Populärmusik aus Vittula

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestellers von Mikael Niemi erzählt von der Freundschaft zwischen Matti und Niila, die mit Rock’n’roll gegen ihr engstirniges Umfeld rebellieren.

Populärmusik aus Vittula

Die Stadt Pajala liegt völlig abgeschieden in der nördlichsten Ecke Schwedens. Die Bewohner werden weder als richtige Schweden gesehen, noch als Einwohner des angrenzenden Finnlands und leben als Hybride zwischen zwei Nationen. Der schwedische Autor Mikael Niemi ist nicht nur in Pajalla geboren und aufgewachsen, sondern hat seinem Geburtsort auch mit dem internationalen Bestseller Populärmusik aus Vittula (Populärmusik från Vittula, 2000), der auch in Deutschland mit über 100000 verkauften Exemplaren durchaus ein Erfolg war, ein Denkmal gesetzt. Die in den sechziger und siebziger Jahren angesiedelte Geschichte erzählt von der innigen Freundschaft zweier Jungen im Stadtteil Vittula.

Wegen dem großen Erfolg des Buches ließ eine Verfilmung des Stoffes natürlich nicht lange auf sich warten. Die schwierige Aufgabe das Buch auf die Leinwand zu übertragen – das Buch galt angeblich durch seine episodische Konstruktion als unverfilmbar – wurde dem iranischstämmigen Regisseur Reza Bagher anvertraut, der schon mit Filmen wie Wings of Glass (Vingar av glas, 2000) und dem Familiendrama Capricciosa (2003) in Erscheinung getreten ist. Mit Populärmusik aus Vittula ist ihm mit der Unterstützung einiger hochkarätiger schwedischer und finnischer Darsteller wie Kati Outinen und Sten Ljunggren eine unterhaltsame Tragikomödie über das Erwachsenwerden auf dem Land gelungen, die durch ihre brauntonigen Bilder und eine ganz auf Retro getrimmte Ausstattung einem publikumswirksamen Trend der ästhetisierten Wiederbelebung von Vergangenheit folgt.

Populärmusik aus Vittula

Niila und Matti sind seit ihrer ersten Begegnung im Alter von sieben Jahren die engsten Freunde. Was sie vor allem verbindet, ist ihre Rolle als Außenseiter in der traditionsverbundenen und reaktionären Gemeinschaft der Bürger von Vittula. Von Mitschülern werden sie als Knapsu, also unmännlich und verweichlicht, beschimpft, weil sie nicht dem hiesigen männlichen Rollenbild entsprechen, das in seiner Archaik noch an Wikingerzeiten erinnert. Schließlich vertreibt man sich in Vittula die Zeit mit Beschäftigungen wie Fingerhakeln, Armdrücken und exzessivem Alkoholkonsum. Schon bald eröffnet sich ihnen jedoch durch eine geschenkte Platte die Welt des Rock’n’roll, die sie immer mehr in ihren Bann zieht.

Während in der ersten Hälfte des Films vor allem das lebhafte Treiben in Vittula porträtiert wird und dies zum Anlass genommen wird sämtliche Nebenfiguren als Vertreter regionaler Klischees zu etablieren, konzentriert sich Reza Bagher in der zweiten Hälfte vor allem auf seine Protagonisten in der Phase der Adoleszenz. Hier weicht nicht nur die anfänglich sehr elliptische und aus dem Off kommentierte Erzählung einer kontinuierlicheren und weitaus intensiveren Darstellung pubertärer Ängste und Sehnsüchte, sondern nähert sich inhaltlich auch immer mehr dem Wesentlichen, der Musik. Neben einer Coming-of-age-Geschichte mit den üblichen Eckpfeilern wie Drogen, Sex und Problemen mit den Eltern handelt Populärmusik aus Vittula insbesondere auch von einer Rebellion mit den Mitteln des Rock’n’roll.

Populärmusik aus Vittula

Gefühlvoll porträtiert Bagher die Krise einer ambivalenten Beziehung, die sich den gesamten Film über zwischen einer gewöhnlichen Jungenfreundschaft und einer versteckten Liebesbeziehung bewegt und daran scheitert, dass die Interessen der beiden Protagonisten immer schwerer zu vereinbaren sind. Besonders treffend wird dieser Konflikt veranschaulicht, als Matti die Band zunehmend wegen diverser Mädchenbekanntschaften vernachlässigt und sich Niila, für den sein bester Freund und die Musik die einzigen Höhepunkte in seinem Leben sind, davon gleich doppelt vor den Kopf gestoßen fühlt.

So konzentriert sich Populärmusik aus Vittula neben Freundschaft als zentralem Thema vor allem auch auf die Rolle von Rockmusik als Möglichkeit zur Rebellion. Ähnlich wie in Leander Haußmanns Sonnenallee (1999), der ebenfalls einen nostalgisch getrübten Blick auf eine eigentlich schwierige Jugend inmitten einer von der Außenwelt isolierten Gemeinschaft wirft, ist die Musik auch hier dazu da, sich vom verhassten Umfeld abzugrenzen und sich damit seine eigene kleine Utopie zu schaffen.

Kommentare


Martin Z.

Was der Titel verspricht, wird über weite Strecken außen vor gelassen. Vielmehr sieht man eine Mischung aus Ludwig Thomas Lausbubengeschichten und Fellinis Amarcord. Die Kindheit und Jugend von zwei Buben steht dabei im Mittelpunkt. In den einzelnen Episoden tummelt sich eine beachtliche Anzahl von äußerst skurrilen Typen. Neben dem Ekelhaften gibt’s auch einen Ausflug ins Horrorgenre und fernöstlich anmutende Flugversuche. Den Bayern wird einiges wie das Fingerhakeln und Armdrücken. sehr vertraut vorkommen. Und natürlich darf die Sauna nicht fehlen. Neben diesem ganzen Klamauk überraschen dann doch auch ernste Szenen. Gegen Ende zieht sich die Handlung etwas in die Länge und das Interesse flaut stark ab.






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