Knowing

Geheimnisvolle Zahlenreihen deuten auf zukünftige Unglücke hin – ein Katastrophenfilm der etwas anderen Art, kinetisches Kino und Mystery-Drama zugleich.

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Groß ist die Versuchung, die Präsenz von Weltuntergangsszenarien im Mainstreamkino – vom Monsterfilm à la Cloverfield (2008) bis zum Katastrophenszenario wie in Roland Emmerichs für November 2009 angekündigten 2012 – als Krisenphänomen zu beschreiben, als wecke die aktuelle wirtschaftliche Lage den Wunsch nach kathartischen Seherlebnissen, aus denen sich dann neue Hoffnung schaffen ließe: Es geht uns ja doch nicht so schlecht, wir leben schließlich noch.

Eine solche Haltung übersieht natürlich, dass der Katastrophenfilm (mit lokalem wie globalem Horizont) keineswegs nur in Krisenzeiten blüht, sondern immer wieder in Wellen auftritt und vor allem ein Kind des Kinos als visuellem Spektakel ist. Denn bei aller Nachdenklichkeit, die Filme wie The Day After Tomorrow (2004) wecken könnten, dominiert werden sie doch meist von der visuellen Lust an der Zerstörung.

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Auch Knowing von Regisseur Alex Proyas feiert die Wucht und vernichtende Kraft von stark beschleunigtem Metall und alles verbrennenden Feuerwalzen. Das ist im einen Moment eine seiner Stärken, am Ende aber eine der großen Schwächen des Films.
Noch relativ zu Beginn wandert sein Protagonist John Koestler (Nicolas Cage) durch die Trümmer eines abgestürzten Flugzeuges. Proyas zeigt das in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt, einem eindrücklichen Meisterwerk der Spezialeffekte: Brennende Menschen stürzen aus den Trümmern, Explosionen erschüttern das Bild, und Koestler immer mittendrin.

Am Ende von Knowing wird dann gänzlich Apokalyptisches in Szene gesetzt, aber solche Zerstörungsbilder waren seit spätestens Independence Day (1994) schon tausendfach auf Leinwänden zu sehen. Auch geschieht nur das längst Beschworene und Angekündigte, was nur den Eindruck verstärkt, wie wenig subtil Knowing wirklich ist – jeder Hauch von Ambivalenz oder Offenheit wird wegerzählt, bis Botschaft und Handlung auch beim letzten Zuschauer angekommen sind. Für zwei Stunden Laufzeit sind Redundanzen ein dramaturgisches Ärgernis; hier türmen sie sich nach einiger Zeit zu Langeweile auf.

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Dabei kann die Story den Zuschauer durchaus eine Weile bei der Stange halten. An der Grundschule von Caleb Koestler (Chandler Canterbury) wird eine Zeitkapsel geöffnet, die fünfzig Jahre zuvor von den damaligen Schülern versenkt worden war – in Zeichnungen haben sie ihre Vorstellung von der Zukunft festgehalten. Der Brief, den Caleb öffnet, enthält allerdings kein Bild, sondern lange Zahlenreihen. Hinter den damals hastig von Lucinda Embry (Lara Robinson) gekritzelten Ziffern verbergen sich, wie Calebs Vater John feststellt, die genauen Daten aller großen Katastrophen, die seit Verschließen der Kapsel weltweit geschehen sind. Nur noch drei weitere Unglücke kündigt der Brief an, sie stehen unmittelbar bevor, und der Astrophysiker versucht verzweifelt, sie zu verhindern – vor allem das letzte, dessen Ausmaße die ganze Welt betreffen könnte.

Das Drehbuch, an dem außer Regisseur Proyas noch vier andere Autoren beteiligt waren, beschreibt mit Koestlers Suche nach dem Ursprung der Prophezeiung ein zunächst vor allem unheimliches Szenario, in dem eine Gruppe geheimnisvoller weißhaariger Männer der Schlüssel zur Auflösung des Rätsels zu sein scheinen. Im letzten Drittel entwickelt sich die Handlung dann zu einem Rennen gegen die Zeit, bei dem sich die Ereignisse ebenso beschleunigen wie die Schnittgeschwindigkeit.

