Falscher Bekenner

Triste Vorstadtwüste, Perspektivlosigkeit, große Erwartungen, Unverständnis: Christoph Hochhäuslers neuer Film dreht sich um die Wirren der Spätpubertät und deren Auswirkungen.

Falscher Bekenner

Christoph Hochhäuslers zweiter Film beginnt ähnlich wie sein Erstlingswerk Milchwald: Es ist tiefste Nacht, sporadisch aufblitzende und schnell vorbeiziehende Lichter signalisieren, dass wir uns vermutlich an einer Autobahn befinden. Es dauert einige Zeit, bis klar erkenntlich ist, dass sich entlang der Leitplanken eine Figur nähert. Die Umrisse werden deutlich und man erkennt einen Jugendlichen die Straße entlanglaufen. Die Kamera schwenkt zu einem verunfallten Wagen. Die Figur bleibt beim Wagen stehen, nimmt langsam ihre Kopfhörer ab, realisiert das Geschehene. Nach der Betrachtung des blutüberströmten, toten Fahrers besteht ihre einzige Handlung jedoch darin, ein weggebrochenes Autoteil mitzunehmen und die Szenerie zu verlassen.

Armin ist der jüngste von drei Söhnen einer Familie, die ihrer Art nach vielfach in Deutschland vorgefunden werden kann: Einfamilienhaus, Spaziergänge am Wochenende, Tagesschau, Bildzeitung und Knödel. Sie strahlen typisch konservative Werte aus, sowie die Angst vor Veränderungen, gegen die pubertierende Kinder üblicherweise rebellieren. Während seine beiden älteren Brüder bereits ihren Platz im Leben gefunden haben, besteht Armins Dasein vor allem aus einem konstanten Dahindriften. Teilnahmslos nimmt er seine stets erfolglosen Bewerbungsgespräche wahr, lustlos und ohne Antrieb verbringt er seine Tage. Lediglich homoerotische Phantasien vom Sex mit Motorradfahrern oder die unerfüllte Liebe zur wesentlich reiferen Katja bringen ihn dazu, kleinere Ausflüge zu unternehmen, etwa den Besuch einer Tennishalle, wodurch er nicht den ganzen Tag eingesperrt in seinem Zimmer zu verbringt. Man möchte diesen spätpubertierenden Armin wachrütteln, oder sehen, dass er sich selbst aus seiner Begriffsstutzigkeit hilft. Stattdessen jedoch obsiegt wieder und wieder der verantwortungslose Junge, der gerne in die Badewanne pinkelt und noch nicht ganz in der Erwachsenenwelt angekommen ist. Als er aber aus einem weiteren Bewerbungsschreiben einen Bekennerbrief macht, beginnen sich die Dinge zu ändern. Statt mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ beginnt Armin das Schriftstück mit „Dieser Unfall war mein Werk…“. So bringt er seine Karriere als Falscher Bekenner in Gang und damit die vielleicht letzte Anstrengung, seinem Dasein zu entwachsen.

Falscher Bekenner

Niemand wird sich schwer daran tun, Armin nicht zu mögen, er ist der Antiheld per se. Eltern und Brüder komplettieren das triste Abbild der Gegenwartsgesellschaft: Angst vor Arbeitslosigkeit, Alltagstrott, Einsamkeit, Langeweile. Christoph Hochhäuslers Film lässt sich vornehmlich durch die Ausweglosigkeit der Handlung beschreiben. Constantin von Jascherow stellt überzeugend die lustlose Figur dar, welche das Drehbuch erfordert. Während die anderen Darsteller teilweise sichtbarer schauspielern und so die Surrealität der Situation unterstreichen, ist von Jascherow stets glaubwürdig und auf großartige Weise natürlich.

Das Vakuum in Armins Leben und die Entwicklung der Hauptfigur zum falschen Bekenner untermalt Hochhäusler auch durch die aus Milchwald bekannte Kameraführung, die durchweg langsam oder ohne Bewegung Armins Leben eher fotografiert als verfolgt. Falscher Bekenner scheint, wie Armins Leben auch, eine Aneinanderreihung einzelner Momentaufnahmen, die insgesamt jedoch nichts Ganzes ergeben oder auf ein Ziel zusteuern. Tatsächlich dreht sich alles im Kreis: immer wieder verlaufen Bewerbungsgespräche erfolglos, und auch Katja bleibt eine Wunschvorstellung. Lediglich die nächtlichen Fluchten zur nahe liegenden Autobahn scheinen dem Jungen etwas zu bedeuten. Man kann ihn nicht mögen diesen Armin, hassen will man ihn aber auch nicht, vielmehr ist man von der eigentlich unsympathischen Figur auf eine ungewohnte Art eingenommen.

Falscher Bekenner

Hochhäuslers Film schafft dank der Darstellungsweise seiner Schauspieler, getragene Kamerafahrten und dezent eingesetzten Sounds eine unbehagliche Stimmung, die stets auf etwas Entwicklung hoffen lässt, nur um durch konstante Wiederholungen erneut zu enttäuschen. Diesem Prinzip folgt er bis zur Schlussszene, welche uns einen starken, plötzlich erwachsen wirkenden Armin zeigt, der auf seine Art scheinbar im Leben angekommen ist. Bei alldem verwendet Hochhäusler eine nicht leicht zu durchschauende Symbolsprache, die erst bei genauerem Hinsehen erkennen lässt, dass kleinere Dinge teilweise große Bedeutung haben, wenn man die Figur Armin verstehen will. Letztlich verhehlt Hochhäusler trotz aller Gesellschaftskritik nicht, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt, eine kurze, triste Episode mit einem durchaus unerwarteten Ende.

 

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