Home for Christmas

Home for Christmas ist zwar hübsch anzusehen, stellt inhaltlich aber erschreckend niedrige Anforderungen an sich selbst.

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Weihnachtsfilme leiden häufig am selben Problem. Sie sind dafür gemacht, dass sich ihr Publikum gut fühlt. Um die Zuschauer bloß nicht mit einem unbefriedigenden oder gar schlechten Gefühl zu entlassen, geben sie sich ab einem gewissen Punkt ganz der festlichen Gefühlsduselei hin. Natürlich gibt es auch Filme, die sich diesem Emotionsdiktat ganz bewusst widersetzen. Die Weihnachtsmann-Dekonstruktion Bad Santa (2003) etwa oder der Horror-Klassiker Jessy - Die Treppe in den Tod (Black Christmas, 1974) spielen damit, dass sie die besinnliche Festtagsstimmung mit Füßen treten.

Der Regisseur Bent Hamer hat mit Home for Christmas (Hjem til jul) einen Weihnachtsfilm fürs Arthouse-Publikum gemacht. Der mit O'Horten (2007) und Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet, 2003) bekannt gewordene Hamer sucht darin einen Mittelweg zwischen sentimentalem Hollywoodkino und einem Gegenentwurf, laut dem Weihnachten auch ein Tag der Tragödien ist. Basierend auf Kurzgeschichten des Autors Levi Henriksen konzentriert sich Hamers Episodenfilm auf einige Stunden in der norwegischen Kleinstadt Skogli am Heiligen Abend.

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Home for Christmas ist von einem melancholischen Tonfall geprägt, wobei es sich hier stets um eine leicht konsumierbare Melancholie handelt. Das macht sich am schwermütigen Soundtrack von John Erik Kaada ebenso bemerkbar wie an den Figuren, die überwiegend gescheiterte Existenzen sind. So gibt es etwa einen obdachlosen Alkoholiker, der ein verhinderter Fußballprofi ist und durch Zufall auf seine Jugendliebe trifft, und einen Vater, der vom neuen Freund seiner Ex-Frau verdrängt wurde und Weihnachten alleine verbringen muss. Doch Hamer versucht, das Gleichgewicht zwischen tragischen und humorvollen Augenblicken zu halten und erzählt eben auch von einem Jungen, der das Festessen mit seiner Familie schwänzt, um bei seiner muslimischen Mitschülerin zu sein, und von einem Flüchtlingspaar aus dem Kosovo, das in der Weihnachtsnacht ein Kind erwartet. 

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Gemeinsam mit Kameramann John Christian Rosenlund schafft Hamer eine stimmungsvolle und dekorative Ästhetik: atmosphärische Lichtstimmungen, die verschneite norwegische Landschaft und immer wieder thematisch bedingte Rot- und Grüntöne, die in Breitwandbildern eingefangen werden. Das Problem des Films ist allerdings, dass er dieser Ästhetik inhaltlich nichts entgegen zu setzen hat. Die Handlung jedes Erzählstrangs lässt sich in einem Satz wiedergeben, und auch die Dialoge sind spärlich ausgefallen. Dabei handelt es sich jedoch um einen Minimalismus ohne jeglichen Mehrwert. Die Figuren bleiben oberflächlich und geben einfallslose Phrasen von sich. Über den Grundtenor, dass an Weihnachten eine grausame Welt ein wenig menschlicher wird, kommt Home for Christmas nicht hinaus.

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Nur weil sich ein Film in weihnachtlicher Sentimentalität ergeht, muss er noch nicht schlecht sein. Filme wie Kevin - Allein zu Haus (Home Alone, 1990) oder Tatsächlich... Liebe (Love Actually, 2003) zelebrieren zwar weihnachtlichen Kitsch, sind aber dennoch handwerklich solide gemacht. Home for Christmas hat außer schönen Bildern nichts zu bieten. Jeder Erzählstrang läuft lediglich auf einen rührseligen Augenblick hinaus, in dem die Emotionen der Figuren die wahre Attraktion darstellen. Wirklich ärgerlich wird es am Schluss. Hier löst sich Hamer auch noch von der zuvor recht zurückhaltenden Art der Inszenierung und lässt seinen Film mit einem Schlussbild enden, das regelrecht im Kitsch ertrinkt. Das Paar aus dem Kosovo tritt darin als Heilige Familie auf, die sich zwischen verschneiten Bergen an der Schönheit eines Nordlichts erfreut, während eine Norah Jones für Arme dazu quäkt.

Trailer zu „Home for Christmas“


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Kommentare


Timo

Der Film ist meiner Meinung nach erschreckend langweilig. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass eine gescheite Handlung beginnt. Leider ohne Erfolg.
Das Geld kann man sich sparen und besser in einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt seines Vertrauens investieren...


claudia

Ein wunderbarer Film- absolut empfehelnswert! wunderschöne Bilder und einfache Geschichten von ganz normalen Menschen in der Weihnachtsnacht: endlich mal ein christmas movie jenseits des Hollywood- Kitsches und jingle bells. Es lebe das norwegische Kino!


ChristianL

Kann sein, das manche meinen ein guter Film definiere sich durch Tiefgang. Das Leben der meisten Menschen ist auch nicht besonders tiefgründig, vielleicht ist der Film einfach deshalb schön. Mich hat er jedenfalls tief berührt. Ich kann ihn nur empfehlen - ein sehr schöner Film, dank Nordlicht, frisch geschlüpftes Baby und dem Song. Das ist doch wie im echten Leben - es sind einfach die Momente, in denen man für einen kurzen Moment ohne Grund nur aufgrund der Bilder spontan Glück empfindet


Martin Zopick

Es ist nicht unbedingt ein Anti-Weihnachtsfilm, sondern der Heilige Abend ist halt ein Abend wie jeder andere im Jahr – nur ein bisschen anders.
Es wird geliebt und gelacht, betrogen und geholfen und es gibt auch Spaß und zwar etwas einseitig, je nachdem von welcher Seite man es betrachtet. Hier ist der Verlassene als Weihnachtsmann verkleidet und die Ex macht ihn in der Küche an. Falsche Eheversprechen mit aufschiebender Wirkung klärt Regisseur Hamer auf seine eigene Art: ohne Kommentar. Da tragen Ehefrau und Geliebte den gleichen roten Schal in der Kirche…Der wilde Liebhaber hat das mit dem Fest der Liebe wohl allzu wörtlich genommen. Alte Jugendliebe trifft sich wieder, ist erkaltet. Alte Liebe, die die Goldene überdauert hat, hält stumm Händchen und lächelt. Tod und Geburt liegen nahe bei einander. Ein Mediziner hilft Flüchtlingen mit ihrem Neugeborenen beim Weiterkommen.
Hamers herber Humor kann lustig sein, geht ansatzlos in menschliche Dramen über und wird plötzlich todernst. In der nächsten rührenden Episode kann er uns Honig in die Seele träufeln und uns kurz danach mit seinem Realismus erschrecken.
Es ist mitunter eine ‘Stille Nacht‘. Die Flüchtlinge aus dem Kosovo sehen das Nordlicht und wir hören den Song ‘Home for Christmas‘. Ein übertrieben versöhnliches, angeschmalztes Ende. Da ist dann doch zu viel Puderzucker auf dem Christstollen.






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