Der Räuber

Außer Atem in Österreich: Benjamin Heisenberg zeigt mit Der Räuber, wie aufregend atemlos die Berliner Schule sein kann.

Der Räuber

Ein Mann joggt, so beginnt der Film. Die Kamera folgt ihm in einer halbnahen Einstellung durch ein Teleobjektiv. Der Hintergrund ist deshalb unscharf, man kann sich nicht sicher sein, durch was für eine Gegend er läuft, man sieht nur: irgendwie städtisch. Es ist die Tonspur, die dann den klärenden Hinweis gibt. Ein lautes, tutendes Signalgeräusch, Ende des Hofgangs. Der Mann ist ein Häftling und läuft auf dem Gefängnishof immer im Kreis herum, kurze Zeit später auch, noch beengter, in seiner Zelle auf einem Laufband, immer auf die Wand zu. Eingesperrte Energie, ein Vorwärtsdrang, der sich nicht entfalten kann.

Der Räuber

Bald kann er es. Johann Rettenberger (Andreas Lust), so heißt der Mann, wird schon in der nächsten Szene in die Freiheit entlassen, nach sechs Jahren. Er trifft seine alte Liebe Erika (Franziska Weisz) wieder und nimmt bald seine alte Gewohnheit des Bankenausraubens auf. Während der Überfälle trägt er eine Maske, und wenn er die danach im Fluchtauto vom Gesicht zieht, erschrickt man etwas, wie wenig sich die stoischen Züge des in sich gekehrten Mannes von denen der Maske unterscheiden. Emotionen zeigt er nur im Verlauf seiner Herzfrequenz, die er sich, gespeichert von einem um den Brustkorb geschnallten Trainingsgerät, jeden Tag auf dem Laptop anzeigen lässt. Ein einziger, heftiger Ausschlag der Kurve nach oben: Das war der Zeitpunkt des Überfalls. Mit Erika, die ihn liebt, wird zwar der Film später ein klein wenig emotionaler, nicht jedoch seine Hauptfigur.

Der Räuber

Der Räuber trägt die Merkmale der Berliner Schule. Er ist so kühl wie seine Hauptfigur, betont kontrolliert und effektlos inszeniert, die Dialoge sind sparsam (den Figuren in diesen Filmen, so scheint es, sind Gesprächspausen niemals peinlich). Die Dialoge sind sogar so sparsam, dass die Geschichte über weite Strecken als Stummfilm funktionieren würde, mit vielleicht zwei oder drei Zwischentiteln. Gesprochen werden vor allem eher praktische Dinge, Alltagszeug. Was das Hotelzimmer kostet, Anweisungen, Radioberichte, Behördengespräche. Der Räuber hat intelligente Verwirrspiele mit der Bild- und Tonebene und eine ausgefeilte Bildgestaltung.

Der Räuber

Der Räuber hat aber auch einen Action-Teil, eine ausführlich gefilmte Flucht, mit Einstellungen aus der Ego-Perspektive und mit langen Kamerafahrten durch Wälder und Wiesen, den Räuber, der vor allem ein Renner ist, mit lauter Perkussionsmusik begleitend. Benjamin Heisenbergs neuer Film ist eine waschechte Genre-Arbeit, mehr noch als Petzolds Jerichow (2009). Er geht dabei mit den Konventionen so frei (und befreiend!) um wie einst Godard in Außer Atem (1959), mit dem Der Räuber nicht nur die titelgebende Atemlosigkeit des Langstreckenläufers gemein hat.

Der Räuber

Was im Film Noir die Schatten sind, das ist für Heisenberg die ganze Landschaft. In einer sehr eindringlichen Szene geht Rettenberger, den hässlichen Pokal eines gerade gewonnenen Laufs in der Hand, durch eine extrem enge Gasse, verfolgt von seinem auf ihn einredenden Bewährungshelfer. Hier ist sie wieder, die Enge der Zelle vom Anfang des Films. Man sieht auf einen Blick den inneren Zustand der Figur, die baldige Mordwaffe und die Ausweglosigkeit der ganzen Geschichte. „Man kann sich entscheiden, daran glaube ich. Wenn man das nicht tut, bedeutet das etwas“, sagt Erika einmal. Rettenberger kann sich nicht entscheiden, er ist ein Getriebener.

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