Im Schatten

Thomas Arslans Im Schatten gleicht einem Röntgenbild des Gangsterfilms: Er blickt durch die Story hindurch und legt Strukturen frei.

Im Schatten

Arslan konstruiert Im Schatten mithilfe von Versatzstücken des Gangstergenres, mit dessen Codes für Charakteranlage, Konfliktkonstellation, Dramaturgie. Der korrupte Bulle als dramatische Figur, der Überfall als dramatisches Handlungselement, der Verrat als dramatischer Konflikt. Genrefilme zu machen bedeutet im einfachsten Sinne, diese Codes erkannt zu haben und sie in neuartiger Weise zu arrangieren: zum Beispiel die Figuren weniger in einem filmgeschichtlichen als einem wirklichkeitsnahen Kontext zu verorten (Hinführung des Genres zum Dokumentarischen, Eine fatale Entscheidung - Le petit lieutenant, Xavier Beauvois, 2005); den Überfall in noch nicht gesehener Weise zu inszenieren (Tendenz zum Actionfilm: The Italian Job, F. Gary Gray, 2003); oder die Konventionen für Konflikte und Figurenkonstellationen subversiv umzugestalten (Fluchtlinie Drama: The Departed, Martin Scorsese, 2006).

Im Schatten

Formale Grundstrukturen plus spezifische Inszenierung: Diese Rechnung definiert gewöhnlich die Attraktivität eines Genrefilms, die Möglichkeit, ihn sowohl als Vertreter einer Tradition als auch an und für sich wahrzunehmen. Das „Sich-zu-Hause-Fühlen“ des Zuschauers wird mit einer besonderen Zutat gekreuzt, die Erfahrung des Bekannten dadurch neuartig gemacht oder, im perfidesten Fall, ins Leere geführt. David Lynch setzt häufig auf diese Effekte.

Für Im Schatten verzichtet Thomas Arslan weitestgehend auf eine spezifische Aufladung der Codes, er übernimmt sie gewissermaßen nackt und stellt damit ihre Funktionalität aus. Dieser Einsatz erinnert an Jean-Pierre Melville, doch Arslan ist in seiner Reduktion noch strenger. Wobei Melville bekanntlich schon Wiederkäuer war, er verpflanzte den amerikanischen Gangsterfilm der 30er, 40er und 50er nach Frankreich, schüttelte dabei unnötige Überformungen und redundante Motive ab. Er adaptierte Strukturen, die unabhängig von einem nationalen oder zeitgeschichtlichen Kontext anwendbar sind. So arbeiten mehrere Generationen von Filmemachern, in verschiedenen Ländern, an der Erhaltung und Analyse von Strukturen und Traditionslinien.

Im Schatten

Die Ausgangssituation der Geschichte von Im Schatten verweist schon auf diese Orientierung. Trojan (Mišel Matičević) ist seit kurzem aus dem Knast. Er geht zu einem ehemaligen Komplizen (Peter Kurth), dessen Namen nicht zu verraten diesen vor einer ähnlichen Strafe bewahrt hat. Der ist nicht froh, den Mitwisser wiederzusehen, er schuldet ihm auch noch einen Anteil. Man misstraut sich. Also nimmt Trojan „alles mit, was er zu Hause hat“ (was eine Waffe beinhaltet) und macht sich auf den Weg. Die Situation entspricht exakt der Einführung Alain Delons in Melvilles Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, 1970). Dieser wiederum war eine Hommage an John Hustons Asphalt-Dschungel (The Asphalt Jungle, 1950).

Das Spannende der Fluchtlinie Huston – Melville – Arslan ist die Dimension der Reduktion. Arslans Genrekino stellt das hochkonzentrierte Destillat des Gangsterfilmes dar. Er verzichtet auf eine feste Fundierung seiner Charaktere in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext, ebenso wie er sich tiefe psychologische Ausdeutungen verbietet. Die Figuren gehorchen nicht den Gesetzmäßigkeiten der Psyche, sondern denen des Genrecodes. Sie sind Funktionen der Filmform.

Im Schatten

Wobei diese Bestimmung zu kurz greift: Arslan situiert seine Figuren sehr genau in einem städtischen, in diesem Fall Berliner Kontext. Dem Ortskundigen fällt die durchdachte Wahl der Locations schnell auf: Der zu Reichtum gelangte Gangster residiert an der Friedrichstraße, der korrupte Polizist (Uwe Bohm) wickelt Geschäfte mit Dealern am Kottbusser Tor in Kreuzberg ab, der Techniker und Fahrer (Rainer Bock) hat seine Autowerkstatt im Industriegebiet Schönebergs. Doch ist dieses Wissen ein Bonus, das der Rezeption von Im Schatten eine weitere Komplexitätsebene verleiht, ohne jedoch handlungstragende Funktionen zu übernehmen.

