Weekend

Liebe auf Zeit. An einem Wochenende kommt es zwischen zwei Männern zum Kampf der Lebensentwürfe.

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Russell (Tom Cullen) lebt zwischen den Welten. Als Schwuler hat er sich nur bei wenigen Freunden geoutet, Job und Freizeit verbringt er ausschließlich in einem heterosexuellen Umfeld. Nur die Sehnsucht nach körperlicher Nähe treibt ihn hin und wieder in die Szene-Clubs von Nottingham. Dort lernt er auch Glen (Chris New) kennen, der so ziemlich das genaue Gegenteil von ihm ist. Was es Russell an schwulem Selbstbewusstsein fehlt, hat sein One-Night-Stand vielleicht schon zu viel. Am nächsten Morgen liegt Glen mit einem Diktiergerät auf dem Bett, um seinem Gegenüber für ein Kunstprojekt intime Geständnisse zu entlocken.

So unterschiedlich die beiden Protagonisten in Andrew Haighs erstem Spielfilm auch sind, scheint doch bald der Weg für eine Liebesgeschichte geebnet zu sein. Damit diese sich entfalten kann, fehlt es aber Weekend schlichtweg an Zeit: Kaum hat sich Russell in Glen verliebt, offenbart dieser ihm, dass er in 24 Stunden nach Amerika aufbricht, und zwar für immer.

Weekend  5

Das Handlungsgerüst kennt man aus Richard Linklaters Filmen Before Sunrise (1995) und Before Sunset (2004): Zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich ineinander und versuchen ihre begrenzte Zeit so intensiv und wortreich wie möglich zu verbringen. Haigh ist seinem amerikanischen Kollegen und dessen entdramatisierter Inszenierung auch durchaus ähnlich. Etwa, wenn sich die Beziehung zwischen den beiden Männern immer wieder den Konventionen des Liebesfilms entzieht oder wenn sich der Film weigert, Russell einer Wandlung zu unterwerfen, die in einem melodramatischen Moment wie dem Outing vor den Eltern gipfeln könnte. In Weekend gibt es so ein Geständnis nur in Form eines seltsamen Rollenspiels.

Weekend  3

Andrew Haigh hat mit Greek Pete (2009) bereits einen bemerkenswerten Dokumentarfilm gedreht, der eigentlich nur bedingt einer war. Wie viel bei der tristen Geschichte eines Londoner Callboys inszeniert wurde, blieb für den Zuschauer letztlich im Unklaren. Mit seinem Vorgänger teilt Weekend den (pseudo-)dokumentarischen Blick und das Gespür für intime Situationen. Wie ein Voyeur taucht Haigh in den Mikrokosmos der Kurzzeitbeziehung ein, zeigt die zwei Männer, wie sie miteinander schlafen, durch die Stadt flanieren oder sich unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol emotional entblößen. Dabei werden viele kleine Kämpfe ausgefochten: Arbeiterklasse gegen Bürgertum, Bademeister gegen Künstler, Klemmschwester gegen Party Queen. Peinliche Momente bleiben stets elementarer Bestandteil dieses Zusammenseins.

Weekend  4

Oft werden schwule Liebesgeschichten im Kino möglichst universell erzählt, nicht zuletzt um ein heterosexuelles Publikum nicht zu verprellen. Auch Weekend ist mit seinen Reflexionen über die eigene Identität und den Mut, sich auf eine Liebe einzulassen, die nur verletzen kann, durchaus allgemeingültig. Und doch geht es ihm vor allem um spezifische Beobachtungen und eine politische Dimension. Haigh lässt etwa keinen Zweifel daran, dass Russell und Glen in einer ihnen feindlich gesinnten Welt leben. Egal ob es sich um heterosexuelle Arbeitskollegen handelt, die mit ihren Aufrissen prahlen, oder um Schüler, die in der U-Bahn Schwule nachäffen, der Film macht deutlich, dass sich Russell genau wegen dieser repressiven Atmosphäre nicht öffnen kann. Haigh zeigt diesen Druck von außen konsequent. Sogar in der emotionalsten Szene des Films wird der Austausch zärtlicher Gesten abfällig aus dem Off kommentiert.

Weekend  2

In einer Szene beschreibt Glen, wie sich Schwule in der Gesellschaft Heterosexueller verhalten: Sie schämen sich. Sie wissen, dass sie nur so lange akzeptiert werden, wie sie sich an die Regeln der heterosexuellen Welt halten und ihr Gegenüber mit Normabweichungen nicht vor den Kopf stoßen. Andrew Haigh versucht in seinem Film auf gelungene Weise das Universelle und das Andere zu verbinden. Er erzählt eine traurige Liebesgeschichte, in der die Figuren auch über die Vor- und Nachteile der Homo-Ehe diskutieren und sich vor der Kamera leidenschaftlich lieben. In dieser Hinsicht ist Weekend im besten Sinne ganz entschieden schwul. 

 

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