Treibgut

Fast unsichtbar ist der einzige echte Frauenfilm der Nouvelle Vague geblieben, obwohl er in der Ästhetik wie im Gesellschaftsbild einen überraschend modernen Ton anschlägt.

Treibgut

In einer 2005 erschienenen Studie analysiert die französische Filmwissenschaftlerin und Gender-Forscherin Geneviève Sellier das Phänomen der Nouvelle Vague als ein Kino in der männlichen ersten Person Singular. Sie belegt, dass diese junge Bewegung zwar innovativ hinsichtlich der künstlerischen Formen war, aber in der Darstellung der französischen Gesellschaft in traditionelle, gar archaische Repräsentationsmuster zurückfiel, wo der (tragische) männliche Held als Alter Ego des Regisseurs einer passiven weiblichen Figur als Objekt der sexuellen Begierde gegenübersteht. Die Nouvelle Vague war in der Tat eine Revolution der Männer unter sich. Neben der außergewöhnlichen Agnès Varda, die häufig als „Mutter“ der Nouvelle Vague bezeichnet wird, gab es lediglich eine einzige weitere Autorin, die zwischen all den männlichen Kollegen beinahe unsichtbar geblieben ist: Paula Delsol, die unter anderem Skriptgirl für Truffauts Kurzfilm Die Unverschämten (Les Mistons, 1957) war und die neben ihren Debütfilm Treibgut (La dérive, 1962) lediglich einen zweiten Langfilm realisierte.

Treibgut

Treibgut, dessen Protagonistin Jackie von einer Laiendarstellerin (Jacqueline Vandal) gespielt wird, wurde als unabhängige Produktion in natürlichen Dekors in den Dünen und Fischerdörfern der Camargue in der Nähe von Narbonne gedreht. Der Film ist das Porträt einer jungen „abgedrifteten“ Frau, die ohne Illusionen und Schuldgefühle amouröse und sexuelle Begegnungen mit mehreren Männern lebt und deren einziger Zukunftshorizont die kategorische Ablehnung des Schicksals von Mutter und Schwester ist: ein Leben zwischen Haushalt und Kindern. Als emanzipierte Frau fordert Jackie für sich dieselbe Freiheit wie die Männer, auf die sie sich einlässt, behält dabei aber zugleich eine mädchenhaft-romantische Vorstellung von der großen Liebe. In einem für seine Zeit recht freizügigen Ton entblößt der Film auch die männlichen Verführungsstrategien und fordert in seinem ambivalenten Frauenbild die damaligen gesellschaftlichen Konventionen heraus. Aufgrund seiner Kühnheit verglich Truffaut Delsols Werk mit den ersten Filmen Ingmar Bergmans. Das Dilemma der modernen Frau zwischen Selbstbestimmung und Anpassung löst Treibgut allerdings nicht auf; in den anderen Frauenfiguren spiegeln sich Jackies Zukunftsperspektiven als gelangweiltes Hausmütterchen oder desillusionierte Trinkerin. Selbst das vermeintliche Happy End des Films ist nicht viel mehr als eine weitere Kreisbewegung auf Jackies Gefühlskarussell.

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