Zum Handeln verdammt, zum Sterben bestimmt – Robert Aldrich Retro

Robert Aldrichs Filme wie The Dirty Dozen oder What Ever Happened to Baby Jane haben längst Klassikerstatus, der Regisseur selbst hat es dagegen nie in den inneren Kanon der großen Namen des Hollywoodkinos geschafft. Die diesjährige Viennale-Retrospektive möchte das ändern.

Am Anfang steht der Tod. Robert Aldrichs (Anti-)Kriegsfilm The Dirty Dozen (1967) beginnt mit der Erhängung eines Soldaten. Major Reisman, gespielt von Hollywood-Legende und Schurkendarsteller Lee Marvin, wird Zeuge dieser Hinrichtung und stapft danach zornig und frustriert aus dem Militärgefängnis. In der Führungsriege der Armee gilt er als jemand, der mit Autoritäten nicht gut umgehen kann; man sagt ihm einen rebellischen Charakter nach. Über Robert Aldrich ließe sich dasselbe sagen. Er wird in eine wohlhabende, mit den Rockefellers verbandelte Familie hineingeboren, seine Eltern hoffen, dass er eine Karriere als Banker, Anwalt oder Politiker einschlägt. Stattdessen bricht er sein Studium ab, überwirft sich mit seiner Familie und geht nach Hollywood. Die diesjährige Retrospektive der Viennale widmet sich in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum seinem Regiewerk.

Hand am Steuer, Schwester im Rollstuhl

Sein rebellischer Charakter prägt nicht nur Aldrichs Privatleben, sondern auch seine Arbeit als Filmemacher und seine Stellung in Hollywood. Er arbeitet in einer Zeit, in der die Unterscheidung zwischen A- und B-Movie noch von großer Bedeutung ist. Sie ist nicht nur eine kommerzielle – A-Movies sind mit großen Stars besetzt und müssen entsprechend an den Kinokassen bestehen –, sondern auch eine vermeintlich qualitative. B-Movies gelten als das filmische Pendant zu den amerikanischen dime novels und den britischen penny dreadfuls: vulgärer, sensationslüsterner und inhaltlich schlichter als die A-Movies. Dass Aldrich von dieser Unterscheidung nichts hält, demonstriert er mit What Ever Happened to Baby Jane? (1962). Er besetzt einen Schauerstoff, der dem B-Movie näher steht als dem Prestigekino, mit zwei der größten Stars des klassischen Hollywoods.

Die Schwestern Jane und Blanche Hudson, beide ehemalige Schauspielerinnen, leben von der Gesellschaft abgeschottet in einer alten Villa. Jane, gespielt von Bette Davis, war als Kind ein Star des Vaudevilles. Diese angelsächsische Form der Bühnenshow reihte Gesangsnummern, Akrobatik, Zauberei, kleine Theaterstücke und Kabarett aneinander. Als Erwachsene konnte Jane an diesen Erfolg in Hollywood jedoch nicht anknüpfen. Blanche, gespielt von Joan Crawford, wurde dagegen zur großen Hollywood-Berühmtheit und verschaffte ihrer Schwester immer wieder kleinere Rollen. All das erfahren wir im Prolog, die eigentliche Handlung spielt Jahrzehnte später. Die Beziehung der Schwestern ist toxisch. Jane misshandelt und quält Blanche, die sich nicht wehren kann, weil sie an den Rollstuhl gefesselt ist. Wie es dazu kam, bleibt zunächst offen. Im Prolog sieht man ein Auto und eine Hand am Steuer, man hört den Schrei einer Frau, dann folgt ein Schnitt. Es liegt nahe, dass Jane etwas mit dem Unfall zu tun hat.

Kriege sind was für Psychotiker

Bette Davis’ Darstellung hat eindeutige Camp-Elemente. Ihr Gesicht ist stets grell weiß geschminkt, Gestik und Mimik sind überzeichnet. Dadurch bekommt sie etwas Gespenstisches, allerdings nicht im ätherischen Sinn: Sie ist eine Schreckgestalt aus dem Grand Guignol. Überhaupt ist What Ever Happened to Baby Jane? so etwas wie die Vaudeville-Version von Billy Wilders Sunset Boulevard, ohne deshalb weniger wirkungsvoll, tragisch oder kritisch zu sein. Die Kritik richtet sich gegen das Entertainment-Business selbst: gegen die Ausbeutung von Kinderstars und das anschließende Abservieren eben jener Stars. Auch heute werden Schauspieler:innen in Hollywood so schnell gefeiert, wie sie fallen gelassen werden. Jahrzehnte später gräbt man sie dann wieder aus, um sie nostalgische Comebacks feiern zu lassen. Die Filmbranche betrauert immerzu die selbst produzierte Obsoleszenz.

Aldrich ist ein Regisseur der Außenseiter. So wie Jane und Blanche von und durch die Gesellschaft isoliert sind, sind auch die Protagonisten von The Dirty Dozen Ausgestoßene. Der eingangs erwähnte Major Reisman wird damit beauftragt, mit einer Gruppe zum Tode verurteilter Schwerverbrecher Offiziere der Wehrmacht zu töten. Zuerst aber muss er aus diesen Gefangenen eine Einheit formen. Damit wird The Dirty Dozen zu einer Blaupause für all jene Filme, in denen ein bunt zusammengewürfeltes Team zusammenwachsen muss, um die bevorstehende Mission zu meistern. Der Film bleibt jedoch ambivalent. Die Armee wird keineswegs als heldenhaft oder kompetent dargestellt. Wenn seine Männer als „Psychotics“ bezeichnet werden, antwortet Reisman: „Who better to fight and win a war?“ Krieg erscheint als Wahnsinn, geführt von Wahnsinnigen. Vielleicht ist The Dirty Dozen gar kein Kriegsfilm; dafür gibt es in ihm zu wenig Krieg. Wie viele Aldrich-Filme dauert er über zwei Stunden, und die eigentliche Mission beginnt erst, wenn drei Viertel der Laufzeit vorbei sind. In jedem Fall aber ist es ein Film, der sich über das Autoritäre hinwegsetzen will und blinden Gehorsam für Schwachsinn hält.

