Théo und Hugo

Oliver Ducastel und Jacques Martineau eröffnen ihren neuen Film mit einer der vermutlich längsten Sexszenen der Filmgeschichte. Doch auch danach versucht das Regie-Duo mit seiner impulsiven Liebesgeschichte über zwei Fremde neue Wege zu beschreiten.

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Zum Auftakt seines neuen Films führt uns das französische Regie-Duo Olivier Ducastel und Jacques Martineau in ein rot schimmerndes Sündenbabel. Im Keller eines schwulen Pariser Sexclubs arbeitet sich die Kamera durch das enthemmte Treiben eines zuckenden Fleischknäuels. Zu billigem, unaufhaltsam hämmerndem Techno eröffnet sich ein Szenario aus angespannten Muskeln, steifen Schwänzen und offenen Mündern. Was dem Pornofilm in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen ist – die Unberechenbarkeit, wilde Leidenschaft und Utopie einer idealisierten Welt voller sexueller Möglichkeiten –, findet man nun ausgerechnet in einem Film, der mit diesem Genre nicht viel am Hut hat.

20 wahnwitzige Minuten

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Denn Théo und Hugo (Théo et Hugo dans le même bateau) belässt es nicht dabei, die reuelose Lust zu feiern, er gibt ihr auch ein Gesicht, nimmt sie sogar als Ausgangspunkt einer Liebesgeschichte. Langsam schält sich zwischen den kopulierenden Leibern der Lockenkopf Théo (Geoffrey Couët) heraus, der von dem abwesend wirkenden Hugo (François Nambot) wie verzaubert ist. Nach und nach kämpft er sich durch das Gewühl hindurch, nähert sich Hugos Gesicht und schnappt immer wieder zärtlich nach ihm, ohne dass man sicher sein kann, ob dieser es überhaupt bemerkt. Der Film zeigt diese Annäherung mit überraschendem Suspense. Und irgendwann finden sich die beiden dann, bringen die Liebe an einen Ort der ansonsten rein körperlichen Ausschweifung und ziehen anschließend weiter in die ungewisse Nacht.

Diese erste Szene aus Paris Théo und Hugo dauert tatsächlich 20 wahnwitzige Minuten. Von Ducastel und Martineau hätte man so ein Wagnis nicht erwartet. Eigentlich kennt man die beiden eher von Coming-Out-of-Age-Geschichten wie Felix (Drôle de Félix, 2000) und Meeresfrüchte (Crustacés et coquillages, 2004), die einen mit ihrem lebensbejahenden und sinnlichen Charme zwar durchaus für sich einnehmen, aber letztlich nur eine queere Version von gediegenem französischem Arthouse-Mainstream sind. Ihre Variante eines Kennenlern-Films mit zeitlich beschränktem Rahmen (siehe Before Sunrise (1995) und Weekend (2011)) überrascht nun mit ungewohnter erzählerischer Freiheit. Dabei nehmen sie auch ein Risiko in Kauf.

Schmerzhafte Ernüchterung

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Mit seiner Eröffnungsszene hat der Film nämlich sein größtes Ass bereits verspielt. Was ihn aber über weite Strecken rettet, ist, dass er sich dessen auch bewusst ist. Die spontane Sympathie, der Lusttaumel, das elektrisierende Gefühl, nicht zu wissen, wer der Andere ist; all das lässt sich im Nachhinein nicht mehr herstellen. Stattdessen folgt auf den Höhepunkt die schmerzhafte Ernüchterung: Théo hat Hugo ohne Kondom gefickt, und weil Hugo HIV-positiv ist (wenn auch unter der Nachweisgrenze), müssen die beiden mit diesem Schlamassel klarkommen. Mit einem Mal sind wir wieder in der nüchternen Wirklichkeit angekommen, sehen die beiden Männer in der Notaufnahme sitzen, ihre Erfahrungen austauschen und an ihren Zweifeln nagen. Wenn Paris 05:59 in diesen Momenten nichts weglässt, nicht einmal die medizinischen Ausführungen der verständnisvollen jungen Ärztin, entwickelt er nicht nur einen dokumentarischen, sondern auch einen pädagogischen Ehrgeiz.

Nachdem der ferne Traum einer Sexualität ohne Komplikationen von den Fakten der Post-Aids-Ära erdrückt wurde, müssen sich Théo und Hugo noch einmal neu kennenlernen; diesmal eher mental als körperlich. Sie erzählen voneinander, streiten und versöhnen sich wieder. Alles ist sehr französisch, ein bisschen manieriert, aber durch seine hoffnungslose Romantik irgendwie charmant. Manchmal schreddert der Film jedoch auch gefährlich nahe am Sozialkitsch entlang. Bei seinem nächtlichen Streifzug begegnet das Paar etwa einem syrischen Döner-Verkäufer und einer älteren Putzfrau. Man kann sich bildlich vorstellen, wie man in einer beliebigen Großstadt auf solche Menschen trifft, aber was Ducastel und Martineau damit bezwecken – ob sie beweisen möchten, dass die Nacht den sozialen Randfiguren gehört oder wie vergleichsweise klein die Probleme der Männer sind –, bleibt unklar.

In den besten Momenten wie ein Befreiungsschlag

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Doch gerade die Unentschlossenheit macht in anderen Szenen auch die Qualität des Films aus. Théo und Hugo wirkt wie ein Experiment. Nicht weil er formal besonders herausfordernd wäre, sondern weil er selbst nicht so genau weiß, wohin seine Reise führt. Und das Besondere an einem Experiment ist eben auch, dass es nicht gelingen muss, um interessant zu sein; dass es auch nerven oder scheitern, sich seine Unbestimmtheit aber auch lohnen kann. Klarer als der Plot ist hingegen die Haltung, die hinter dem Film steht. Die Regisseure bemühen sich erst gar nicht darum, eine möglichst universelle Geschichte zu erzählen, sondern setzen stattdessen auf eine explizit schwule Identität. Das geschieht durch die Darstellung von Sex, die Aids-Thematik, aber auch durch den Bruch mit der Reihenfolge heterosexueller Dating-Rituale – bei der dem Beischlaf meist ein Flirten und Kennenlernen vorausgeht, nicht umgekehrt. Schon allein wegen der ungewöhnlichen Dramaturgie seiner Liebesgeschichte fühlt sich Theo und Hugo in seinen besten Momenten wie ein Befreiungsschlag an.

Trailer zu „Théo und Hugo“


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