Im Schatten ist wesentlich ein visueller Film, kein sprachlicher. Dialoge verhandeln selten bis nie die emotionale Situation der Gesprächspartner, stattdessen organisieren sie deren Handlungen. Handlung kann gefilmt werden als Bewegung, Positionsveränderung im Raum, als konstruierte Szenenfolge. Arslans visuell ungemein präzise Inszenierung ist bewundernswert. Er entwickelt seine Erzählung aus einer rein visuellen Mechanik. Räumliche Konstellationen werden durch klar bestimmte Blickachsen aufgebaut, Verfolgungen mit dem Auto wie bei Hitchcock zu ruhig montierten Schussfolgen, alternierend zwischen Aufnahmen des beobachtenden Verfolgers und des beobachteten Autos.

Im Schatten

Überhaupt Autofahrten: Wie schon in Dealer (1998) zeigt Arslan seinen Protagonisten immer wieder alleine in scheinbar von der restlichen Handlung abgelösten Szenen. Doch während diese zuvor noch leicht aufgepfropft wirkten, sind die einsamen Autofahrten Trojans quasi am Rande der Geschichte angesiedelt, sind genuine Zwischen-Räume, „nutzlos“ zwar für die Handlung, aber nicht außerhalb der entworfenen Welt. Gerade in ihrer Funktionslosigkeit im Kontrast zur ansonsten hyperfunktionalen Inszenierung bilden sie eine Art kontrapunktisches Leitmotiv, das hinausdeutet aus dem Genre, wie ein Metrum den gesamten Film rhythmisiert und damit gleichzeitig relativiert. Die Autofahrten sind ästhetische Bilder, alle anderen funktionale.

Alles zusammen genommen ist Arslans neuester Film nichts weniger als eine beeindruckende Lehrstunde in filmischer Inszenierung. Seine nackte Ausstellung der Genrecodes, bis auf ihre Essenz entschlackt, lässt den Zuschauer erkennen, dass Filmbilder durch Konventionalisierung sprachlichen Zeichenstrukturen sehr, sehr nahe kommen können. Man schaut Im Schatten daher unfassbar bewusst, ist weniger „in der Story“, weil diese ja quasi nicht existiert, als, wörtlich, „im Film“.

Trailer zu „Im Schatten“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Günter Hertel

Nun ja, man kann ja jeden Film schön-
reden - aber in diesem Fall waren es
1,5 Stunden absolute Langweile. Öder und
dröger geht´s kaum noch. Einfach: schlecht!!!!! (Ausser mir war sonst niemand im Kino - sagt auch etwas über die Güte des Films aus)


nichtWichtig

Man freut sich auf das Ende des Filmes. Habe noch nie so einen langweiligen Film gesehen!


John Doe

Die obige Kritik trifft auch das Kernproblem des Films. Er ist ein Spiel mit filmischen Stukturen bzw. der absoluten Reduktion eines Films auf diese Strukturen. Genau das ist aber das Problem, da der Film hierdurch mehr wie die Semesterarbeit eines Filmstudenten wirkt, der zwar das Handbuch "Filmemachen" schön auswendig kann, aber die Seele eines guten Films nicht hinkriegt. Das macht den Film für den Zuschauer (für den ein Film ja schlussendlich sein soll) ziemlich uninteressant und langweilig. Zudem sind die Nebendarsteller (z.B. der Sicherheitsmann) ziemlich grenzwertig, was die Dialoge angeht und die Leistung angeht. Die visuelle Darstellung des Films und die Kamera sind jedoch sehr gut (auch wenn das Filmformat glaub 16:9 war was wohl der angepeilten Verwertung im Fernsehen geschuldet ist)


Christof G.

Begeisterung beim Publikum nach der Premiere des Films in Münster. In nur 21 Drehtagen inszenierte Thomas Arslan eine beeinduckende Genre- Remeniszens, reduziert auf das Allernötigste mit beeindruckend souveränen Darstellern und mit Anleihen an Melville, "French
Connection" und Co., klasse, unbedingt sehenswert!


panther

bester film der Berlinale 2010!
man sieht anders nach diesem Film.
große Empfehlung


Dziga

"für den Zuschauer" (s.o.): das ist dummerweise das Problem mit dem deutschen Kino. Es gibt, gegen alle Widerstände der Institutionen, doch immer mal wieder gute Filme (und "Im Schatten" gehört unbedingt dazu), leider sind die "guten Zuschauer" in Deutschland ausgestorben. Deshalb der andere Scheiß.


