, oder über das, was Du versuchst auszudrücken, anstatt über die Art und Weise in der Du es ausdrückst. Dessen bin ich mir sehr bewusst.

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