Dreileben - Etwas Besseres als den Tod

Liebelei am Rande einer Traumwelt: Christian Petzolds Dreileben-Episode Etwas Besseres als den Tod treibt es aus dem Großprojekt heraus.

Etwas Besseres als den Tod 01

Ein Krankenhaus, durch das nackte alte Frauen wandeln, drumherum tiefdunkler Wald, durch den ein Mörder zieht. Die Assoziationen sind im Marschgepäck, wenn sich Christian Petzold fürs Fernsehen nach Dreileben aufmacht, jener gemeinschaftlich mit Dominik Graf und Christoph Hochhäusler erträumten Welt im Thüringer Wald: Fernsehen, Hospital, Gehölz? Denkt da nicht manch einer bald an Lars von Triers Geister (Riget, 1994/1997), an Twin Peaks (1990-1991) von David Lynch? Mehr als das Maß der Ambitionen sollte man aus solch einem Vergleich jedoch vorerst nicht ableiten: Die drei Deutschen wollen sichtbar Fernsehgeschichte mitschreiben, schon die konstruierte Welt sucht den Schulterschluss mit den Legenden.

Dreileben - Etwas Besseres als den Tod  17

Etwas Besseres als den Tod verhält sich dabei wie die Umgehungsstraße zum Ortskern: Die Verfolgung des entflohenen Häftlings Molesch (Stefan Kurt), der Hauptplot von Dreileben, tangiert die Liebesgeschichte zwischen dem Krankenhauszivi Johannes (Jacob Matschenz) und dem Zimmermädchen Ana (Luna Mijovic) nur in Momenten. Die Straßensperren sind Hindernisse für Spaziergänge durchs dichte Grün, das Hubschraubergeknatter, das Hundegebell, die Sirenen nie mehr als Hintergrundrauschen im Gefühlswirrwarr. Petzold präsentiert eine selbstgewählte Distanz zum selbst erschaffenen Erzählkosmos. Kein Vorkommnis ist wichtig genug, um wichtiger zu werden als das Einzelschicksal, auch kein entlaufener Mörder im Dickicht, wenn sich darin die Liebenden suchen.

Dreileben - Etwas Besseres als den Tod  13

Obwohl das mit der Liebe schwer zu fassen ist. Denn in den beiden Hauptfiguren begegnen sich zwei, die nie wirklich zueinander finden. Johannes, von Jacob Matschenz etwas unbiegsam verkörpert, wird von wichtigen Ereignissen meist im Schlaf überrascht, zeigt insgesamt wenig Initiative. Man weiß nicht genau, ob Petzold selbst nicht recht Zugang gefunden hat zu dieser etwas blassen Figur. An Johannes’ Plan, nach Los Angeles zum Medizinstudium zu fahren, glaubt keiner so richtig, weder Regisseur noch Schauspieler noch Figur.

Da ist Ana schon greifbarer. Was genau sie an dem passiven, blutarmen Johannes finden soll, ist zwar rätselhaft, aber ihre recht kurz getakteten, doch immer nachvollziehbaren Gefühlsschwankungen sind stets lesbar als rhythmisches Spiel von Verzweiflung und Träumerei. Ob die Auswirkungen ihrer Handlungen nun glücklich sind oder katastrophal: Zumindest bleibt sie aktiv.

Wenn die weit zurück gedrängte Präsenz des Mörders, die größtenteils eher im Vorwissen des Zuschauers als in der Handlung selbst zu verorten ist, in irgendeiner Form zu den Streitereien und Knutschereien Anas und Johannes’ in Beziehung steht, dann als Chiffre stets andrängenden Unheils. Zum Schluss entladen sich der absente Handlungsstrang des Flüchtenden und der präsente der unmöglich Liebenden in einer recht eigentümlichen Schockszene: Das Ende lauert, bis es zupackt.

Dreileben - Etwas Besseres als den Tod  21

Dabei hat Petzold einige Schwierigkeiten, seine speziell in den Kinofilmen entwickelten inszenatorischen Stärken mit den Erfordernissen des Fernsehens in Einklang zu bringen. Mancher Schnitt scheint überflüssig, Sprünge in nahe Einstellungsgrößen aus Petzold-typisch präzise durchdachten Raumkompositionen gereichen dem szenischen Ausdruck oft zum Nachteil. Dazu plinkert ein eher banaler Soundtrack mit Piano, Streichern und Holzblaswerk. Was Etwas Besseres als den Tod gerade im Vergleich zu Petzolds formal vollendeten letzten Filmen etwas abgeht, ist ein stimmiger Rhythmus, dieses Gefühl von Geschlossenheit und Strenge, das dennoch offen bleibt für Sehnsüchte und Melancholie.