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Nicolas Cages Overacting, über das sich seine Verächter so gerne mokieren, schwingt hier ganz harmonisch mit in der stillschweigenden Prämisse des Films, alles überdeutlich sichtbar zu machen. Dabei fehlt Knowing das eigentlich Entscheidende in seiner Erzählung, das er anzubieten behauptet: Ein stringentes, tröstliches Konzept der Conditio humana.
Die Läuterung des John Koestler ist vorgeblich die Bekehrung eines von der Welt enttäuschten Skeptikers, für den alles in der Welt nur Zufall ist („Shit just happens“, erklärt er seinen Studenten), zu einem Menschen, der an, bleiben wir mal so vage, höhere Mächte und Bestimmungen glaubt. Zwischen Zufall und Determinismus bietet der Film keine Variationsmöglichkeiten an; dass ihm dabei die Möglichkeit, freien Willen zu denken, stillschweigend abhanden kommt, merkt er nicht einmal selbst.

Stattdessen sucht Alex Proyas sein Heil am Schluss in kitschig aufgeblasenen Bildern von unschuldiger Natur und unschuldigen Kindern – so viel fauler Zauber lässt selbst jene positiven Eindrücke verblassen, die der Film zuvor hinterlassen hatte.

Kritik von Rochus Wolff

Fotos: © Concorde

Veröffentlicht am 07.04.2009



Film-Angaben:

Titel: Knowing (Knowing)
USA 2009
Laufzeit: 112 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Regie: Alex Proyas
Drehbuch: Alex Proyas, Stuart Hazeldine, Ryne D. Pearson, Juliet Snowden, Stiles White
Produktion: Todd Black, Jason Blumenthal, Steve Tisch
Darsteller: Nicolas Cage, Rose Byrne, Chandler Canterbury, Lara Robinson, Ben Mendelsohn, Nadia Townsend
Kamera: Simon Duggan
Musik: Marco Beltrami
Schnitt: Richard Learoyd

Kinostart: 09.04.2009



DVD-Angaben:

Titel: Knowing
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Englisch (DD 5.1), Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 115 Minuten

Extras: Laufzeit Bonusmaterial: ca. 30 Minuten; Dt. und Original-Kinotrailer; Making of; Visionen der Apokalypse

Verleih ab: 13.08.2009
Verkauf ab: 28.08.2009





 




Kommentare

 

Bruce Lee

Mittwoch, 28-10-09 00:34

Ein sehr guter Film. Ein Grandioser Nicholas Cage. Die Story sehr Spannung. Und ein überragendes Ende.

Nil aus Berlin

Samstag, 27-06-09 22:46

Also der allerorten erhobene Vorwurf, der film sei durchtränkt von Scientology-Mythologie, wird nicht wahrer, nur weil er immer wieder hervorgehoben wird. Vielleicht sollten sich diese Menschen erstmal ein wenig mit Scientology befassen, bevor sie solche dummen Pauschalurteile rumposten. Sicherlich, der Film erzählt eine Geschichte der Apokalypse, der nur wenige Auserwählte - in diesem Fall Kinder mehr ...

UH

Dienstag, 23-06-09 01:50

N.Cage ist nun also seiner Frau in die verklärte Ödnis des Hubbardschen Universums gefolgt.Pfui Teufel!!! Drei tolle Computereffekte und ansonsten nur undifferenzierter Scientology-Quark:Boycottiert dieses millionenschwere Gesindel!!! Ich bin stolz darauf nicht zu diesen "auserwählten" Cretins zu gehören. Gruß an alle Nichtgläubigen

Mahareth

Montag, 22-06-09 17:06

Knowing - leider ein reines Scientology-Werbefilmchen. Die ersten 45 Minuten sind recht gut, dank Herrn Cag, aber dann gehts nicht nur mit der Welt bergab - auch mit dem Film. Wer gern Nic Cage sieht kann die dauer Beweihräucherung Scientologyies verkraften, und die "Lehren" von Gründer Hubbert übersehen. Ansonst einfach lieber "Con Air" oder "Stadt der Engel" anschauen ;-)

David

Mittwoch, 20-05-09 21:58

fast in allen Filmen, vor allem Blockbustern wird versucht aktuelle Themen aufzugreifen. Sei es als Hauptthema oder als Nebenstrang. Wie lnagweilig müsste ein Film den sein wenn er nur eine einzige Aussage hätte? Alle diese Aussagen zu erkennen gelingt sicherlich keinem Menschen und zwar aus einem ganz einfachen Grund: für die einen ist es Tatsache,für die anderen nur Nebensache. mfg

Mehmed M.

Sonntag, 12-04-09 15:09

@ Rochus Wolff Sorry, aber da gehen unsere Meinungen weit auseinander. Aus der Betrachtung mit anderen Wissenshintergründen heraus, entsteht bei einem Zuschauer wie mir ein gänzlich anderes Bild des Films. Man entdeckt Botschaften und Anaologien, die sich hinter dem Film verstecken. Zum Einen werden in diesem Film die aktuell diskutierten Themen der "weiteren bewohnbaren Erden" und "aktuell mehr ...

 

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