Zardoz

Nimm das, Kubrick! In seinem einzigen Science-Fiction-Film beweist John Boorman Mut zur Extravaganz. 

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Ein gigantischer Steinkopf schwebt über der grünen Landschaft der irischen Wicklow Mountains. Aus der Ferne kommen johlende, leicht bekleidete Männer angeritten, die mit ihren Gewehren hantieren. Dann ist Zeit für den Gottesdienst. „Die Waffe ist gut. Der Penis ist böse“, lautet die simple Botschaft von Zardoz. Das eine soll das andere ersetzen. Um die Erde zu reinigen, muss bestehendes Leben ausgelöscht und die Entstehung von neuem unterbunden werden. Zur Hostienvergabe spuckt der Kopf schließlich Unmengen an Waffen aus. Neue Spielzeuge für die triebgesteuerten Krieger, die sie von unkeuschen Gedanken abbringen sollen.

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Zardoz (1974) erzählt von einer degenerierten Gesellschaft, wie man sie in vielen Science-Fiction-Dystopien antrifft. Natürlich haben sich auch hier die Menschen durch ihren unachtsamen Umgang mit der Natur und den Mitmenschen die Suppe selbst eingebrockt. Es gibt ein starkes Gefälle zwischen Arm und Reich. Auf der einen Seite ist die verwahrloste Welt der Brutalen, auf der anderen der Vortex, die von einer gläsernen Wand abgetrennte Idylle der Ewigen. Allerdings sind auch Letztere nur bedingt privilegiert. So sind sie zwar unsterblich und wohlgenährt, vom vielen Meditieren ist ihnen aber auch die Lust am Leben und vor allem an der Lust selbst abhanden gekommen. Wie eine ätherische New-Age-Sekte hausen sie in einer Siedlung, in der mittelalterliche Getreidemühlen neben futuristischen Gebilden aus Plastik stehen. Wer hier aufmuckt, wird zur Strafe zwangsgealtert.

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Als Zardoz in die Kinos kam, lautete der Werbeslogan: „Beyond 1984, Beyond 2001, Beyond Love, Beyond Death“. Tatsächlich ist John Boormans einmaliger Ausflug in die Science-Fiction jenseits von allem. Für das Genre wirkt die Handlung ungewöhnlich abgehoben und sexualisiert, die Ausstattung geradezu wahnwitzig. Und doch ist Zardoz genau aus diesem Grund so bemerkenswert. Boorman lässt sich nicht einengen von den Regeln des guten Geschmacks oder gesunden Menschenverstandes und gibt sich vollkommen seinen maßlosen Gedankenspielen hin.

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Als eine Art Jesus-Figur dringt der Exterminator Zed (Sean Connery) – ein Brutaler, der als Killer für die Ewigen arbeitet – in den Vortex ein und lehrt den Bewohnern, wie Begehren und Sterben geht. Der Gott, den Zed so lange angebetet hat, war nur ein Zauberer, der sich hinter einer Maske versteckt hat, um die Brutalen zu manipulieren. Seinen Namen hat er aus dem Buch Der Zauberer von Oz, dessen verkürzter Originaltitel „Zardoz“ ergibt. Boorman greift auf ein vielfältiges Arsenal an Einflüssen zurück, bedient sich verschiedener Mythen und gesellschaftlicher Phänomene wie des Jugendwahns oder der manipulativen Kraft von Religion und dreht einmal alles durch den Fleischwolf.

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Schon in den ersten Minuten, wenn der fliegende Kopf des Zauberers in die Handlung einführt und Zed seine Waffe ins Publikum richtet, zeichnet sich ab, dass mit diesem Film Grenzen überschritten werden. Zu seinem Erscheinen war es vor allem der Hang zu visueller Extravaganz, der es Zardoz verwehrt hat, ein zweites 2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Space Odyssey, 1968) zu werden. Vielen Zuschauern und Kritikern reichte es schon, Sean Connery in einem gewagten Outfit aus kniehohen Stiefeln und roter Unterhose zu sehen, um den Film in die Trash-Ecke zu stellen. Dabei ist Boorman mit seinem Kameramann Geoffrey Unsworth – der wiederum auch 2001 fotografiert hat – und dem Filmarchitekten Anthony Pratt trotz des verhältnismäßig geringen Budgets von einer Million Dollar gelungen, eine Vielzahl an beeindruckenden Settings und Effekten zu schaffen.

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Man nehme rote Farbe und ein paar weiße Tücher, schon hat man etwa einen futuristischen Konferenzraum geschaffen. Aber auch durch Spielereien mit Lichtreflexionen, Spiegelungen und Projektionen öffnen sich rauschhafte Bildwelten, die zwar typisch für das Kino der 1970er Jahre sind, in diesem Ausmaß und dieser hohen Qualität Zardoz aber zu einem Klassiker des psychedelischen Films machen. Ein immersives Sounddesign und die Musik von David Warner, die sich mit mittelalterlichen Instrumenten am Allegretto von Beethovens 7. Symphonie abarbeitet, tut dazu ihr Übriges.

Dass Boorman Zardoz in dieser Form verwirklichen konnte, ist wohl allein dem Überraschungserfolg seines vorigen Films, Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverance, 1972), zu verdanken. Ansonsten wäre einem dieser Mythos auf Acid wahrscheinlich vorenthalten geblieben. Umso schöner ist es, dass es manche zum Scheitern verurteilte Projekte auch ins Kino schaffen und dreißig Jahre später immer noch mit ihrem sonderbaren Charme bezaubern.

Trailer zu „Zardoz“


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