Mein liebster Alptraum

Gegensätze ziehen sich an – immer noch. Regisseurin Anne Fontaine spielt mit dem Reiz des Kontrastiven und punktet mit den lauten Tönen.

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Alles in der Welt ist Gegensatz, heißt es bei Heraklit. Dass sich Gegensätze jedoch nicht nur gegenüberstehen, sondern auch eine Einheit bilden, ist bei ihm ein konstitutives Merkmal. Mit diesem Prinzip weiß die Kulturgeschichte bis heute gut zu arbeiten, und spätestens seit Screwball-Erfolgen wie Leoparden küsst man nicht (Bringing up Baby, 1939) ist es auch dem Medium Film inhärent. Besonders die Komödie variiert die Idee immer wieder in allerlei Spielarten. Anne Fontaine, die sich zuletzt mit ihrem Porträt Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft (Coco avant Chanel, 2009) aus einer ganzen Reihe Chanel-Biografien hervorheben konnte, beruft sich ganz auf diesen Reiz des Gegensätzlichen. Mit Mein liebster Alptraum (Mon pire cauchemar, 2011) inszeniert sie eine Romantic Comedy à la française, in der sie auf renommierte Darsteller setzt, die durch ein vertracktes Beziehungsgeflecht manövriert werden.

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Bereits beim ersten Zusammentreffen gibt sich Fontaine alle Mühe, die Unterschiede der beiden Charaktere aufs Deutlichste herauszustellen. Die gebildete, aber unterkühlte Galeristin Agathe (Isabelle Huppert) und der trinkfreudige Nichtsnutz Patrick (Benoît Poelvoorde) hätten sich nach dem Elternsprechtag der Schule wohl nie mehr etwas zu sagen gehabt, hätten ihre Söhne nicht eine unzertrennliche Freundschaft geschlossen. Als Agathes Lebensgefährte François (André Dussolier) auch noch Sympathien für den Rüpel hegt, darf dieser beim Umbau der Wohnung als Handwerker aushelfen. Die ihm hilflos ausgelieferte Agathe ist zunächst genervt, kann sich jedoch bald nicht mehr erwehren.

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Von Anfang an betont die Regisseurin die Unterschiedlichkeit ihrer Figuren in denkbar vielen Formen. Die einzige zwischenmenschliche Ruhe in Mein liebster Alptraum geht von den beiden Söhnen der Querulanten aus. Während sich Huppert und Poelvoorde im primären Erzählstrang vor allem verbal bekriegen, muss François in seiner überstürzten Affäre mit der Angestellten Julie (Virginie Efira) jede Menge Überwindung aufbringen und zur Tat schreiten. Denn auch dort herrscht das Gesetz des Gegensätzlichen, und der ängstliche, von der Beziehung zu Agathe zusehends ernüchterte Mann muss sich durch einen Hochseilgarten hangeln. Nicht zuletzt unterscheidet auch er sich mit seiner liebenswerten Art grundlegend von Agathe.

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Fontaine scheut sich nicht, ihre Figuren in überspitzte Karikaturen abdriften zu lassen. Wenn Julie zu tibetanischen Klängen Hibiskustee kocht und Agathe ihre Mitarbeiter, arrogant durch die Hallen stolzierend, unangemessen oft angiftet, dann bewegt sich die Komödie im Bereich des ungenierten Klamauks. Dies ist nicht weiter schlimm, die Schwäche des Films liegt woanders: Die Regisseurin neigt ständig dazu, ihren Fokus zu verlieren und zu sehr auf ihre Hauptcharaktere zu vertrauen.

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Recht entschlossen wirkt das Drehbuch nicht, nach lautstarkem Getöse und Gezeter verliert der Film wieder für geraume Zeit an Geschwindigkeit. Die Beziehung zwischen François und Julie beispielsweise geht Fontaine deutlich leiser an. Wenn dann auch die Dialoge nicht immer sitzen und den nötigen Biss vermissen lassen, müssen die Zoten herhalten, die im Gegensatz zu US-Komödien wie Meine Braut, ihr Vater und ich (Meet the parents, 2000) glücklicherweise nie ganz uncharmant ausfallen. Szenen wie die Zerstörung der Badezimmerwand oder eine Peep-Show-Einlage in einer Waschanlage sind somit auch die stärksten Momente des Films, der sich erzählerisch immer mehr übernimmt. Allen voran tragen Huppert und Poelvoorde die Last der Handlung und versuchen bei einer Flut der Nebensächlichkeiten den Kopf über Wasser zu halten.

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Mit Benoît Poelvoorde scheint nicht nur jeder Film automatisch zur französisch-belgischen Koproduktion zu werden, auch fühlt man sich wohl stets genötigt, mit ihm ein kontrastives Bild der beiden Nationen bereitzustellen. Wie schon in Nichts zu verzollen (Rien à déclarer, 2010) ergibt sich daraus ein überzeichnetes, aber nicht unkomisches Gefälle. Und auch hier muss das kleine Nachbarland ordentlich einstecken. Während Dani Boons Poelvoorde-Figur etwas zu sehr zum rassistischen Schwachkopf stilisiert wird, sind Fontaines Belgier ein saufendes Proletariervolk, das sich in zwielichtigen Spelunken aufhält. Dass der gebürtige Belgier Poelvoorde damit zum wiederholten Male als Schablone für Nationalitätsklischees herhalten muss, scheint weder ihn noch Fontaine zu stören.

Mit der ungewohnten Szenerie, die sich der Französin in Belgien bietet, spielt Fontaine aber erneut ihre beste komödiantische Karte aus. Sobald die Charaktere in die vermeintliche Abgeschlossenheit des jeweils anderen Bereichs eingedrungen sind, gewinnt Mein liebster Alptraum an komischer Kraft. Wird die stereotype private Ordnung durch den Gegensatz erschüttert, funktionieren Komik und Charaktere am besten. Szenen außerhalb dieser Areale, wie Gespräche im Straßencafé, laufen ins Leere. Zwar müssen erst ganze Wände zu Bruch gehen, aber dabei machen Huppert und Poelvoorde einfach am meisten Spaß. Sei es nun Klischee oder nicht. 

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