Doch solche Schwächeleien gehen nie so weit, dass Petzold sich verlieren würde, er bleibt sich und seinen Themen treu. Wieder spielen Überwachungskameras eine wichtige Rolle (was eine der figuralen Brücken zu Hochhäuslers Eine Minute Dunkel bildet). Wenn gleich zu Beginn der Mörder im Krankenhaus eintrifft, blicken die Kameras unablässig, während der Zivi schläft. Auch begegnen uns Petzolds feinsinnige Spiele mit den Grenzen zwischen Sicht- und Unsichtbarem, dem Hineinragen des Offscreens in den Bildinhalt. Seine fühlbar genaue Arbeit an der Bildkomposition schärft die Wahrnehmung des Zuschauers für die immensen Unterschiede, die minimale Veränderungen der Kadrierung ergeben können. Da kann ein Schuss durch die Bäume auf eine Straße am Waldesrand einmal als leidlich objektives Panorama erscheinen, um zwei Schnitte später, leicht verschoben und fast unwahrnehmbar in Bewegung versetzt, zum subjektiven Blick des Flüchtlings auf ein einsames Mädchen zu werden.

Dreileben - Etwas Besseres als den Tod  20

Letztlich jedoch bleibt Etwas Besseres als den Tod, gemessen an dem Vermögen seines Regisseurs, ein halbgarer, geradezu defizitärer Film. Wer ihm wohlgesinnt ist, kann darin, gerade dank seiner größtmöglichen Abgeschiedenheit zum vermeintlichen Handlungszentrum, den unscheinbaren Akzentverschieber im Reigen von Dreileben erkennen: Nicht eine Erzählung ist zentral, sondern die diffuse Vielfalt einer Welt, die keinen gemeinschaftlichen Kern kennt, außer den Wegen ihrer Geschichten durch einen geteilten Raum. Diese Losgelöstheit erzwingt jedoch, Etwas Besseres als den Tod zuvörderst als eigenständigen Film wahrzunehmen. Und als solcher ist er, ganz ohne Zweifel, einer von Petzolds schwächsten.

Trailer zu „Dreileben - Etwas Besseres als den Tod“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Marcus

Ich habe gestern die Reihe Dreileben im Rahmen der Berlinale sehen dürfen.
Ich kann die Filmkritik in keinem Fall so stehen lasssen.
Petzold hat sich eindeutig in einigen Scenen vom Altmeister Hitchcook beeinflussen lassen.
Dies merkt man wenn die Musik die Dramatigaturische Handlung noch steignerwill. Dies gelingt auch an allen Stellen.
Er nimmt sich Zeit seine Figuren zu Formen.Johannes ist ein kleiner Träumer dem seine Zukunft durch seine Eltern auferlegt wird.Leider verschweigt der Film in welcher Zusammengehörigkeit der Oberartz und seine Mutter, Ute stehen.
Meine Vermutung ist as sie mal eine Affäre hatten und der Oberartz der Ute sehr wohlgesonnen ist.
Johannes vernachlässigt das Studium ein wenig, was an der Scene deutlich wird als Anna zu im ins Schwesternheim kommt und seine Bücher vom Schmutz befreit.So richtig weiß er nicht was er will. ich glaube das dies auch so gewollt ist. Sonst hätte die Liebe zu Anna im Vorfeld keine Chance gehabt.
Alles in allem einer der besten Filme aus Dreileben. Petzold schafft es den Ort in großen Bildern einzufangen.


Dietmar

Kann Marcus nur zustimmen. Die Melancholie die durch die ruhigen und tiefen Bildern vermittelt wird baut eine innere Spannung auf die Lust auf mehr macht. Endlich mal ein
Krimi der ohne großes geballer und Action auskommt. Von wem ist die Musik die von Johannes für Ana übersetzt wird und in der Schlußszene zu Hören ist?