Falx

Brillant und ohne Schnörkel. Anders als in so vielen Filmen (und in deren Kritiken), wo Qualität von Unterhaltung nur noch an Häufigkeit und Aufwand technischer Effekte gemessen wird. Gerade die (äußerliche) Emotionslosigkeit der Protagonisten und die ruhigen "Zwischenspiele" machen die Darstellung realisitsch und hart.

In dieser Welt verliert immer der, der sich Emotionen oder menschliche und materielle Bindungen (und damit Schwäche) leistet.


Volo

Gestern "Im Schatten" erstmals auf 3SAT gesehen. Bin begeistert, wie straight und schnörkellos die Geschichte erzählt wird, wie gekonnt die einzelnen Figuren auf ihren Basischarakter reduziert werden ... da war absolut nichts langweiliges. Nach allem Action-Schmock, den man viel zu oft serviert bekommt, ist dieser Film eine Wohltat für Auge und Kopf, weil er die Action so normal darstellt, wie sie ist.


Hugo Santer

Das war gestern in 3Sat wieder mal ein klassischer Gangsterfilm.
Man sah die Geschichte durch die Augen des Hauptdarstellers,man war immer auf der Lauer,
was als nächstes passiert.Gerade durch die karge,ruhige Inszenierung hatte man das Gefühl mitten im Film zu sein.
Regie & Besetzung waren hervorragend.
Für mich endlich mal wieder ein filmisches Juwel im Deutschen Kino


Steffen

Dank an Thomas Arslan und die Schauspieler + Team !
Klasse Film. Auf den großen Schnickschnack verzichtet, kompromisslos rübergekommen, spannend bis schockierend geblieben. Bewegt mich immer noch.


Sebastian

In einigen Kommentaren spiegelt sich das aktuelle Kinoprogramm sehr gut wider.
Wer diesem Film das Attribut langweilig zuschreibt, ist, bedauerlicherweise, nur noch das Material gewöhnt, welches im Fernsehn oder Kino gezeigt wird.
Dieser Film ist nicht massenkompatibel und erhebt auch nicht den Anspruch danach.
Der Vergleich zum aktuellen Programm kann definitiv nicht gezogen werden. Dies ist ein fataler Fehler!
Der Film eignet sich hervorragend für eine Gesellschaftskritik. Allerdings führe dies an dieser Stelle zu weit.
Schlussendlich wiederhole ich mich und mache darauf aufmerksam, dass der Film nicht mit denen aus dem Kino oder Fernsehn verglichen werden kann.


Ulle

- Im Schatten -ist für mich herausragend und zeigt, was möglich ist im Genre "Krimi". Die Darsteller überzeugen ebenso ohne jeden Abstrich. Uwe Bohm ist für mich das Juwel im Film. Derart kalt, gleichzeitig verzweifelt, nihilistisch und abgewichst ( sorry, aber einen anderen Ausdruck gibts nicht dafür) habe ich in den letzten 20 Jahren keine Filmfigur gesehen. Das letzte Mal evtl. Gary Oldman in "Romeo is bleeding".

Tomas Arslan sollte übrigens mehr filmen und weniger unterrichten ;-)


dario d

überragend. die leute die diesen film als langweilig bezeichnen...was will man über sie sagen? kann mir jemand ähliche filme vorschlagen, aber deutschsprachige?

(revanche von götz spielmann fand ich auch sehr gut
gruß


Frédéric

Dario, nicht ganz leicht zu sagen, denn "Im Schatten" scheint mir recht einzigartig. Kennst Du die anderen in Richtung Genre tendierenden Filme der "sogenannten" Berliner Schule, zum Beispiel "Der Räuber"?
http://www.critic.de/film/der-raeuber-2044/
Oder von Christoph Hochhäusler "Falscher Bekenner"?
http://www.critic.de/film/falscher-bekenner-521/
Und die "Dreileben"-Trilogie?
http://www.critic.de/film/dreileben-etwas-besseres-als-den-tod-2554/
http://www.critic.de/film/dreileben-komm-mir-nicht-nach-2555/
http://www.critic.de/film/dreileben-eine-minute-dunkel-2556/
(für mich ist der Teil von Dominik Graf am aufregendsten)
Graf ist natürlich ein komplett anderer Genrefilmer als Arslan, aber vielleicht gefällt Dir ja auch das Pralle ein wenig. Beginnen könntest Du mit "Hotte im Paradies":
http://www.critic.de/film/hotte-im-paradies-2366/






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.