Hotte im Paradies

„Det is det Ludenleben!“ Dominik Graf sucht nach Menschlichkeit, wo sie nicht zu erwarten ist, und bewahrt dabei die Balance zwischen Nähe und Distanz.

Hotte im Paradies

„Du nippelst ma nisch ab, wa? Versprochen?“ Rosas (Birge Schade) „Versprochen?“ klingt eher wie eine Aufforderung als eine Frage. „Versprochen!“ Sie hat Angst um Hotte (Misel Maticevic), der gerade mit drei Einschüssen in einem Krankenwagen abtransportiert wird. Hotte, der ihr Mann ist. Hotte, der ihr Zuhälter ist. Hotte, der noch gar nicht so lange dabei ist im Berliner Ludenmilieu – und trotzdem schon weiß, wie tief man hier von einer auf die andere Nacht fallen kann. Auch wenn man versucht, immer ganz oben zu schwimmen, wie der Korken auf dem sprudelnden Champagner. Wie im Paradies eben. „Du sach ma, hat meene Uhr wat abjekriegt?“ Rosa sieht auf die goldene Rolex am Arm ihres Mannes. Sein Schmuck, ihr Verdienst. Sie lächelt: „Nee, sie tickt. Sie tickt.“

Dominik Grafs Hotte im Paradies, das zeigt bereits diese erste Szene, ist ein Film, der im Milieu der Zuhälter und Nutten, der Spieler und Gangster, der Junkies und Loser, nach Momenten der Menschlichkeit sucht. Nach Momenten, in denen die ganz Großen ganz klein sind, die ganz Harten ganz weich. Graf begegnet seinen Figuren in diesen Augenblicken stets mit viel Zärtlichkeit und Empathie, bleibt dabei jedoch immer ein Beobachtender, der zwar aus dem Inneren des Milieus nach Außen berichtet, aber eben nicht selbst im Schlamassel steckt. Diese „distanzierte Nähe“ ist es, die es ihm ermöglicht, eine durchaus ironische Haltung zu dem harten und kriminellen Milieu einzunehmen und somit dessen inneren Wahrheiten und Gesetzen besonders nahe zu kommen. Seine eigenen, dokumentarisch anmutenden Beobachtungen werden dabei stets von der Erzählstimme des Films, die Stimme des unablässig berlinerisch schnoddernden Hotte, kommentiert: durch kleine Weisheiten und große Dummheiten.

Hotte im Paradies

Die erste Hälfte des Films zeigt, wie Hotte die Neue in seinem Stall, Jenny (Nadeshda Brennicke) in seine Welt und ihre Spielregeln einführt: „Du, Leben is schön und teuer, und wenn nich so teuer, och nich so schön!“ Er lässt sie neben seiner Frau Rosa und „seinem“ dritten Mädchen, Yvonne, bei sich einziehen. Eine Konstellation, die noch verwegener scheint als jede ménage à trois der Nouvelle Vague, aber Dominik Graf und sein Drehbuchautor Rolf Basedow gelingt es, in leisen Zwischentönen jene Strukturen offenzulegen, die an eine ganz gewöhnliche bürgerliche Familie erinnern: mit einem Vater, der den Ton angibt, einer Frau, die sich an die Regeln hält und halb aus Liebe, halb aus Masochismus mitspielt, einer Tochter, die aus dem Wahnsinn ausbrechen will, und einer neuen Geliebten, die alles noch mehr in Unordnung bringen wird. Zugleich aber arbeitet Hotte im Paradies sehr genau die gegenseitigen ökonomischen Abhängigkeiten aller „Familienmitglieder“ heraus – Hotte gewährt den Mädels Schutz und Obdach, ist aber auf Gedeih und Verberb auf ihren Verdienst angewiesen: Als Yvonne von konkurrierenden russischen Zuhältern „gestohlen“ wird, gerät er schnell in finanzielle Bedrängnis.

Ein Restaurant am Westberliner Savignyplatz, wo sich halbseidene Geschäftsmänner und ordentliche Familienväter die Klinke in die Hand geben, ist einer jener Orte, in denen sich die Luden- und die Bürgerwelt für Augenblicke ineinander spiegeln. „Die sind auch alle käuflich!“, sagt Hotte zu Elvira (Isabell Gerschke), die er als Yvonnes Nachfolgerin anwerben will, und in diesem Moment darf sich der Zuschauer direkt angesprochen fühlen. Ansonsten verlässt Hotte im Paradies die Welt der Zuhälter und der Prostituierten kaum: Die Spielorte sind Spelunken und Nachtclubs, Tanzbars und Puffs, der Strich und Sadomaso-Keller. Eine Unterwelt, die mal mehr, mal weniger glitzert, nach muffigem Plüsch und süßem Parfum riecht, nach „Hausmarke“ und nackter Haut schmeckt, in der Kerle geohrfeigt, verprügelt und angeschossen, Mädchen und Frauen verdroschen und bis zur Schmerzgrenze gedemütigt werden.

Hotte im Paradies

Das Milieu wird in diesem Film dank der vielen Originalschauplätze und der schnodderigen Sprache der zahlreichen Laiendarsteller, der Talmi-Accessoires und der rauen Mengen an Koks und pinken Pillen nahezu physisch erfahrbar. Auch die pastellfarbenen DV-Bilder, die man in Rosé und Apricot erinnert, transportieren den Atem der Halbwelt. Rückblickend scheint Hotte fast wie eine erste Skizze des Duos Graf/Badedow für ihren Anfang dieses Jahres ausgestrahlten TV-Mehrteiler Im Angesicht des Verbrechens (2010), der ähnlich intensive Einblicke in das russische Mafiamilieu der Hauptstadt gibt. Auch wird mit jener „distanzierten Nähe“ operiert, die aus dem Inneren des Milieus nach Außen berichtet.

Hotte im Paradies

Doch ist Hotte im Paradies nicht nur eine Milieustudie mit „dokumentarischem Charakter“, wie so oft über den Film geschrieben wurde. Bei dem großen Cinephilen Dominik Graf schimmert stets auch eine Beschäftigung mit seinen Vorbildern durch und ein Liebäugeln mit der Cheapness des B-Movies, in dessen Saftigkeit und Direktheit Graf offenbar eine filmische Entsprechung des B-Milieus sieht, von dem er erzählen will. Dabei ist er jedoch stets auf der Hut, seine Figuren nicht zu Klischees verkommen zu lassen, sondern sie ausführlich zu charakterisieren und sensibel durch ihren Unterweltsalltag zu schiffen. Hotte im Paradies, Dominik Graf in seinem Element.


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