Confessions II – The Film – Kritik
Song-Snippets, Schnitt-Stakkato und ein Ritt vom Garten Eden in die 80er-Jahre-Disco: Confessions II – The Film verdichtet auf 14 Minuten nicht nur Madonnas neues Album, sondern ihre gesamte Karriere – und wirkt wie ein letztes Aufbäumen des Musikvideos als Kunstform.

An Selbstbewusstsein hat es Madonna nie gemangelt. Einen etwa zehnminütigen Album-Sampler mit ein- bis zweiminütigen Song-Snippets Confessions II – The Film zu nennen und zur Premiere beim Tribeca Film Festival einzureichen, zeugt von einem nicht nachlassenden Schneid – den der Popstar im Laufe seiner Karriere allerdings bitter nötig hatte.
Denn auch wenn es ihr Status als vielleicht größte Pop-Ikone aller Zeiten anders vermuten lässt: Madonna-Fan zu sein war nie einfach. Ich habe seit meinen Fan-Anfängen Ende der 1980er nur zwei Perioden erlebt, wo sie sowohl künstlerisch als auch kommerziell ziemlich unumstritten war: Ende der 1990er mit Ray of Light und Music und dann 2006 mit Confessions on a Dancefloor. Der Rest der Zeit: Kritik, Anfeindungen, Häme, mit „Schlampe“ und „Grandonna“ als den noch harmloseren Kosenamen. Für uns Fans war also die Schimpforgie, mit der Madonna in den vergangenen Jahre bedacht wurde, eher business as usual, die latent positive Tinte zu ihrem aktuellen Comeback nimmt man aber gerne mit. Das neue Album Confessions II soll, so der allgemeine Tenor, nämlich nach längerer kommerzieller Durststrecke an alte Großtaten anknüpfen. Der Film dazu liefert einen Vorgeschmack.
Mit der lebenspendenden Urmutter durch die Jahrzehnte

Zu Beginn spüren vermummte Superfrauen in Strapsen mit Riesenkameras Madonna auf und begleiten sie bei ihrem Abenteuer durch einen esoterisch anmutenden Garten Eden. Weibliche Tänzer feuern grüne Laserstrahlen aus dem Schoß ab, dazu ertönt Good for the Soul. Madonna als lebenspendende Urmutter mit Reminiszenz an das Bedtime Story-Video aus 1995 in einer Art gender-utopischem Bertrand-Mandico-Remix. Weiter geht’s – zu Sounds von One Step Away und in First-Person-Shooter-Perspektive – auf eine wilde Autofahrt wie in Guy Ritchies Video zu What it Feels Like for a Girl (2001) bevor die Bühne frei gemacht wird für die erste Single des Albums: Bring Your Love, mit Sabrina Carpenter als Madonnas Wiedergängerin und Julia Garner im Open Your Heart-Korsett. Es folgt das pièce de resistance, die Beschwörung der New Yorker Danceteria mit dem gleichnamigen Song, in der mit der ersten Madonna-Single Everybody alles seinen Anfang nahm und wo Kate Moss, Honey Dijon, Debie Mazar, Gwendoline Christie, Odessa A’zion, Benedict Cumberbatch und viele andere zum Tanz und schwulen Klappensex bitten. Anschließend darf Madonna mit Read My Lips einem ihrer seit La Isla Bonita obligatorischen Latino-Exkurse folgen bevor Tochter Lourdes mit einem trockenen „Cut, Bitch“ die Party beendet.
Madonna hat wie kein anderer Künstler die Kunstform des Musikvideos geprägt und hat bis heute die größte Dichte an Meisterwerken in diesem Genre zu bieten. Bis zuletzt konnte sie dem Format neue Impulse verleihen, siehe etwa das Video zu God Control aus 2019. Es ist daher ironisch, dass sie es mit Confessions II – The Film gewissermaßen zu Grabe trägt, zumindest in seiner konventionellen Form. Der von TORSO (David Toro & Solomon Chase) inszenierte Kurzfilm wirkt wie die Antithese der einst großformatigen, sehr filmischen Werke, die den Songs, die sie repräsentierten, zur größtmöglichen Wirkung verhelfen sollten. Es wurde oft beinahe episch erzählt, Schnitt, Kamera und Musik sorgfältig zur größtmöglichen Einheit verengt um jedem Song-Beat zur maximalen Kraft zu verhelfen.
Sounds, Beats und entfesselte Euphorie

Confessions II – The Film beginnt noch etwas leise im Halbdunkel und mit gemächlich geflüsterten Dancefloor come-ons, lässt aber alsbald die sprichwörtliche Bombe platzen. Es folgt ein atemloses, hyperaktives, selbstreferentielles Schnittstakkato. Die Kamera ist permanent in Bewegung, aber selten lange genug um ein einzelnes Bild als Solches festzuhalten. Kaum ist ein Song angespielt und eingegroovt, wird schon auf den nächsten Schauplatz und Sound gewechselt, es findet eine Art expansiver Verdichtung statt, welche die Zeile „time goes by, so slowly“ aus Hung Up (2005) Lügen straft.
Der Film ist ein Rundumschlag und ein Streifzug durch Madonnas gesamte Karriere, mit bewusst konstanter Reizüberflutung und ohne jegliche Nostalgie. Nicht die Songstrukturen stehen im Vordergrund, sondern Sounds, Beats und die euphorischen, hedonistischen Gefühle, die sie wecken. So ist die Struktur des Films weniger kohärent und kongruent, sondern vielmehr assoziativ und gezielt unkontrolliert, was durch den Schnitt zusätzlich unterstützt wird, der sich von Sensation zu Sensation hangelt.
Auch wenn Confessions II auf den ebenfalls von Stuart Price produzierten Confessions on a Dancefloor rekurriert: In dem Film wie auch in den bisher veröffentlichten kompletten Songs fehlt, im Gegensatz zu dem Vorgänger, die den Arbeiten von Madonna fast immer eigene, melancholisch-traurige Note, die sie besser beherrscht als alle Popkünstler außer ABBA. Vielmehr geht es zurück zu den Anfängen, in eine gefühlt unbeschwertere, freiere und sorglosere Zeit. Der Kurzfilm trägt dem Rechnung und wenn Madonna damit abermals als Pionier das Musikvideo begräbt, kann man nur sagen: „The music video is dead – long live the music video.“ Und Viva Madonna!
Confessions II - The Film kann man auf YouTube schauen.
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