Christian Vogl

@Dietmar:
Der Song heißt "Cry me a River", hier interpretiert von Barney Tassel und Julie London, was insofern passt, als die Version auch aus einem Film stammt ("The Girl Can't Help It" unter der Regie von Jerry-Lewis-Stammregisseur Frank Tashlin).
Petzold hätte stimmiger wohl zur - zwar hässlicheren - Version von Diana Krall greifen sollen - - und zur Abrundung des "teen spirits" dann auch noch einige MP3-Artefakte reinkomprimieren ;-)


Christian Vogl

@Dietmar:
Habe ich eben "Tassel" geschrieben? Der Gitarrist war Barney Kessel.
@Moderator:
falls ja, am besten einfach korrigieren. Danke.


Renate Kiefer

Ich würrde gerne wie Dietmar wissen, von wem der super tolle Song war


Gerhard Werner

Ich muss vorab feststellen, dass ich kein Filmkritiker, sondern ein einfacher Filmbetrachter bin. Ich achte also weniger auf die Filmsprache und sehe viel weniger als jener – dafür nimmt mich in erster Linie die erzählte Geschichte und ihre optische Umsetzung gefangen. Und das tut der Film wenigstens subjektiv für mich – ich habe in den letzten fünf oder mehr Jahren keinen Film gesehen, der mich mehr angesprochen, gerührt, bewegt und mitgenommen als Petzolds Dreileben Beitrag. Yella ein kaltes Kunstprodukt, aber dieser Film voller Blut, voller Leben.

Nein, wenn man genau hinschaut, ist es kein Film einer unmöglichen Liebe wie es verschiedene Kritiker festgestellt hatten. Denn in dem Film gibt es nur eine liebende Person. Es wird vielmehr eine Geschichte erzählt von einer jungen Frau (oder eines Mädchens) das irgendwie an einen Ort der ehemaligen DDR geraten ist in eine Welt ohne Empathie, in eine Gesellschaft in der Gefühle für den anderen nicht in Zuneigung, Verliebtheit oder gar Liebe bestehen. Abgesehen vom Mörder oder den Dorfrockern ist es keine grausame Welt aber Ana findet in dieser Welt keinen Partner für ihre Empathie, für ihren offensichtlichen Gefühlsstau.

Johannes – ich finde ihn konsequenterweise verschnarcht, seine Figur schlüssig im Kontext der Geschichte – wird von Anas Gefühlsintensität einschließlich ihrer starken erotischen Komponente angezogen. Aber das reicht nicht aus in ihm Empathie oder innige Verliebtheit auszulösen. Das Erleben des exotischen Gefühlschaos seiner hübschen Freundin reichen Johannes hin.

Ana ist es, die im Mittelpunkt des Filmes steht. Ihre Empathie, die sei mittbringt und bereit ist anderen zu geben und deren Reaktion darauf – Dorfrocker die ihr ihre Würde als Frau nehmen, ihr Boss, der sie zu schnellerem Arbeiten antreibt, eine Mutter und Schwester für die Ana arbeitet aber keine familiäre Stärkung erfährt, ein Freund der sie nicht liebt und von dem sie nichts hat außer fröhlichen Sex , die Partygäste…... Richtig – Ana ist nicht sehr kompetent und viel zu spontan und unüberlegt mit der Auslebung ihrer Gefühle – aber sie hat welche. Die zwei Schlüsselszenen der Verletzungen mit einer brennenden Zigarette zeigen das - Ana ist die einzige die mit Recht feststellt: Was ist schon eine Brandwunde im Vergleich mit einer unerfüllten Liebe.

Mir gefällt auch die Sprache des Films – im Jahr der großen Sisley- Ausstellung ein Pointilistischer Film. Toll hingetupft das Verhältnis von Ana und ihrem Arbeitgeber: man sieht ihn nicht, hört ihn nur aus dem Hintergrund meckern. Ein gesprochener Satz reicht hin um das Verhältnis der beiden zu charakterisieren. Eigentlich fast alle Beziehungen, die dieser Film ausarbeitet, sind mit solchen kurzen Tupfern charakterisiert. Es ist deshalb wohl ein Film, den man sich zweimal ansehen sollte um dann die kleinen Szenen besser einordnen zu können.

Ein großer Film über Hoffnungslosigkeit in einer Welt ohne Liebe.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.