Metropolis - Wir sind nicht im Jahr 1927
„Man war ja froh über jeden Meter, den sie herausgeschnitten hatten“, murmelt jemand beim Verlassen des Friedrichstadtpalasts, um dann über das „furchtbare Pathos“ des Films zu schimpfen. Man könnte fast meinen, wir wären wieder im Januar 1927 bei der Premiere des Films, denn bekanntlich konnte das Publikum – wenn auch aus anderen Gründen – mit Metropolis damals ebenso wenig anfangen. Das hatte zur Folge, dass er gekürzt und umgeschnitten wurde und bis vor kurzem große Teile des Films als verschollen galten.
Wir sind aber nicht im Jahr 1927, das sieht man unter anderem daran, dass das Publikum damals wohl besser angezogen war als das von heute und bestimmt auch keine quietschbunten Berlinale-Taschen zu sehen gewesen sind (und ganz bestimmt hat, anders als der junge Mann neben mir, niemand ein Brötchen gegessen). Andererseits ist das hier erst die Generalprobe am Mittag, zu der die Presse zugelassen ist. Für das Ambiente ist die Galapremiere am Abend zuständig.
Das nostalgische Gefühl stellt sich dennoch ein, denn heute, im Februar 2010, sehen wir zum ersten Mal wieder die Originalfassung von Metropolis. Jedenfalls einigermaßen, einige Teile fehlen immer noch und sind kenntlich gemacht. Die Wiederherstellung durch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung wurde möglich dank des spektakulären Fundes einer 16-Millimeter-Kopie in Buenos Aires, die vor zwei Jahren aufgetaucht ist.
Das neue Material macht Metropolis ungefähr 30 Minuten länger und verteilt sich über den ganzen Film. Es ist leicht an seiner leider schrecklich schlechten Qualität zu erkennen. Stark zerkratzt und verschmutzt sind die Bilder, und außerdem wegen der Umkopierung von 16 auf 35 Millimeter nicht im exakten Format, weswegen an den Rändern ein Stück schwarz maskiert werden musste. Immerhin hat das den Vorteil, dass man auch bei nur oberflächlicher Kenntnis des Films immer weiß, wann die spannenden, weil noch nie gesehenen Stellen kommen.
Viele Dinge sind ganz kurz. Man sieht Heinrich George, wie er auf Befehl missmutig mit dem Fuß den Hebel umlegt, der ein Tor öffnet und so die Arbeiter in die Maschinenhalle lässt. Mit der Zerstörung lösen die Arbeiter die Überflutung der Unterstadt aus, in dem Teil von Metropolis, in dem sie leben. Die Sequenz, in der Freder (Gustav Fröhlich) und Maria (Brigitte Helm) die dort zurückgelassenen Kinder retten, ist in der neuen Fassung deutlich länger geworden. Freder hat hier einen akrobatischen Kletterakt zu vollführen und bricht dann ein Eisengitter auf, durch das die Kinder fliehen können.
Außerdem erhält Der Schmale (Fritz Rasp), eine Figur, die in der bisher bekannten Fassung immer seltsam am Rande stand, eine ganze Nebenhandlung als fieser Bösewicht. Er verfolgt den vom Herrn der Stadt entlassenen Sekretär Josaphat (Theodor Loos) und setzt ihn in einer schönen kleinen Szene in seiner Wohnung unter Druck, stiert ihn mit eiskalter Miene nieder. Wer weiß, er hätte vielleicht zu einem berühmten Filmbösewicht werden können, ein Hitman-Prototyp, hätte man die Rolle damals nicht fast vollständig herausgeschnitten. Als der fiese Blick des Schmalen hinter einer Zeitung namens „Metropolis Courier“ zum ersten Mal auftaucht, gibt es im Saal sogar leise wissendes Lachen.
Man sollte dennoch nicht erwarten, einen völlig neuen Film zu sehen. Die stärksten Szenen – der Schichtwechsel, die Hochhaus-Kulissen, die Arbeit in der Maschinenhalle, das Zeigerrad – sind alle schon vorhanden gewesen. Die ideologieverdächtige Kitschigkeit des Drehbuchs von Thea von Harbou bleibt natürlich auch und ist weiter der Grund, warum dieser visuell so bestechende und stilbildende Film (der auf einer großen Leinwand mit Begleitung durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ein Erlebnis ist, ohne Frage) in die seltsame Kategorie „ungeliebte Meisterwerke“ gehört.
Veröffentlicht am 12.02.2010
Fotos: Berlinale/Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
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Kommentare zu Metropolis - Wir sind nicht im Jahr 1927
Donny 13.02.2010 10:59
Wetten, dass die Rezension vor der Aufführung geschrieben wurde?
nicy1 13.02.2010 12:39
Nette Rezi. Natürlich ist der Film pathetisch, wie jeder Stummfilm, den ich bisher gesehen habe. Und ja, die Handlung trägt eigentlich nicht, wobei ich nicht einzuschätzen vermag, wie der Film auf die Menschen in den 30ern gewirkt hat. Aber er ist so stilbildend, in seiner Bilderwahl so modern, dass ich mich frage, was die Regisseure seit 1927 eigentlich gemacht haben. Und die Musik passt so unglaublich gut, dass sich Georgio Moroder einfach nur an die Einsichten Gottfried Huppertz'halten musste.
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