Der Augenblick der Transformation

Interview mit Gela Babluani zu 13 Tzameti

Der ursprünglich aus Georgien stammende Filmemacher Gela Babluani siedelte mit seiner Familie Mitte der neunziger Jahre nach Frankreich über, wo er auch seinen beeindruckenden Debütfilm 13 Tzameti drehte. Der Film handelt von einem jungen georgischen Immigranten, den ein gestohlener Briefumschlag in eine abgelegene Waldhütte verschlägt. Dort spielen gesellschaftliche Außenseiter für reiche alte Männer eine abgewandelte Form von Russischem Roulette. Obwohl 13 Tzameti erfolgreich auf zahlreichen internationalen Festivals lief, fand er ebenso wenig wie Babluanis zweiter Film L’Héritage einen deutschen Verleih. Mit dreijähriger Verspätung schafft es Babluanis Erstling jetzt doch noch auf heimische Leinwände. critic.de traf den Regisseur in Berlin zum Interview.


critic.de: Warum haben Sie den Film in Schwarzweiß gedreht ?
Gela Babluani: Durch das Fehlen der Farben bekommt man eine gewisse Distanz und kann sich mehr auf die Bilder, die Gesichter und die Geschichte konzentrieren. Gleichzeitig sollte der Film aber auch realistisch sein. Beim Casting versuchte ich herauszufinden, ob diese Welt und das Spiel wirklich existieren könnten. Bei bestimmten Gesichtern habe ich mir sofort gedacht: „Ja, der könnte Teil dieser Welt sein“. Das Casting war eine sehr wichtige Phase.

Wann und warum fiel die Entscheidung, die Hauptrolle mit Ihrem Bruder, George Babluani, zu besetzen ?
Für mich war das von Anfang an klar, aber weil er mein Bruder ist, habe ich es ihm erst im letzten Augenblick gesagt. Ich habe erst überlegt, ob mein Urteil vielleicht von meiner Zuneigung zu ihm getrübt wird und ob ich klar beurteilen kann, dass er der Richtige für die Rolle ist. Seine Figur unterscheidet sich sehr von den anderen. Er wirkt naiv, weil er nicht weiß, worauf er sich einlässt, und es sollte einen starken Kontrast geben zwischen ihm mit seinem engelsgleichen Gesicht und den anderen, die das Spiel organisieren und genau wissen, um was es geht. Er hat wirklich eine tolle Leistung vollbracht.

Wie sind Sie auf die Idee eines Spiels gekommen, in dem sich Menschen für Geld gegenseitig umbringen, wissend, dass nur einer der dreizehn Mitspieler überleben wird?
Ich fühle eine starke Verbindung zu meiner Vergangenheit und der dunklen Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Ich hatte von Anfang an die Idee, einen Film darüber zu machen, wie Menschen miteinander umgehen und wie unbewusst ihr Handeln ist. Als ich das Buch schrieb, fand ich langsam die Details dazu, schrieb darüber, wer dieser Junge ist und begann schließlich die ganze Geschichte um das Spiel herum zu organisieren.

Sehen Sie den Film als Metapher für eine Gesellschaft, in der Menschen nur Werkzeuge in einem großen Spiel sind?
Wenn der Film fertig ist, kann man viel einfacher sagen, was er bedeutet. Davor weiß man zwar, dass man ein bestimmtes Gefühl hat und etwas ausdrücken will, aber nicht warum. Bei all meinen Filmen habe ich mich auf meine Intuition verlassen, ohne genau erklären zu können, aus welchem Grund ich eine bestimmte Entscheidung getroffen habe. Ich wusste aber immer genau, wenn ich einen bestimmten Darsteller in meinem Film haben wollte.

Die Figur des Sébastien strahlt zu Beginn eine fast kindliche Unschuld aus, die er durch die Teilnahme an dem Spiel völlig zu verlieren scheint. Handelt 13 Tzameti auch vom Erwachsenwerden?
Ja. Ich glaube, wir verlieren alle unsere Unschuld und wissen nur nicht wann. Wenn wir an unsere Kindheit denken, fallen uns so viele großartige Sachen ein, aber wir wissen nicht, nach welchem Erlebnis wir unsere Unschuld verloren haben und sich unsere Sichtweise auf die Dinge geändert hat. Wir wissen nicht, wann wir uns transformieren.

Sie beginnen demnächst mit der Arbeit an ihrem amerikanischen Remake von 13 Tzameti. Wollen Sie bei diesem Film möglichst nah am Original bleiben oder etwas völlig Neues schaffen?
Ich sage Ihnen jetzt, dass ich einen völlig anderen Film machen werde und Sie können mir dann sagen, ob ich Recht hatte. Ich möchte nichts reproduzieren, deswegen habe ich auch das Drehbuch geändert. Und der Film soll sich auch visuell vom Original unterscheiden. Er wird in Farbe sein, also wird die Geschichte auch durch die Bilder umgeschrieben werden. Ich habe zwar das Ende und das Grundprinzip des Spiels so belassen, ansonsten möchte ich bei der Story aber so viel wie möglich verändern. Es wird neue Charaktere geben und neue Verbindungen zwischen ihnen.

Werden Sie sich auch explizit auf Amerika beziehen ?
Ja, das ist auch einer der Punkte. Obwohl ich 13 Tzametiin Frankreich gedreht habe, wollte ich mich aus einem ganz einfachen Grund nicht auf den französischen Alltag beziehen: Weil die in dem Film gezeigte Art der Kriminalität kein Bestandteil der französischen Kultur ist. In Amerika dagegen erleben die Menschen Kriminalität und Gewalt mehr in ihrem Alltag. Meine Geschichte kann überall passieren, aber in Amerika kann man das wirklich sehen und in der Luft riechen. Es ist ein sehr komplexes Land. Wenn man von einem Staat in den anderen fährt, sind die Leute völlig unterschiedlich. In Europa haben wir richtige Kultur, Kunst und Geschichte. In Amerika dagegen schreiben sie ihre Geschichte in der Gegenwart. Deswegen ist dieses Land auch so interessant.

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