Von Fatalismus durchdrungen

In Flight of the Phoenix (1965) führt die autoritäre Logik des Militärs ebenfalls in den Tod. Ein von James Stewart geflogenes Flugzeug mit ausschließlich männlichen Passagieren stürzt mitten in der Sahara ab. Als klar wird, dass niemand zur Rettung kommen wird, verfährt der ebenfalls an Bord befindliche britische Armee-Captain Harris nach Protokoll: Er bricht mit etwas Proviant auf, um Hilfe zu holen. Dass dieses Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist, will er nicht wahrhaben und an seiner Pflichtversessenheit wird er schließlich zugrunde gehen. Aldrich ist ein Zyniker, seine Filme sind von Fatalismus durchdrungen. Zugleich ist er ein Regisseur der Macher. Gemeint sind jene meist männlichen Figuren, die nicht abwarten, sondern handeln, und in denen sich der amerikanische rugged individualism spiegelt. Die Passagiere ergeben sich nicht, sondern bauen aus dem Wrack ein neues Flugzeug, mit dem sie aus der Wüste fliehen können. Aber nicht alle werden es schaffen; ihr Weg ist vorgezeichnet und unabänderlich. Auch in The Dirty Dozen werden die meisten sterben. Aldrichs Macher sind zum Handeln verdammt, retten können sie sich allzu oft dennoch nicht.

Konsequent zu Ende gedacht wird der amerikanische Individualismus in Kiss Me Deadly (1955). Der Film beginnt wie ein klassischer Film noir. Dem Privatdetektiv Mike Hammer läuft nachts eine sichtlich verstörte Frau vors Auto. Ohne lange nachzudenken, lässt er sie einsteigen. Doch die Fahrt dauert nicht lange. Bald werden die beiden gestoppt und gewaltsam aus dem Wagen gezerrt. Die Frau, Christina, wird gefoltert und ermordet, Hammer bleibt bewusstlos zurück. Trotz oder gerade wegen des damals noch geltenden Hays Codes sind Aldrichs Filme ungewöhnlich brutal. Der Code war ein Regelwerk der Selbstzensur, das die Darstellung von Kriminalität und Sexualität im Film reglementierte. Weil vieles nicht gezeigt werden darf, wirkt das Angedeutete umso stärker. Wenn Jane in What Ever Happened to Baby Jane? ihre Schwester bewusstlos schlägt und auf sie eintritt, sieht man die einzelnen Tritte nicht und spürt die Gewalt dennoch.

Schlecht gelaunter Ritter der Großstadt

Nach der Eröffnungssequenz versucht Mike Hammer, alles über die mysteriöse Frau herauszufinden. Seine Beweggründe sind jedoch nicht romantischer Natur: Er wittert etwas Profitables. Seine Lebensphilosophie lautet: „What’s in it for me?“ Die Zeit der Film-noir-Antihelden à la Bogart ist vorbei. Der schlecht gelaunte Ritter der Großstadt, der trotz allem an einem moralischen Kodex festhält, ist von den egozentrischen, profitgierigen Mike Hammers dieser Welt abgelöst worden. Auch Kiss Me Deadly hat melodramatische und Camp-Elemente. Das von allen gesuchte Objekt, ein Koffer, der wohl auch Tarantino zu seinem Koffer in Pulp Fiction inspiriert hat, verkörpert die Paranoia der 1950er und 1960er Jahre. Es ist die Zeit des beginnenden Kalten Krieges, der McCarthy-Ära und der mutually assured destruction (MAD).

Kiss Me Deadly ist ein apokalyptischer Film noir. Das Los Angeles, das er zeigt, wirkt abgründig und beinahe ausgestorben. Die atomare Bedrohung wird mit einer atomisierten Gesellschaft gleichgesetzt. Mike Hammer ist nur noch individueller Wille und kein Teil einer solidarischen Gemeinschaft mehr. Er ist der Prototyp von Aldrichs Machern und wird dafür bestraft. Sein Schicksal ist von Anfang an besiegelt. Kiss Me Deadly ist Aldrichs zynischster und fatalistischster Film.

Vielleicht sind es gerade diese Eigenschaften, deretwegen Robert Aldrich nie in den ersten Kanon der Hollywood-Regisseure aufgenommen wurde. Einige seiner Filme sind nicht nur populär, sondern auch einflussreich, doch der Regisseur hinter ihnen ist kaum bekannt. Anders als Zeitgenossen wie Samuel Fuller oder Sam Peckinpah, die ebenfalls kritische und mitunter zynische Filme gedreht haben, wurde Aldrich vom breiten Publikum bis heute nicht wirklich wiederentdeckt. Vielleicht liegt das daran, dass sein Zynismus etwas Defätistisches hat. Er ist keine Reaktion auf gesellschaftliche Missstände, sondern die Beschreibung eines Status quo, den der Regisseur für unveränderlich hält. In What Ever Happened to Baby Jane? stellt sich am Ende heraus, dass nicht Jane den Unfall ihrer Schwester verschuldet hat, sondern Blanche selbst. Sie verunglückte beim Versuch, Jane zu überfahren. Jane war zu betrunken, um sich daran zu erinnern, und Blanche hat sie nie aufgeklärt. Der Film endet mit Janes tragischer Frage: „You mean all this time we could have been friends?“ Robert Aldrichs Antwort darauf lautet: Nein.

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