The Tree

Ein netter Film über den Tod – mit süßen Kindern, schönem Baum und Charlotte Gainsbourg.

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Ein kleines Mädchen glaubt, dass sein toter Vater als Feigenbaum weiterlebt. Der riesige Baum vor dem Haus der Familie O’Neil spricht nicht nur mit der achtjährigen Simone (Morgana Davies), er bekommt außerdem einen heftigen Eifersuchtsanfall, als Mutter Dawn (Charlotte Gainsbourg) nach einer längeren Trauerphase mit dem Klempner George (Marton Csokas) anbändelt. Nachdem Dawn für eine Nacht nicht nach Hause gekommen ist, zertrümmert Vater mit seinen Ästen das Schlafzimmerfenster und breitet sich mit seinen Zweigen im einstigen Ehebett aus.

Das mag albern klingen, wird von der französischen Regisseurin Julie Bertuccelli aber über eine weite Strecke als unspektakuläre Selbstverständlichkeit in Szene gesetzt. Obwohl der zunehmend angriffslustige Baum im späteren Verlauf unfreiwillig an Szenen aus Poltergeist (1982) erinnert, scheint Bertuccelli für ihren zweiten Spielfilm eher ein zurückhaltendes Trauerdrama im Stil von Der Vater meiner Kinder (Le père de mes enfants, 2009) im Sinn gehabt zu haben. Bereits in ihrem Kinodebüt Seit Otar fort ist (Depuis qu'Otar est parti, 2003) hat die frühere Regieassistentin von Krzysztof Kieslowski und Bertrand Tavernier eine Familie porträtiert, die mit Hilfe der Fantasie den Tod eines Angehörigen bewältigt.

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In Otar wird einer alten Frau von ihrer Tochter und ihrer Enkelin anhand gefälschter Briefe vorgeschwindelt, der innig geliebte, im Ausland verunglückte Sohn sei noch am Leben. Als die Lüge schließlich auffliegt, beschließt die Alte, an dem Märchen festzuhalten und es sogar weiterzuspinnen. Zwar tritt der Sohn nie ins Bild, er ist durch die Erzählungen der drei Frauen aber dennoch allgegenwärtig. In The Tree erscheint der Vater nur kurz in der Eingangssequenz (und einmal in einer Rückblende), bevor er unerwartet einem Herzinfarkt erliegt. Anders als bei Otar oder Der Vater meiner Kinder bleibt er als Charakter schemenhaft, sodass sein Verlust vor allem behauptet und nicht ausreichend spürbar wird. Dass die Handlung zudem einen recht abrupten achtmonatigen Zeitsprung in die Zukunft hinlegt, ist ebenfalls hinderlich, um sich in das Geschehen einzufühlen.

Bertuccellis Film basiert auf Judy Pascoes Kinderbuch „Die Geschichte vom großen Baum“ („Our Father Who Art in the Tree“, 2002). Weniger überzeugend als die Romanvorlage vermittelt die Adaption die Perspektive eines Kindes. Mia Hansen-Løves Der Vater meiner Kinder ist in seiner Behandlung einer ähnlichen Thematik auch deshalb glaubwürdiger und berührender, weil sich Kinder und Teenager darin ihrem Alter entsprechend verhalten und nicht wie frühreife Buddhisten mit vereinzelten Bockigkeitsanfällen. Die achtjährige Simone ist hier ein weißblond gelockter Naseweis mit Engelsgesicht, der altkluge Sprüche klopft und sich zur resoluten Julia „Butterfly“ Hill entwickelt, als der reinkarnierte Vater abgeholzt werden soll.

Die Regisseurin hat ein Faible für entlegene Schauplätze, aber nicht immer ein gleich starkes Gespür für deren Besonderheiten. Otar spielt in Georgien, und die Scheu mancher Familienmitglieder, einer schmerzhaften Realität ins Auge zu blicken, steht dort auch für ihre Blindheit gegenüber den Verbrechen der Vergangenheit unter Stalin. Gleichzeitig gelingt es Bertuccelli, die schwierige ökonomische und soziale Situation Georgiens in fein beobachteten Alltagssituationen festzuhalten. Mit Australien hat sie sich für The Tree zwar einen Drehort ausgesucht, der für Naturphänomene prädestiniert scheint und einige schöne Widescreen-Totalen hergibt, den sie allerdings, spätestens wenn ein süßes Känguru grundlos vorbeihoppelt, zu sehr als Postkartenkulisse präsentiert.

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Selbst die durch Antichrist (2009) naturerprobte Charlotte Gainsbourg kann gegen die oberflächliche Umsetzung nicht genügend ausrichten. Dawn bleibt als Charakter vage und unzugänglich, ihr Verhältnis zum Klempner George verläuft allzu beliebig, und Bertuccellis Bilder für ihren Trauerprozess wirken häufig unspezifisch oder abgenutzt: das Öffnen der Vorhänge und Hereinlassen der Sonne nach dem Einigeln im dunklen Schlafzimmer; das Weinen beim Sex mit dem neuen Mann, da in den Gedanken beim verstorbenen.

Vielleicht funktionierte Bertuccellis Debütfilm auch deshalb besser, weil Trauer darin fast gar nicht stattfand. The Tree demonstriert leider, dass ihr zu dem Thema wenig Eigenes eingefallen ist.

Trailer zu „The Tree“


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