Dreileben - Eine Minute Dunkel

Auf der Suche nach dem Mörder, der im Wald nach Mutti sucht: Dreileben - Eine Minute Dunkel von Christoph Hochhäusler.

In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit Bäumen.
Elias Canetti

Eine Minute Dunkel 01

Wenn ich an Deutschland denk ... dann denke ich an Wälder. Im uralten Gehölz schlugen sich wackere Germanen in die Geschichte, zwischen Ast- und Laubwerk vagabundierten die Grimm’schen Königssöhne und Prinzessinnen, im strengen Raster des Forstes pflanzte sich der preußische Geist selbst in die Natur. Die Romantiker zitterten in verwachsener Düsternis, die Nazis bauten Panoramastraßen durch den Hort der deutschen Seele. Wohin also legt man einen imaginären Ort „irgendwo in Deutschland“, der möglichst überall sein kann, von wo spricht man am tiefsten zu dem Volke vor dem Fernseher? Dreileben, jene Traumstadt Dominik Grafs, Christian Petzolds und Christoph Hochhäuslers, liegt natürlich mitten im Thüringer Wald und ist als Handlungsort quasi in eine altehrwürdige Traditionslinie deutscher Kulturgeschichte eingereiht.

Und der entflohene Mörder Molesch (Stefan Kurt), den Hochhäusler in seinem Dreileben-Beitrag Eine Minute Dunkel durch die Nadelwälder irren lässt, ist in guter Gesellschaft beim Freischütz und dem Räuber Hotzenplotz. Seine Geschichte ist das Metrum der Welt von Dreileben, narrative Handlungsmotivation bei Graf, zeitlicher Hintergrund bei Petzold. Auf die Suche nach ihm macht sich Kommissar Marcus Kreil (Eberhard Kirchberg), und zwischen beiden Handlungssträngen bewegt sich Eine Minute Dunkel.

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Die Plotlinie um den Verbrecher will dem Aufwallen des Wahnsinns auf die Schliche kommen, kippt dabei aber von einem starken Beginn mehr und mehr in einen reichlich kruden Psycho-Naturalismus. Während Molesch am Bett der toten Mutter im Krankenhaus betet, öffnet ein junger Bursche – der Zivi Johannes (Jacob Matschenz) aus Petzolds Etwas Besseres als den Tod – eine in die Wand eingelassene Tür im Trauerzimmer des Krankenhauses. Die Polizisten auf dem Gang ahnen  nichts, als Molesch fast traumwandlerisch von Zufall zu Zufall getragen wird. Ihm widerfährt die Flucht eher, als dass er aktiv flüchtet. Irgendwann jedoch ist er im Wald, und über die Tage verwahrlost er zusehends, klaut Rentnergrüppchen Picknickbrötchen, ergeht sich vor dunklen Nadelbäumen in wirren Selbstgesprächen mit der Mutti (Mutter Natur? Mutter Deutschland?), wird in Hexenhöhlen von schaurigem Nebel umschlossen und begegnet einem dunklen Zwilling.

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Bei keinem Film des Dreiteilers ist dabei der Bezug zum Irrationalen, Bedrohlich-Weihevollen der Natur stärker als in Eine Minute Dunkel. Viel mehr noch als seine Kollegen inszeniert Hochhäusler Atmosphären, viel stärker betont er Valenzen und Stimmungen gegenüber der exakten Komposition. Während die Kamera bei Petzold eingesetzt wird wie ein Präzisionswerkzeug und bei Graf einfach nur wie Werkzeug, erscheint sie bei Hochhäusler als Katalysator für Staunen und Erschrecken. Reinhold Vorschneider fotografiert den Wald ganz anders als im Vorjahr Benjamin Heisenbergs Räuber, zu dem Eine Minute Dunkel in vielerlei Beziehung wie ein wirrer Bruder auftritt. Mal wanken die Baumwipfel durchs Bild, dann schnüffelt die Kamera über den moosigen Grund, findet Käfer und Kröten. Man denkt an Terrence Malick Badlands (1973) und Charles Laughtons Die Nacht des Jägers (Night of the Hunter, 1955).

Gestützt wird das Ganze von einem starken Elektrosoundtrack, der mal mit sakralem Brummen die Naturerfahrung akzentuiert, später in fiesem Fiepen und Ächzen den allmählichen Gehörverlust des Kommissars vertont. Dessen Geschichte zeichnet Hochhäusler als Porträt eines ungewöhnlichen Besessenen. Ohne Häme wird hier der Spießbürger porträtiert, der sich in seinem Pflichtbewusstsein aufopfert, der den Heimatsender hört und der mit Schweiß auf der Halbglatze und schwer atmend einem Justizirrtum auf die Schliche kommt.

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Eine Minute Dunkel ist ein disparater Film, der sich nicht entscheiden kann zwischen atmosphärischer Andeutung, ungewöhnlicher Charakterstudie und zwanghafter Assoziationserweckung. Hochhäusler will seinen Film ganz eindeutig in die Kulturgeschichte einschreiben: Dafür lässt er Jogger Wagner hören, Touristengruppen dunklen Kapiteln der Hexenverfolgung lauschen; Wandersleut’ reden über Burgen und Barbarossa, nebenbei wird amerikanisches Serienkillerkino zitiert.

Vielleicht will Dreileben dem deutschen Heimatfilm ein neues, komplexes und zerklüftetes Gewand verleihen, nicht das der Legende, sondern des Kosmos, mit Hochhäuslers Film im mythischen Zentrum. Dabei ist „Heimatfilm“ in dem Sinne gemeint, in dem Twin Peaks (David Lynch, 1990-1991) als Annäherung an ein amerikanisches „Heimat“-Konzept gelesen werden kann. Der Begriff „Heimat“ soll zurückerobert und wieder produktiv-kritisch eingesetzt werden, sowohl nationalistisch-militanter Kampfrhetorik als auch spießbürgerlichen Rückzugssehnsüchten entzogen: nicht länger ein (ver-) einigendes Konzept, sondern höchstens Summe von Differenzen.

Trailer zu „Dreileben - Eine Minute Dunkel“


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Kommentare


Michael Kolla

Interessanter Start, flacher zweiter Teil, danach gleitet das ganze in ein verkrampftes, unlogisches Psycho-Chaos ab, das einfach nur noch langweilt. So stellt sich Klein-Fritzchen Psychologie vor. Schade, die Schauspieler waren gut.






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